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Interview
07.08.2021

Filmstar Juliette Binoche: "Ich habe viel durchgemacht"

Die 57-jährige Juliette Binoche ist aktuell mit "Die perfekte Ehefrau" im Kino zu sehen.
Foto: picture alliance, dpa

Die große Juliette Binoche ist mit "Die perfekte Ehefrau" zurück im Kino. Sie spricht über Leidenschaften, die Befreiung im Alter und Quellen der Stärke.

Im Zentrum von „Die perfekte Ehefrau“ stehen Themen wie ‚Gleichberechtigung’ und ‚Frauenbefreiung’. Wann haben Sie diese Problematik zum ersten Mal bewusst wahrgenommen?

Juliette Binoche: Da war ich sieben.

Ganz schön früh.

Binoche: Meine Mutter ging auf Streiks und feministische Versammlungen, und da nahm sie mich mit. Ich habe alles mitbekommen.

Und?

Binoche: Ich war begeistert. Ein paar Jahre später schenkte mir mein Vater ein Tonbandgerät, und ich habe damit ganze Sendungen zum Thema Frauenrechte aufgenommen. Ich schwang große Reden, schwadronierte über „Männer, die ihre Periode bekommen“: Meine Leidenschaft war groß, aber ich hatte von nichts eine Ahnung.

Juliette Binoche: Das Lebensgefühlt im Alter ist "ein befreites"

Und in der Zeit beschlossen Sie, ein unabhängiges Leben zu führen?

Binoche: Mir ging es nie um Unabhängigkeit. Als ich 14 Jahre alt war, war ich in einer Theateraufführung, und am Ende war ich einfach nur glücklich. Ich erinnere mich, wie ich aufstand und applaudierte, und mein einziger Gedanke war: Wenn diese Schauspieler die Leute so glücklich machen können, dann will ich das auch tun. Da ist irgendetwas tief in mir getriggert worden, was ich gar nicht richtig verstehen konnte. Als ich dann mit 18 meinen Schulabschluss hatte, ging ich auf die Schauspielschule. Dort musste ich mich erst mal alleine durchschlagen, da mich meine Eltern nicht unterstützten. Genauer gesagt, meine Mutter zahlte den Unterricht, aber das war’s. Dann aber verliebte ich mich zum Glück. Und dieser Mann war nett genug, mir einen Unterschlupf zu geben und mein Essen und meine Kleidung zu bezahlen.

Das heißt, Sie waren nicht frei, sondern von einem Mann abhängig?

Binoche: Wenn die Liebe im Spiel ist, dann fragt man nicht mehr: Bin ich von jemand abhängig? Ich wusste einfach, was ich brauchte und was ich erreichen wollte. Ob ich dabei auf jemand angewiesen war, spielte keine Rolle. Wie gesagt, ich denke nicht in an meine sogenannte Unabhängigkeit. Abgesehen davon habe ich dann selbst Geld verdient, und ich habe das dann auch geteilt. Das war gar keine Frage.

Durch „MeToo“-Bewegung werden ja die Verhaltensweisen von Männern auf den Prüfstand gestellt. Wie empfinden Sie das?

Binoche: Entscheidend ist, dass wir Frauen Respekt bekommen. Ich finde es völlig in Ordnung, wenn ein Mann dich verführen will. Aber sexuelle Belästigung und Respektlosigkeit gehen einfach nicht mehr. Leider sind wir dieses Verhalten schon gewohnt, deshalb müssen wir es uns in Bewusstsein rufen, dass das nicht akzeptabel ist.

Gibt es denn eine Frau, die für Sie ein Vorbild ist?

Binoche: Ich habe eine ganz besondere Verbindung zu Juliette Greco. Wenn ich mich nicht irre, dann hat mich mein Vater nach ihr benannt. So gesehen ist sie schon Teil von mir gewesen, als ich noch im Mutterleib war. Ich habe sie später getroffen, war ganz überwältigt von ihrer Intelligenz und Kultiviertheit. Vor drei, vier Jahren, da war sie um die 90, habe ich sie auf der Bühne gesehen – sie war so was sinnlich. Das Alter konnte ihr nichts anhaben. Ich war so bewegt, dass ich die ganze Zeit weinen musste. Denn ich habe gesehen: Die Energie und Seele eines Menschen sind stärker als alles andere.

Sie selbst nähern sich langsam den 60. Was ist das für ein Lebensgefühl?

Binoche: Ein befreites. Ich habe im Leben manches durchgemacht, und ich weiß deshalb, wer ich bin. Deshalb habe ich eine andere Einstellung als früher, mit der ich die Dinge viel gelassener nehme. Das Einzige, was ich tun muss, ist meiner Intuition zu folgen.

Sie war glücklich, beim Tod ihres Vaters dabei sein zu können

Doch mit dem Älterwerden sind auch unangenehme Dinge verbunden – etwa der Verlust geliebter Menschen. Wie gehen Sie damit um?

Binoche: Vor zwei Jahren ist mein Vater gestorben, und vor so einem Schicksalsschlag habe ich mich natürlich gefürchtet. Aber als es dann so weit war, konnte ich mich damit abfinden. Es war keine Tragödie, denn ich habe begriffen, dass das zum Leben dazu gehört. Eben weil ich es nicht verdrängt habe. Ich war glücklich, dass ich in diesem Moment dabei sein konnte, als es geschah. Und es war ein Gefühl, als würden die Dinge einfach weitergehen.

Früher haben Sie sich kritisch über Ihre Eltern geäußert, die sich scheiden ließen, als Sie ein Kind waren und Sie ins Internat steckten.

Binoche: Es war eher das Internat, mit dem ich meine Schwierigkeiten hatte. Diese Realität der Noten und Regeln war nichts für mich, deshalb war ich recht traurig. Und ich fühlte mich schlecht, weil ich anfangs Probleme mit dem Lesen lernen hatte. Aber ich habe mich dann beim Spielen in der Freizeit ausgetobt, ich bin in andere Rollen geschlüpft und deshalb hatte ich auch meine Freude. Ich würde daher sogar sagen, dass ich eine glückliche Kindheit hatte. Um das zu erleben, ist man nicht auf seine Eltern angewiesen.

Aber Sie fühlten sich doch von Ihren Eltern verlassen. Hat Sie das nicht geprägt?

Binoche: Natürlich ist so etwas schlimm. Verlassen zu werden ist eine der größten Ängste überhaupt. Du brauchst ein ganzes Leben, um damit klarzukommen. Doch gleichzeitig musst du auch verstehen, wie viel Glücksgefühl in dir selbst steckt. Das musst es dir nur bewahren und immer wieder daraus schöpfen. Dann hinterlassen die negativen Erfahrungen keine Spuren.

So hat Juliette Binoche Frieden mit ihren Eltern gemacht

Sie haben also mit Ihren Eltern Frieden gemacht?

Binoche: So kann man das ausdrücken. Natürlich habe ich herumgejammert, dass mich meine Eltern vernachlässigten. Aber ich weiß jetzt, dass das Leben nicht perfekt ist. Jeder tut sein Bestes. Und so auch meine Eltern. Sie hatten ihre Schwächen, aber auch ihre Stärken. Manches habe ich von ihnen nicht bekommen, dafür habe ich ihnen wiederum andere Sachen zu verdanken. Sie haben mich auf ihre Weise geliebt, eben nicht so, wie ich mir das damals gewünscht hätte. Jetzt sehe ich sie mit viel klarerem, ruhigerem Blick. Ich weiß, dass ich nicht alles auf die Goldwaage legen muss. Und ich kann inzwischen über vieles lachen.

Wann haben Sie das für sich begriffen?

Binoche: Das war ein Prozess. Da gibt es keinen fixen Moment. Das ist eben einer der großen Vorteile des Älterwerdens. Ich habe eine gewisse Distanz zu den Dingen entwickelt. Was nicht heißt, dass ich zwischen mir und den anderen eine Trennlinie ziehe. Ich habe eben einfach keine Vorurteile, sondern nehme die Menschen so, wie sie sind.

Was hat Ihnen zu diesen Einsichten verholfen?

Binoche: Abgesehen vom Leben selbst gibt es bestimmte Bücher, die für mich wichtig waren. Etwa „Die Symbolik des Leibes“ von Annick de Souzenelle. Sie schreibt davon, dass du als junger Mensch immer glaubst, dass du die Welt verändern möchtest. Du glaubst, du hättest die Power dazu. Aber im Lauf der Zeit begreifst du, dass du das nicht mehr schaffen kannst. Du wirst gedemütigt. Und mit 50 akzeptierst du das, und auf diese Weise bekommst du eine Kraft von außen, die dir die nötige Stärke gibt. Sie hat etwas Spirituelles an sich. Darüber hast du keine Kontrolle, aber es ist ein großartiges Gefühl. Die rein rational-westliche Sicht der Dinge dagegen wäre mir da viel zu engstirnig, ich würde innerlich vertrocknen. Mit diesem Wissen versuche ich mich ständig weiterzuentwickeln. Damit verstehe ich viel besser, was in mir vorgeht, und meine Emotionen galoppieren nicht mit mir davon. Deshalb lasse ich mich auch nicht so leicht unterkriegen.

Zur Person: Die großen Filme mit Juliette Binoche sind Legion: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, „Verhängnis“ und „Drei Farben: Blau“, „Die Liebenden von Pont-Neuf“ und „Chocolat“, „Der englische Patient“ … Daneben spielte sie auch in Blockbustern wie „Godzilla“ und „Ghost in the Shell“. Jetzt, 37 Jahre nach ihrem Durchbruch in Godards „Maria und Joseph“, ist sie nun, mit 57, in „Die perfekte Ehefrau“ zu sehen.

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