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Interview

21.11.2020

Sängerin Ina Müller: "Ich turne bis zur Urne"

Sängerin Ina Müller hat ein neues Album herausgebracht. Hier erzählt sie von ihrer Jugend und auch vom "ersten halben Mal".
Bild: Sandra Ludewig, Sony Music

Ina Müllers neues Album heißt "55". Hier spricht sie spricht über das, was ihr am Altern Angst macht, über Süchte – und über Sex.

Viele Ihrer neuen Lieder sind melancholisch. Sie drehen sich um Ex-Partner, das erste halbe Mal, die Zeit, die davon fliegt und früher, als alles leichter war. Neigen Sie dazu, die Vergangenheit zu verklären?

Müller: Ich habe 55 glückliche Jahre auf dieser Welt verbracht. Zum ersten Mal fühle ich das nicht mehr so, seit es Corona gibt und sehr viele große und wichtige Länder auf der Welt von Despoten regiert werden. Früher dachten wir, es würde nie wieder Krieg geben, weil wir viel zu aufgeklärt sind. Da bin ich mir heute überhaupt nicht mehr sicher. Dieses Thema ist dann auch in das eine oder andere Lied hineingeflossen. Die Unsicherheit und die Angst. Und die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit. Die vergangenen 50 Jahre waren doch die fettesten. Es gab alles, was wir brauchten, und wenig, was wir richtig beschissen fanden. Es gab die Emanzipation, die Pille, Antibiotika, Impfstoffe. Heute kennen wir natürlich die Nachteile für die nächsten Generationen, die wir verursacht haben.

Politische Auseinandersetzungen werden heute sehr aggressiv geführt. Sorgt das bei Ihnen für Politiklust oder -frust?

Müller: Ich bin ganz froh, dass wir eine besonnene Angela Merkel als Kanzlerin haben. Ich bin zwar vom Virus, aber eigentlich nicht von der politischen Situation in Deutschland gefrustet. Die Regierung versucht ihre Bevölkerung zu schützen, indem sie sagt: Bitte wascht euch die Hände, tragt Masken und hört auf zu feiern! Es geht hier um ein Virus, das wir nicht kennen. Und wer sollte da auch die Verantwortung übernehmen, und sagen: „Ok, nehmt die Masken ab, lass’ laufen, mal gucken was passiert“. Die Politik? Drosten? Der Papst?

Haben alle Ihre Lieder autobiografische Bezüge oder schnappen Sie das Futter für Ihre Geschichten im Alltag oder Nachtleben auf?

Müller: Ich hatte jetzt vier Jahre Zeit, Ideen zu sammeln. Ich glaube nicht, dass ich jedes Jahr ein richtig gutes Album machen könnte. Ich habe schon über so viele Themen gesungen, da dauert es einfach länger, bis mich mal wieder etwas anspringt. Wenn dann eine gute Idee da ist, dann ist es jedes Mal wie ein Fest. Wie zum Beispiel beim Eichhörnchensong. Eichhörnchen haben ja kein Navi und vergessen direkt, wo sie die Nüsse verbuddelt haben. Und so steh ich auch manchmal in der Küche und denke: „Öööhhh …“

Sind Sie Ihrer Vergesslichkeit mal auf den Grund gegangen?

Müller: Ich habe einen Test im Netz gemacht, und der sagt, ich bin im Kopf genauso fit wie Donald Trump, der den auch gemacht hat! Aber im Ernst, ich habe echt Angst davor, im Alter tüdelig zu werden. Dass der Körper älter wird, das akzeptiere ich ja schon länger, aber ich möchte, dass mein Kopf fit bleibt.

Was machen Sie, wenn Sie in der Stadt zufällig einen Bekannten treffen, dessen Namen Ihnen partout nicht einfallen will?

Müller: Ja, dann sage ich: „Hey du! Na!“ Namen merken fand ich aber immer schon schwer. Auf der Bühne funktioniert das noch dank meines guten Kurzzeitgedächtnisses sehr gut. Aber wenn ich auf der Straße jemanden treffe, der nicht gerade in meinem Vorderlappen hängt, ist es manchmal schwierig. Darf ich Ihnen erzählen, warum das mit den Namen so schwierig ist?

Ich bitte drum!

Müller: In unseren Gehirnregionen gibt es keinen Platz für Namen, weil wir dieses Wissen in der Steinzeit nicht gebraucht haben. Damals hieß noch niemand Uwe. Wir mussten uns aber Gesichter merken. In unserer Evolution ist ein Gesichtsausdruck wichtig, um zum Beispiel auf einen Menschen zulaufen oder von ihm weglaufen zu können. Gefahr oder Liebe. Das war damals lebensrettend. Es hat mich sehr beruhigt, als ich das gelesen habe.

Wann haben Sie zuletzt rot gesehen – wie in Ihrem Lied – ein Laptop aus dem Fenster geworfen?

Müller: Zum Glück noch nie, aber wenn ich unterzuckert bin, lege ich gerne den Finger in die Wunde. Das kann ich leider ganz gut. Und was generell Zucker angeht, da neige ich echt zur Abhängigkeit. Ich esse Schokolade und Kekse, und habe direkt Linderung. Deshalb gibt es ja oft auch diesen Vergleich zwischen Zucker und Koks. Aber Koks war so schlecht singbar, deshalb singe ich: „Wie Heroin stillt der Zucker meine Nerven. “ Ich habe aber zum Glück weder Koks noch Heroin je in meinem Leben ausprobiert. Bei mir ist es Zucker, Alkohol und Nikotin, und das reicht ja auch.

„Viele Feuer sind erloschen, nur eines glüht konstant – die Kippe in der Hand“. Wie wirkt Nikotin bei Ihnen?

Müller: Auf jeden Fall keine klassische, körperliche Abhängigkeit. Immer wenn ich wieder angefangen habe zu rauchen, war es eine „Jetzt würde ich gerne eine rauchen“-Situation. Eine Zigarette in diesem Moment, und zu diesem Getränk. Mein Lied „Rauchen“ ist aber keine Hommage an die Zigarette oder an das Rauchen an sich. Ich hab nur irgendwann festgestellt, dass ich immer mit den Rauchern abhing. In der Schule, an der Bushaltestelle, im Zug, auf Partys. Und deshalb weiß ich, dass ich auf jeden Fall heute andere Freunde und auch andere Geschichten zu erzählen hätte, hätte ich nie angefangen zu rauchen.

Wie waren Sie in Ihrer Sturm- und Drang-Zeit?

Müller: Meine Mutter nannte mich immer „Sonderling“. Ich weiß aber gar nicht genau, warum. Vielleicht, weil ich ein bisschen anders angezogen war als die Anderen. Und auch immer ein bisschen anstrengender war als die Anderen. Irgendwann wollte ich cool sein und rauchte eine mit. Die erste Zigarette war fürchterlich, aber das habe ich beim „ersten halben Mal“ auch gedacht. Wenn es das ist, worüber hier seit hunderten von Jahren in den Liebesliedern gesungen wird, dann aber schönen Dank, Marie!

Wie alt waren Sie beim „ersten halben Mal“?

Müller: 17. Ein verklemmter Spätzünder, aber für mich genau richtig. Ich hätte nicht mit 14 Sex haben können. Das hätte mich fürs Leben verstört.

Wer hat Sie aufgeklärt?

Müller: Wir hatten in der Schule ganz klassischen Sexualkundeunterricht. Da waren ein nackter Mann und eine nackte Frau mit Kreide an die Tafel gemalt – mit den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen. Uns wurde der Sex erklärt und wie die Kinder gemacht werden und wie sie auf die Welt kommen. Ich erinnere mich noch, wie mich wochenlang die Frage gequält hat, was wohl passiert, wenn man beim Sex machen pinkeln muss. Das war für mich eine schlimme Vorstellung. Irgendwann habe ich mich getraut, sie zu stellen.

Welche Antwort bekamen Sie?

Müller: Meine Lehrerin sagte: „Man muss nicht pinkeln, wenn man Sex hat!“ Zack, war das Thema auch geklärt.

Wo lagern Sie eigentlich all die Preise, die Sie gewonnen haben?

Müller: Sie befinden sich sicher und in feinstem Pergamentpapier eingewickelt auf meinem Schrank. Die massiven und formschönen Preise - wie die Henne und den Comedypreis - nutze ich als Türstopper. Aber wie gesagt, ich bin jetzt nicht mehr hier für Preise, ich kämpfe jetzt nur noch gegen den Verschleiß - und zwar bis an mein Lebensende. Ich turne bis zur Urne.

Zur Person: Als vierte von fünf Töchtern einer Bauernfamilie im niedersächsischen Köhlen aufgewachsen wurde Ina Müller erst Apothekerin – und dann mit dem Kabarett-Duo „Queen Bee“ bekannt. Ihr erstes Solo-Album erschien 2004. 2007 begann nach dem ersten Moderationserfolg mit „Inas Norden“ ihre bis heute andauernde Late-Night-Show „Inas Nacht“, inzwischen ergänzt von „Inas Reisen“. Jetzt ist ihr neuntes Album erschienen, „55“, und so viele Konzerte will die 55-jährige Partnerin des Sängers Johannes Oerding damit 2022 auch spielen.

Lesen Sie auch: Ina Müller lernt Englisch mit YouTube

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