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Interview
14.08.2021

Viggo Mortensen: „Ich denke jeden Tag an die beiden“

Viggo Mortensen spielt nicht nur in "Falling", er führt auch erstmals Regie.
Foto: dpa-Bildfunk

Filmstar Viggo Mortensen hat kurz hintereinander Mutter und Vater verloren. Sein Film „Falling“ ist eine Verarbeitung. Er spricht über Tod, Familie und das Alleinsein.

Herr Mortensen, wenn man als Schauspieler ohne jegliche Regie-Erfahrung seinen ersten Film inszeniert, ist das mit einem gewissen Grad an Selbstzweifel oder Unsicherheit verbunden?

Viggo Mortensen: Ich habe nichts gegen Zweifel. Die helfen nur, deine Arbeit besser zu machen – ich würde sogar sagen, sie sind eine Triebkraft, die für jede Art von Arbeit hilfreich ist, die du in der Öffentlichkeit zeigst. Aber das bezog sich nicht auf die Reaktion der Zuschauer. Die hat mich nicht nervös gemacht. Ja, ich hatte noch nicht einmal einen Kurzfilm gemacht, aber ich war bereit, mich als Regisseur zu versuchen. Wer „Falling“ nicht mag, kann mir die Schuld dafür geben. Aber das ist okay. Denn ich habe es genossen, die komplette Verantwortung für diesen Film zu tragen.

Aber das ist ja nicht nur irgendein Film. Offenbar ist die Geschichte eines pflegebedürftigen Witwers, der bei seinem Sohn unterkommen muss, von persönlichen Erlebnissen inspiriert.

Mortensen: Natürlich habe ich etwas von meinem Leben offenbart, doch in erster Linie ging es nur um die Familiendynamik generell. Die Geschichte als solche ist weitestgehend fiktiv. Der Auslöser war der Tod meiner Mutter 2015, aber das war eher indirekt. Als sie immer schwächer wurde und zunehmend in die Demenz abdriftete, begriff ich, dass ich sie nicht mehr zu bestimmten Dingen aus unserer Familiengeschichte befragen konnte. Ich musste mit dem auskommen, was ich schon wusste. Und bei ihrem Begräbnis traf ich dann Menschen, die meine Mutter von früher kannten und die mir völlig neue Geschichten über sie erzählten – oder bereits bekannte Geschichten aus neuem Blickwinkel. Ich merkte, dass Erinnerungen von einem Menschen eigentlich ein regelrechter Teppich sind. Auf dem Rückweg von der Trauerfeier begann ich zu schreiben, wobei ich mir eine fiktive Familie einfallen ließ, und bald kristallisierte sich heraus, dass das einen Film ergeben konnte.

Viggo Mortensen: "Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod"

Ihr Vater verstarb nach Ihrer Mutter. Wie lebendig sind die Erinnerungen an Ihre Eltern für Sie nun aktuell?

Mortensen: Ich denke jeden Tag an die beiden. Insbesondere an meine Mutter, bei der ich nach der Scheidung meiner Eltern aufwuchs. Es kann spontan vorkommen, dass sie mir konkret vorstelle, und sei es auch nur für eine Sekunde. Das sind sehr emotionale Erfahrungen, aber sie fühlen sich gut an. Genauso positive Gefühle löst es aus, wenn ich ein Foto von ihr anschaue. Ich mag es, dass ich von diesen Erinnerungen umgeben bin. Die sind etwas, worauf ich mich im Leben verlassen kann.

Wie schmerzvoll war es, die Endlichkeit des Lebens zu akzeptieren?

Mortensen: Es ist hart, aber an dieser Tatsache lässt sich nun mal nicht rütteln. Ich glaube auch nicht an ein Leben nach dem Tod. Und wenn man den Tod anderer akzeptiert, muss man sich auch damit abfinden, dass man selbst nicht ewig da sein wird. Die einzige sinnvolle Haltung dazu hat für mich Sigmund Freund formuliert: „Wenn du das Leben willst, bereite dich auf den Tod vor.“ Und das darfst du nicht negativ verstehen. Sei dir dieser Tatsache bewusst, freunde dich mit ihr an, und dann wirst du ein erfüllteres Leben führen können – ohne Selbstverleugnung.

Wobei ja der Tod theoretisch jede Sekunde eintreten kann.

Mortensen: Auch das müssen wir akzeptieren. Das Leben ist nun einmal voller Ungewissheit. Ja, wir versuchen, unsere Erinnerungen zu filtern und unsere Gegenwart im Geiste zu kontrollieren, damit sich das Leben vorhersehbar anfühlt. Aber damit machen wir uns etwas vor. Wer weiß, vielleicht werden wir morgen von einem Auto überfahren. Und wie unberechenbar alles ist, ist selbst denjenigen, die das aggressiv leugnen, durch die Pandemie bewusst geworden.

Was Sie aber mit großer Gelassenheit kommentieren.

Mortensen: Weil ich mich damit abgefunden habe, dass ich jeden Tag mit neuen Hindernissen konfrontiert bin. Ich kann mich darüber aufregen oder frustriert sein, aber damit verschwinden die Probleme nicht.

Viggo Mortensen: "Ich muss mit niemandem sprechen"

Inwieweit sind Sie in Ihrer Lebenseinstellung von Ihren Eltern geprägt?

Mortensen: Natürlich sind unsere Eltern unsere Vorbilder. Die Vergangenheit kontrolliert uns und macht uns zu denen, die wir sind, ob uns das gefällt oder nicht. Doch wir müssen auch unter dem Schatten unserer Eltern hervorkriechen. Und das können wir, indem wir uns hinterfragen. Das ist sehr gesund, ich mache das auch ständig – sowohl in Bezug auf mich und auf die Rollen, die ich spiele. Mich interessiert immer die Hintergrundgeschichte einer Figur: Was ist mit dieser Person geschehen, bevor die Handlung einsetzt? Was hatte sie für eine Kindheit? Welche Beziehungen hatte sie?

Doch welche Fragen stellen Sie sich in Bezug auf sich selbst?

Mortensen: Sehr viele. Zum Beispiel, warum ich mit einer bestimmten Art von Menschen Freundschaften geschlossen habe. Oder weshalb ich mit einem bestimmtem Typ von Frauen intime Beziehungen hatte. Warum ist das so? Das muss mit den Prägungen meiner Kindheit zu tun haben. Einerseits sind wir selbständige Individuen und andererseits sind wir die Ergebnisse aller Einflüsse, denen wir ausgesetzt waren und sind. Das ist ein hoch komplexer Prozess.

Sie sind selbst Vater eines 33-jährigen Sohnes. Sagen Sie sich manchmal „Dies und das hat er von mir“?

Mortensen: Natürlich denkt man sich manchmal: „Das erinnert mich an mich. Oder an seine Mutter.“ Aber er ist definitiv sein eigener Mensch, selbst wenn er durch seine Erziehung geprägt ist. Es gibt vieles, mit dem er mich überrascht. Wenn ich darauf bestehen würde, dass er nur ein Abziehbild meiner selbst ist, dann würden mir diese Unterschiede entgehen. Es ist generell wichtig, dass wir die Individualität unserer Mitmenschen akzeptieren, ob in einer Familie, einer Liebesbeziehung oder bei der Arbeit. Als Regisseur habe ich es begrüßt, wenn alle Beteiligten ihre Ideen und Sichtweisen eingebracht haben. Denn dadurch kann eine Beziehung oder in diesem Falle ein Film nur besser werden. Er bekommt mehrere Schichten.

Wobei die Vaterfigur des Films ein Problem damit hat, die Eigenständigkeit seines schwulen Sohns zu akzeptieren.

Mortensen: Das ist eines der Grundthemen. Die Charaktere stehen vor der Herausforderung, andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind, anstatt sie nach den eigenen Vorstellungen umzuformen. Aber wer das schafft, der kann sich auch selbst so annehmen, wie er oder sie ist.

Allerdings gibt es in der Gesellschaft immer noch eine enorme Intoleranz für andere Lebenseinstellungen und -stile.

Mortensen: Ich bin von Haus aus Optimist. Wir sind auch auf diesem Weg schon weit gekommen, müssen nicht mehr von null anfangen. Gleichzeitig sind Gedankenmuster, die andere ausgrenzen, in unseren Instinkten verankert, und es gibt immer wieder neue Formen von Rassismus. Doch wenn sich jede Generation in dieser Hinsicht selbst erzieht, dann werden wir in unserer Entwicklung voranschreiten.

Wir haben viel über die Entwicklung von Individualität gesprochen. Inwieweit haben Sie sich eigentlich selbst gefunden und akzeptiert, so wie Sie sind?

Mortensen: Ich fühle mich in meiner eigenen Haut wohl. Und zwar so weit, dass ich Tage, wenn nicht sogar Wochen für mich alleine klarkomme. Ich muss mit niemand sprechen, finde Möglichkeiten, mich zu betätigen, ohne deshalb nervös zu werden. Aber ich habe natürlich Zweifel und Unsicherheiten wie jeder andere Mensch. Sie sind lästig, aber ich gehe offen damit um und versuche, ihnen nicht auszuweichen. Ich habe auch kein Problem, wenn andere Menschen anderer Meinung als ich sind. Letztlich lässt sich das alles auf die Erkenntnis zurückführen, wie kurz das Leben ist. Und genau aus diesem Grund will ich das Beste daraus machen.

Zur Person Viggo Mortensens Massenerfolg war der Aragorn in „Der Herr der Ringe“ . Aber für den Oscar nominiert war er mit vier anderen, eher Charakter-Hauptrollen, zuletzt in „Captain Fantastic“ und „Green Book“. Jetzt ist Mortensen in „Falling“ zu sehen, zugleich sein Regiedebüt. Er wurde am 20.10.1958 in Manhattan als Sohn eines dänischen Geschäftsmanns geboren. Er ist zudem Dichter, Maler, Musiker – und wurde in Dänemark zum Ritter geschlagen.

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