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Interview

14.11.2019

Julie Delpy: „Harvey Weinstein ist nur ein kleiner Fisch“

Julie Delpy, 49, jetzt als Regisseurin und Hauptdarstellerin mi  "My Zoe" im
Bild: Jörg Carstensen, dpa

Schauspielerin und Regisseurin Julie Delpy über die Schwierigkeiten als Frau in der Filmbranche - und warum #MeToo bislang nur an der Oberfläche gekratzt hat

Vor zwei Jahren hielten Sie beim Europäischen Filmpreis eine sehr leidenschaftliche Rede, mit der Sie um die Finanzierung Ihres neuen Films „My Zoe“ kämpften. Damals klangen Sie ehrlich verzweifelt.

Julie Delpy:

Über die Schwierigkeiten, Filmprojekte auf die Beine zu stellen, klagen dieser Tage mehr und mehr Regisseure und Regisseurinnen. Verdirbt das allmählich die Freude am Beruf?

Delpy: Es wird zumindest immer schwieriger, die Leidenschaft aufrechtzuerhalten. Denn zumindest ich frage mich mehr denn je: Lohnt sich all das Leiden am Ende überhaupt? Von der Arbeit an „My Zoe“ zum Beispiel habe ich mich immer noch nicht erholt, selbst jetzt, wo der Film in die Kinos kommt. Jeder Tag bei diesem Projekt fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht, von der Vorbereitung bis hin zum eigentlichen Dreh, der trotz meiner tollen Mitstreiter aus Zeit- und Geldmangel unglaublich anstrengend war. Mal sehen, was ich sage, wenn ich das alles etwas weiter hinter mir gelassen habe. Aber vielleicht sollte ich mir irgendwann eine Alternative zum Filmemachen überlegen, denn so ist es mir wirklich zu anstrengend.

Julie Delpy: „Harvey Weinstein ist nur ein kleiner Fisch“

Stimmt es, dass Sie die erste Idee zu „My Zoe“ bereits hatten, als Sie mit Krzysztof Kieslowski „Drei Farben: Weiß“ drehten?

Delpy: Zumindest im Anschluss an den Dreh, ja. Denn währenddessen hatte ich mit Kieslowski viel über meine Pläne gesprochen, selbst zu schreiben und zu inszenieren. Er war da einer der wenigen, die mich in dieser Hinsicht unterstützt haben. Die meisten anderen warnten eher: O, wenn du das machst, wirst du als Schauspielerin weniger geheimnisvoll wirken. Viele Regisseure werden dich nicht mehr engagieren wollen. Womit sie übrigens Recht hatten.

„Eine Frau hinter der Kamera gilt als anstrengend“

Tatsächlich?

Delpy: Ja, ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Kollegen plötzlich zögerten, mich zu besetzen, nachdem ich Regie geführt hatte. Sie dachten, sie sei zu dominant oder meinungsstark. Erst neulich stand ich wieder für jemanden vor der Kamera, der die ganze Zeit erstaunt zu mir sagte, dass ich so unkompliziert und einfach im Umgang sei. Das fand ich irgendwann richtig beleidigend. Er hatte wohl jemanden erwartet, der kontrollsüchtig ist und ihn unterbuttern will. Dabei kann ich mich wunderbar der Vision eines anderen unterordnen, das ist doch schließlich meine Aufgabe als Schauspielerin. Aber als Frau hinter der Kamera hast du automatisch den Ruf weg, anstrengend zu sein.

Über Ihre männlichen Kollegen wird so etwas mutmaßlich nicht automatisch gesagt.

Delpy: Natürlich nicht. Dabei sind einige von denen mit Sicherheit sehr viel anstrengender als ich es bin. Leider ist das Phänomen ja altbekannt: als starke Frau – oder jemand, der dem Bild einer starken Frau entspricht – musst du immer erst einmal die Hürde überwinden, dass die Leute Angst vor dir haben. Wobei sich ja nach und nach die Strukturen ein wenig zu ändern scheinen.

Sie sehen also eine positive Entwicklung?

Delpy: Insgesamt schon. Ich war vor etlichen Jahren eine der Ersten, die lautstark kritisiert haben, dass in der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die die Oscars vergibt, zu viele alte weiße Männer sitzen. Damals waren alle stinksauer auf mich, inzwischen gibt es in der Academy eine regelrechte Diversitätsinitiative, die natürlich dringend nötig war. Das Muster kannte ich schon: Ich bin der Buhmann, weil ich unverblümt bin und die Wahrheit sage – und erst Jahre später gestehen sich alle ein, dass ich recht hatte. So erging es mir schon als 18-Jähriger.

„An die wirklichen Abgründe noch nicht herangetraut“

Als Ihnen gerade mit Filmen von Godard und Tavernier der Durchbruch gelungen war?

Delpy: Ja, genau. Ich habe damals öffentlich angeprangert, wie viele männliche Regisseure sich unmöglich gegenüber Schauspielerinnen benehmen, bis hin zu sexueller Nötigung und mehr. Die Leute sind durchgedreht. Was mir einfallen würde, so über diese großen Künstler zu sprechen! Ich wurde als moralistische, spaßbefreite Fotze beschimpft und von der Presse genauso wie der Branche in der Luft zerrissen. Deswegen habe ich Frankreich damals den Rücken gekehrt und bin in die USA gegangen. Nicht dass der Betrieb da anders funktionierte. Aber immerhin konnte ich von vorne anfangen und stand nicht diesem Hass gegenüber.

Zu solchen Themen haben Sie sich später, als die gesamte Branche von der #MeToo-Bewegung gepackt wurde, nicht mehr wirklich geäußert, oder?

Delpy: Richtig, das war mein fester Vorsatz. Denn glauben Sie mir: Harvey Weinstein ist in diesem Ozean nur ein kleiner Fisch gewesen. Deswegen habe ich mir eigentlich vorgenommen, alles andere erst auszupacken, wenn ich irgendwann mal meine Memoiren schreibe und viele Beteiligte sicherlich tot sind. Im Moment sind viele noch immer in wichtigen Machtpositionen. Und angreifbar werden die meisten Männer leider erst, wenn sie irgendwie angeschlagen sind. War ja bei Weinstein auch so. Das ist letztlich das Problem: Bislang haben wir mit #MeToo nur an der Oberfläche gekratzt. An die wirklichen Abgründe und die ganz hässlichen Details hat sich noch überhaupt niemand herangetraut. Was man aber auch kaum jemandem vorwerfen kann. Ich selbst habe mich, wie gesagt, auch für Selbstschutz und den Blick nach vorne entschieden. Selbst als die New York Times 2017 anklopfte.

Sie meinen die Reporter und Reporterinnen, die damals die Causa Weinstein enthüllten?

Delpy: Ja, genau. Meine gute Freundin Katherine Kendall, die als eine der ersten Schauspielerinnen öffentlich über ihre Erfahrungen mit ihm sprach, hatte ihnen erzählt, dass ich Millionen von Geschichten kennen würde über Agenten, Manager und dieses ganze System, das in Hollywood sexuellen Missbrauch möglich macht. Bei den Anfragen der New York Times hatte ich allerdings schnell das Gefühl, dass es weniger um systematische Aufklärung als vor allem um schmutzige Schlagzeilen ging. Das ärgerte mich, und so habe ich schließlich einen Rückzieher gemacht. Und natürlich auch, weil mir selbst körperlich nichts angetan worden war. Ich habe immer sehr früh angefangen, mich zu wehren und Nein zu sagen. Aber auch dafür habe ich natürlich einen Preis gezahlt. Meine Karriere als Schauspielerin hätte sehr anders verlaufen können, wenn ich nicht so viele Leute vor den Kopf gestoßen hätte.

 

Machte mit ihrem Bekenntnis, dass Harvey Weinstein sie sexuell belästigt haben soll, anderen Frauen Mut, ihr Schweigen zu brechen: Ashley Judd.
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Bild: Mike Theiler, dpa (Archivbild)
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