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Jugendforschung

17.01.2020

So tickt die neue Generation Alpha

Die Generation Alpha folgt auf die Generation Z.
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Die Generation Alpha folgt auf die Generation Z.
Bild: Stock.adobe.com/az

Nach Generation Z kommt jetzt Alpha. Forscher wie Simon Schnetzer kennen bereits die Sorgen, Probleme und Ängste der Kinder, die bis 2025 auf die Welt kommen. Ein Ausblick.

Nennen wir sie Emma, etwa zwei Jahre alt, sitzt auf dem Sofa und guckt sich mit Papa „ihre Bilder“ auf seinem Smartphone an, also einen Teil jener sicher rund 5000 Fotos, die seit ihrer Geburt mit dem Handy entstanden sind und der Grund waren, weshalb das Mädchen seine Eltern häufig mit diesem schwarzen Viereck vor dem Gesicht gesehen hat. Emma in Windel, Emma mit Schnuller, Selfie mit Emma, Emma krabbelt, dazwischen Videos: Emmas erste Schritte, Emmas erstes Brabbeln … . Und dann übernimmt Emma das Ruder, streift mit dem Finger über den Bildschirm des Vierecks, hoch und runter, tippt Fotos an, wischt nach links oder rechts zum nächsten Bild. Intuitiv gelernt durch Elternbeobachten. Eher wischen als richtig sprechen können. Typisch für Emma und ihre Generation. Die Generation Alpha.

Mehr über das Morgen gibt's in Kempten

Emma steht exemplarisch für diese gerade entstehende neue Altersgruppe an Menschen. Sie könnte auch Mia oder Emilia, Ben oder Paul heißen, statistisch gesehen ist es zumindest wahrscheinlich, dass sie hierzulande einen dieser aktuellen Modenamen bekommt. In Australien wären es Oliver oder Ava. Also Emma. Sie könnte auch schon in den Kindergarten oder in die erste Klasse gehen. Oder sie ist noch gar nicht geboren – denn zu der Generation werden alle Kinder gezählt, die zwischen 2010 und 2025 zur Welt kommen und für die sich Jugend-, Zukunfts- und Marktforscher bereits interessieren. Wie wird sie ticken, was wird sie prägen, die Generation Alpha? Schließlich wachsen da die neuen Entscheider und Konsumenten heran.

Simon Schnetzer ist Jugendforscher aus Kempten und Experte für die Generation Alpha.
Bild: Pio Mars

Mehr über das Morgen erfährt man in Kempten. Dort lebt und arbeitet Jugendforscher Simon Schnetzer. In der grau gestrichenen Gründervilla in der Ostbahnhofstraße 7 begrüßt er Gesprächspartner lächelnd und mit festem Händedruck. Im Gruppenraum des Hauses, in dem er Räume zum Arbeiten temporär vermietet, bietet er kurz darauf heißes Wasser und Salbeiblätter aus dem Garten an. Passend zum Thema quasi, denn Nachhaltigkeit und Klimaschutz werden auch für die Generation Alpha prägend sein, so viel ist schon mal klar. „Greta prägt auch sie“, sagt Schnetzer. Aber dazu später mehr.

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Er selbst ist Jahrgang 1979, also End-Generation-X oder Anfang-Generation-Y, und hat daheim zwei Exemplare der Generation Alpha. Das ist aber nicht der Grund, weshalb er sich mit jungen Menschen so gut auskennt. Der Volkswirt hat 1999 auf einer einjährigen Reise von Argentinien bis Kanada unzähligen Jugendlichen die Frage „Was bringt die Zukunft?“ gestellt, mit ihnen über Ängste und Erwartungen gesprochen. Seit 2010 ist er zudem vier Mal durch ganz Deutschland geradelt und hat junge Menschen befragt. 20 000 Jugendliche im deutschsprachigen Raum haben ihm inzwischen Antworten gegeben, die ihm dabei helfen, weiter in die Zukunft zu blicken und Aussagen über die Generation Alpha zu machen.

Es gibt Gemeinsamkeiten mit der Generation Z

Bevor er mit dem Heute und dem Morgen loslegt, geht es erst einmal ins Gestern. Zurück in die 1990er Jahre, als Douglas Couplands Weltbestseller „Generation X“, der den Selbstfindungsprozess dreier Vertreter der Mitte der 1960er bis Ende der 1970er Jahre geborenen Altersgruppe beschrieb, die Bezeichnung für diese Generation so bekannt machte. Sie war einprägsamer und in Aufsätzen, Artikeln und Debatten einfacher zu gebrauchen als etwa der Begriff „Generationskohorte der Jahre 1965 bis 1979, die durch ähnliche Lebensstile, Erfahrungen, Werte und Weltanschauungen geprägt wurde“. Auf X folgte also Y und Z – manch einer sprach schon scherzend von „Buchstabensuppe“. Aber dann war das lateinische Alphabet zu Ende. 2005 hatte der australische Soziologe Mark McCrindle die Idee, es den Meteorologen bei der Hurrikan-Benennung nachzumachen: Nach Z geht es einfach mit dem ersten Buchstaben des griechischen Alphabets weiter – und passenderweise für die erste Generation die komplett im 21. Jahrhundert aufwachsen und auch so etwas wie eine Art gesellschaftlichen Hurrikan erwarten wird, aber auch dazu: später mehr. Alpha also.

Emma also. Über sie und ihre Generation kann Schnetzer bereits abendfüllende Referate halten. Den Inhalt hat er auf verschiedenen Wegen herausgefunden. Er hat sich ihre Eltern angesehen (zum Großteil aus der Generation X und Y, technikaffin, häufig beide berufstätig und nicht im Umfeld ihrer Eltern wohnend), er hat Statistiken ausgewertet (Mietpreise, Geburtenzahlen, Altersstrukturen), die Vorgängergeneration befragt, die Zler, mit denen die Alphas in einigen Bereichen Überschneidungen haben werden (Ängste, Werte, Trends). Und dann hat er viel nachgedacht und interpretiert. So viel ist klar: Alphas in Deutschland werden sich etwas von Alphas in Australien unterscheiden, weil auch regionale Besonderheiten die Jugend prägen, Armut, Krieg und Krisen etwa. Dennoch sei diese Generation durch das Internet so synchron wie nie zuvor, meint Schnetzer. Er und seine internationalen Forscherkollegen kommen auf folgenden gemeinsamen Nenner der Alphas: global, digital, sozial, mobil, visuell.

Emma ist Teil eines unbeabsichtigten globalen Experiments

Und speziell in Deutschland? Schnetzer meint: Emma wird höchstwahrscheinlich ein Wunschkind älterer Eltern sein, nicht im Stadtzentrum aufwachsen, weil die Mieten dort für viele Familien zu hoch sind. Sie wird in der Regel eine Kita besuchen, weil beide Eltern berufstätig sind. Der Leistungsdruck ihrer Eltern wird sich früh auf Emma übertragen. Mama und Papa versuchen, alles richtig zu machen, Emma auf Augenhöhe zu erziehen. Der Klimawandel treibt die Gesellschaft gerade um. Emma wird in eine Krise reingeboren. Sie ist die erste Generation, die trotz Wohlstands mit existenziellen Ängsten aufwachsen wird. Was geschieht mit unserem Planeten? Können wir den Klimawandel stoppen? Die Angst vor der Zukunft, vor Krisen und Bedrohungen steige bereits, hat Schnetzer festgestellt. Gleichzeitig werde Familie wichtiger, weil ein sicherer Hafen in stürmischer See.

Das sind die Generationsbezeichnung seit den 1960er Jahren.
Bild: Simon Schnetzer

Man muss kein Wissenschaftler sein, um jetzt schon zu wissen: Das Digitale wird für Emma eine große Rolle spielen. Sie gehört schließlich zur ersten Generation, die in eine Welt voller Smartphones geboren wird. Durch technikaffine Erwachsenen in ihrem Umfeld kommt sie seit frühester Kindheit mit Bildschirmen in Berührung. Hier mal ein Filmchen beim Inhalieren oder Zähneputzen, da mal eins im Restaurant gegen das Quengeln, dort mal ein paar Bilder wischen. „Die Generation Alpha ist Teil eines unbeabsichtigten globalen Experiments, bei dem Bildschirme schon vor kleinsten Kindern zum Stillstellen, zur Unterhaltung und als Erziehungshilfe platziert werden“, sagte McCrindle in der New York Times und hat der Generation Alpha daher bereits einen Spitznamen gegeben: „Generation Glas“.

Das Smartphone macht unverbindliche, entscheidungsschwache Stubenhocker

Simon Schnetzer hält nichts von diesen Zusatzbezeichnungen. Gleichwohl hat er auch festgestellt, dass das Smartphone die Gesellschaft in den vergangenen Jahren bereits geprägt und verändert hat. Er nennt ein Beispiel: „Früher haben wir uns zum Fußball verabredet und wenn man doch keine Zeit hatte, fuhr man schnell zum Sportplatz, entschuldigte sich und sagte ab. Heute kommt fünf Minuten nach dem Anstoß bloß eine Absage per WhatsApp“, sagt Schnetzer. Durch das Handy, die Allzeit-Erreichbarkeit habe die Verbindlichkeit abgenommen. Mehr noch: Viele Aktivitäten, für die früher das Haus verlassen werden musste, gibt es nun via Smartphone vom Sofa aus: statt Kino Netflix, statt Restaurant Lieferando, statt Disco Spotify, statt Bardate Tinder. Klingt praktisch. Doch die schöne neue Smartphonewelt hat auch negative Folgen.

Das Handy ist ein tragbares Fenster zur großen, weiten Welt geworden, ein ständiger Begleiter, der permanent Statusmeldungen, Trends, Angebote, Bilder vom tollen Leben der anderen, Filme von Influencern, die coolsten Marken aufploppen lässt – das beschert nicht nur einen Dauervergleich, es prägt laut Schnetzer auch. Der Leistungsdruck steigt. Wie komme ich an? Kann ich mithalten? Viele Zler seien bereits abhängig von Feedback. Zudem hätten sie Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, sich festzulegen. Vielleicht kommt ja noch ein besseres Angebot. Das gilt im Job wie im Privaten. Und dann ist da noch die Angst, Fehler zu machen, weil sie sich der digitalen Rundumüberwachung und des ewigen Gedächtnisses des Internets bewusst sind. Was, wenn ich etwas Ungeschicktes poste? Was, wenn auf der Party einer ein Bild macht, wenn ich betrunken bin, und das dann veröffentlicht?

Spanisch lernen? Es gibt doch Google-Translate!

Für die Generation Alpha werde das alles ähnlich sein, meint Schnetzer. Emma wird nicht mehr zwischen analog und digital unterscheiden. Sie wird Schwierigkeiten mit Ruhe und Langeweile haben. Schon früh tritt Künstliche Intelligenz in ihr Leben. Statt eine Nummer zu tippen, sagt sie ganz selbstverständlich: „Siri, ruf Oma an.“ Bei den Hausaufgaben hilft der Sprachassistent: „Alexa, was ist 5 mal 15?“ Starke Währungen wie Wissen und Erfahrungen werden abgewertet. Wozu alles wissen, wenn man es googeln oder auf Youtube lernen kann? Spanisch pauken? Es gibt doch Google-Translate! Respekt wird ihre Generation nicht mehr automatisch Alter, Titel, Traditionen oder Erfahrungen zollen, sondern Kompetenz und Authentizität.

„Veränderungen von Ordnungen wird für die Generation Alpha Normalität sein“, fasst Schnetzer zusammen. Darauf müssen sich auch die Eltern einstellen. Sie werden mehr Probleme haben, eine Perspektive zu vermitteln. Was wird er etwa seinen Kindern raten, wenn durch die Technologisierung Berufsbilder wegfallen? Vielleicht sowas: Bleib kreativ und flexibel! Investiere in deinen Marktwert! Bilde dich immer weiter! Versuch’s mit Selbstständigkeit! Vor allem will er seinen Kindern mitgeben: „Man kann die Dinger auch mal ausschalten.“ Meditieren, Waldbaden, digitale Auszeiten, Ruhe – wichtiges Thema, jetzt schon, und nicht nur für Emma, eigentlich für alle in der globalen Generationen-Buchstabensuppe.


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