1. Startseite
  2. Kultur
  3. Journal
  4. Wie Forscher Schwammspinner bekämpfen

Insektenplage

09.07.2019

Wie Forscher Schwammspinner bekämpfen

newsimage316522.jpg
4 Bilder
Schwammspinner-Plage: Forscher empfehlen das Problem ist langfristig und umweltverträglich zu lösen.
Bild: Dr. Milan Pernek, Kroatisches Waldforschungsinstitut

Die Raupen des Schwammspinners haben sich auch in Bayern invasionsartig ausgebreitet. Jetzt läuft der Gegenschlag – mit biologischen Waffen.

Millionen schwarzbrauner Raupen haben sich in den vergangenen Wochen vor allem in Thüringen und Franken durch Wälder und Gärten gefressen. Neben Laubbäumen waren auch Strauchpflanzen wie Rosen oder Lorbeer betroffen. Allein vor Gunzenhausen haben die Raupen über 100 Hektar Wald entlaubt. Häuserfassaden waren übersät mit den haarigen Vielfraßen. Es sind die Larven des Schwammspinners, aus denen jetzt im Juli die Nachtfalter schlüpfen. Die Menschen in den betroffenen Regionen können also erst einmal aufatmen. Doch mit Beginn der Flugzeit beginnt auch ein neuer Reproduktionszyklus. Kurz nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier ab. Nun sollten betroffene Gartenbesitzer aktiv werden.

Entfernen oder zerdrücken sollte man die Gelege, die vor allem im unteren Stammbereich von Bäumen, aber auch an geschützten Stellen an der Hauswand, hinter Nistkästen und Fensterläden zu finden sind, raten Experten. Rund 1000 Eier sind in einem der sogenannten Eischwämme oder Eispiegel enthalten. In einer Mischung aus Schleim und Haaren vom Körper der weiblichen Falters sind die Eier sonst gut geschützt. Aber selbst wenn das Sammeln der Raupen und Vernichten der Eier dem nächsten Befall etwas vorbeugen kann – in Zukunft werden Ausnahmesituationen wie in diesem Jahr häufiger vorkommen.

„Die Insekten brauchen Wärme, Licht und Sonne, dann klappt das mit der Vermehrung besser. Wie beim Wetter werden die Extreme durch den Klimawandel immer größer“, sagt Insektenforscher Ronald Bellstedt aus dem thüringischen Gotha. Auch die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) in Freising schreibt, dass die Populationsdichte des Schwammspinners seit Jahren zunimmt.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Gefragt sind also Strategien, wie man der Plage Herr werden kann. In Teilen Unter- und Mittelfrankens wurden im April und Mai rund 1000 Hektar Forst mit einem für Schwammspinner giftigen Insektizid besprüht. Aber die chemische Keule unterscheidet nicht zwischen dem Schwammspinner und anderen Insekten und ist dementsprechend umstritten. In Gunzenhausen verzichtete man auf das Sprühen von Gift. Stattdessen hofft man nun auf Hilfe aus der Natur.

Ein Pilz aus Asien gilt als beste Waffe

Zwei einheimische Käferarten, der Große und der Kleine Puppenräuber, haben nämlich Heißhunger speziell auf die Puppen des Schwammspinners. Ein LWF-Team erforscht nun, wie stark die Puppenräuber-Arten die Raupen dezimieren können und unter welchen Bedingungen besonders viele Puppenräuber vorkommen. Denn vor allem vom Großen Puppenräuber sei bisher ungeklärt, wo die Käfer die Jahre zwischen den Massenvermehrungen verbringen.

Etwa vierhundert Schwammspinner-Puppen frisst ein einzelner Puppenräuber im Laufe seines Lebens. Damit seien die Käfer zwar nicht in der Lage, Massenvermehrungen zu verhindern. Sie helfen aber zusammen mit Krankheitserregern und anderen Räubern wie dem Kuckuck, den Befall durch die gefräßigen Schwammspinnerraupen und so den Schaden für die Eichen etwas zu reduzieren.

Einen anderen Ansatz verfolgt Andreas Linde von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE). Auch er spricht sich gegen die Verwendung von Insektiziden aus, weil diese nicht nur ökologisch nicht verträglich seien, sondern auch langfristig erfolglos blieben: „Andere Arten – unter ihnen auch viele natürliche Gegenspieler des Schwammspinners – werden massiv geschädigt. Besser wäre der Einsatz umweltverträglicher Mittel wie Dipel, einem Mittel auf Basis eines Bakteriums, das sehr spezifisch nur auf Schmetterlinge wirkt. Aber auch dieses Mittel wirkt nur kurzzeitig, sodass es zu einer Wiederholung der Massenvermehrung kommen kann.“ Langfristig könnte ein anderer natürlicher Feind des Schwammspinners das Problem auf ökologische Art lösen.

Massenvermehrungen von Schwammspinnern haben in der Vergangenheit auch in anderen Ländern zu großen Problemen geführt. Im 19. Jahrhundert wurde der Falter in die USA eingeschleppt. In der Folge wurden dort riesige Flächen von Eichenwäldern und Stadtbäumen geschädigt. Zur Bekämpfung der Plage setzte man dort auf den hochspezifischen Pilz Entomophaga maimaiga, der in Asien entdeckt wurde und der nur den Schwammspinner befällt. Nach gründlichen Prüfungen wurde der Pilz in der Natur freigesetzt und hat sehr erfolgreich die Population des Schwammspinners reduziert.

Im Jahr 2000 wurde der Pilz auch in Bulgarien im Freiland ausgebracht und hat dort ähnlich positiv gewirkt. Der Schwammspinner ist dort noch vorhanden, verursacht aber keine Schäden mehr. Seitdem hat sich der Pilz im Verbreitungsgebiet des Schwammspinners in Südeuropa von Bulgarien aus über den gesamten Balkan bis Kroatien, die Slowakei und neuerdings auch Österreich ausgebreitet. Für dieses Jahr ist es zu spät, so Linde, aber: „Es ist davon auszugehen, dass der Pilz durch natürliche Verbreitung irgendwann auch Deutschland erreichen wird.“ Er empfiehlt diesen Prozess durch die kontrollierte Freisetzung in deutschen Schwammspinner-Populationen zu beschleunigen. (maz-, dpa)

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren