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Interview
10.07.2021

Norbert Rier: "Ein bisschen heile Welt ist völlig in Ordnung"

Schaut voller Stolz auf seine Heimat: Norbert Rier, Sänger der Kastelruther Spatzen.
Foto: Andreas Brücken

Norbert Rier ist seit mehr als 40 Jahren Sänger der Kastelruther Spatzen. Ein Gespräch über Heimatliebe, Großfamilie und Italiens Erfolg beim ESC.

Herr Rier, Italien hat vor wenigen Wochen den ESC gewonnen. Wie gefällt Ihnen die wilde Glamrock-Band Måneskin?

Rier: Sehr gut. Ich finde die jungen Leute klasse. Auch das Lied mag ich sehr. Vor allem hat mich gefreut, dass die Band in ihrer Muttersprache singt.

So wie Sie.

Rier: Exakt. Wir sind italienische Staatsbürger, aber deutsche Muttersprachler. Wir fühlen uns als Südtiroler.

Ihr neues Album heißt „HeimatLiebe“. Wie schauen Sie selbst auf Ihre Heimat?

Rier: Voller Stolz und Ehrfurcht. Unsere Heimat ist ein Juwel. Ich mag es, dass bei uns Bräuche und Traditionen gepflegt und auch wirklich gelebt werden. Für jeden ist Heimat dort, wo er sich wohlfühlt. Und bei mir, bei uns, ist das mitten in den wunderschönen Dolomiten.

Sehen Sie sich als musikalische Botschafter Ihrer Region?

Rier: Durchaus. Es gibt immer wieder Menschen, die noch nie bei uns waren und dann wegen uns nach Südtirol in die Ferien gehen.

Sie haben vier erwachsene Kinder und drei Enkel im Alter von vier bis 16 Jahren. Können die was damit anfangen, wenn der Opa singt?

Rier: Natürlich. Die sind alle mit unserer Musik aufgewachsen. Auch die Enkelkinder singen die Spatzen-Lieder mit. Sie lieben auch unsere Konzerte, vor allem die Open Airs. Wir sind generell nicht auf eine Altersgruppe fixiert. Zu uns kommen alle, von Kindern bis zu Menschen im hohen Alter. Gerade in letzter Zeit haben wir viele Fans im Teenageralter dazugewonnen. Die finden unsere Musik cool und singen richtig mit. Die Jugendlichen kennen teilweise alle Texte von uns auswendig.

"Die Band ist heute widerstandsfähig wie eine alte Eiche"

Sie waren 20, als sie bei den Spatzen eingestiegen sind. Hätten Sie gedacht, dass das eine Lebensaufgabe wird?

Rier: Nein, überhaupt nicht. Wenn mir das damals jemand gesagt hätte, den hätte ich für verrückt erklärt. Die Band ist schön langsam und stetig gewachsen, ist heute fest und widerstandsfähig wie eine alte Eiche.

Auch Norbert Rier, der Sänger der Kastelruther Spatzen, fasst beim Heimtrieb der Tiere mit an.
Foto: Verena Wolff, dpa

Trotzdem arbeiten die meisten der Kastelruther Spatzen noch immer auch in ihren bürgerlichen Berufen. Sie selbst sind Landwirt und züchten Haflinger-Pferde. Lasten die Spatzen Sie nicht aus?

Rier: Doch, doch. Ich habe vielmehr das Glück, dass ich zwei Hobbys zum Beruf machen konnte. Ich bin sehr gerne Landwirt. Es war von Kindheit an klar, dass ich einmal den Hof übernehmen würde. Das mit der Musik hat sich dann so ergeben und gepasst. Man hat halt immer viel zu tun. Ich bin es gewohnt, den Tag um halb sechs in der Früh zu beginnen. Das ist für mich absolut positiver Stress.

Mit der Ruhe auf dem Hof ist es schon wieder vorbei

Sonst sind Sie immer mit den Kollegen unterwegs. Jetzt waren Sie daheim. Schön oder nicht schön?

Rier: Ungewohnt. Das war ein total anderes Leben. Ich bin seit 41 Jahren bei den Spatzen, und ich war noch nie so lange am Stück zu Hause. Mittlerweile haben wir wieder Hausgäste, die bei uns Urlaub auf dem Bauernhof machen. Mit der Ruhe ist es also wieder vorbei. Es war ohnehin die ganze Zeit viel zu tun. Auf dem Hof und auch im Tonstudio. Wir bringen ja im Herbst schon unser nächstes Album heraus.

Wird eines Ihrer Kinder später dann den Hof von Ihnen übernehmen?

Rier: Das hoffe ich doch sehr. Vielleicht macht der Alexander, der selbst seit zehn Jahren im Schlagerbereich erfolgreich ist, den Hof weiter. Oder wer weiß, vielleicht gleich einer von den Enkeln. Ich selbst will aber so viel wie möglich und so lange wie möglich noch selbst machen.

Sie hatten vor einigen Jahren was am Herzen. Ein Warnschuss?

Rier: Richtig, ich habe vor dreieinhalb Jahren eine neue Herzklappe bekommen, das war alles nicht ohne, und die Genesung war langwierig. Da habe ich gemerkt, wie schwach ein Mensch doch sein kann. Das hätte ich nie gedacht. Schön langsam musste ich mich wieder heranarbeiten. Was war das für eine Freude, als ich endlich wieder anfangen konnte, Treppen zu steigen.

Wer hat auf Sie aufgepasst?

Rier: Meine Frau hat sehr genau auf meine Therapie achtgegeben. Für mich war wichtig, dass ich wieder auf die Berge raufkann. Da habe ich inzwischen auch keine Einschränkungen mehr. Ich hoffe, ich habe aus dieser Zeit gelernt, mich noch weniger stressen zu lassen und das Gemütliche genießen zu können.

Nach seiner Corona-Erkrankung hat er nun seine Impfung erhalten

Corona hatten Sie letztes Jahr auch.

Rier: Ja, das war aber nicht so schlimm. Ich konnte lediglich drei Tage lang nichts riechen und nichts schmecken. Mittlerweile habe ich meine Impfung bekommen. Das passt alles.

„Endlich wieder Kastelruth“ heißt euer Lied, das sich um euer alljährliches „Spatzenfest“ dreht. Sind Sie guter Dinge, dass es in diesem Jahr stattfindet?

Rier: Hundertprozentig kann man sich zurzeit nicht festlegen, aber wir hoffen doch sehr, dass wir das „Spatzenfest“ im Oktober feiern können. Grundsätzlich wollten wir auf der neuen CD nicht auf das Corona-Problem eingehen. Die Leute sind sowieso längst übersättigt von den ganzen Meldungen und Berichten. Wir wollen ihnen Ablenkung bieten.

"Wir verkörpern die Sehnsucht nach der heilen Welt"

In eine Welt, in der alles in Ordnung ist?

Rier: Es heißt ja immer so ein bisschen abwertend „die heile Welt“. Ja, ich stehe dazu: Wir verkörpern die Sehnsucht nach der heilen Welt. Ein bisschen heile Welt ist vollkommen in Ordnung.

Ihre heile Welt wurde 2018 erschüttert, als der damalige italienische Innenminister Matteo Salvini von der rechtsextremistischen Partei Lega das „Spatzenfest“ quasi kaperte, um bei Ihnen Wahlkampf zu machen.

Rier: Ja, er kam zum Frühschoppen. Ich hatte bis zum Schluss geglaubt, seine Anmeldung sei nur ein Gag, aber dann schauten die Ordnungshüter, ob in den Zelten auch nichts Verdächtiges herumliegt und na ja, dann war klar, er kommt wirklich.

Hättet ihr ihn nicht ausladen können?

Rier: Wenn der Minister kommt, ist das schon etwas Besonderes, egal, wie man zu ihm und seiner Politik steht. Er hatte geplant, dorthin zu kommen, wo er ein großes Publikum findet. Er hat dann nur kurz die Leute begrüßt und war wieder weg. Zum Glück ist wenigstens alles ruhig und ohne Tumult verlaufen. Wir versuchen schon, uns von der Politik fernzuhalten. Die Spatzen sind so unpolitisch wie möglich.

Ihre Lieder sind in jedem Fall von unerschütterlichem Optimismus.

Rier: Das stimmt. Die Zuversicht ist tief in mir verankert. Ich glaube fest daran, dass man niemals den Mut und die Hoffnung verlieren sollte.

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