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Erster Weltkrieg

11.11.2018

Wie ein Schwabe den Waffenstillstand aushandelte

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Der deutsche Politiker Matthias Erzberger in einer undatierten Aufnahme.
Bild: dpa-Archiv

In einem Eisenbahn-Salonwagen im Wald bei Compiègne unterzeichnete der Abgeordnete von der Schwäbischen Alb den Waffenstillstand.

Das Ende hatte etwas von absurdem Theater. Nahezu zehn Millionen Soldaten waren schon gefallen, ein Gutteil Westeuropas lag in Trümmern, als der Oberkommandierende der Alliierten Streitkräfte im Ersten Weltkrieg, der französische Marschall Ferdinand Foch, mit dem Leiter der deutschen Waffenstillstandskommission, Matthias Erzberger, beim Dorf Rethondes nahe Compiègne zusammentraf. Es entspann sich dieser merkwürdige Dialog:

Foch: „Was führt die Herren hierher? Was wünschen Sie?“

Erzberger: „Ich sehe Ihren Vorschlägen über die Herbeiführung eines Waffenstillstandes zu Wasser, zu Lande und in der Luft entgegen.“

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Foch: „Ich habe Ihnen keine Vorschläge zu machen. Ich habe Ihnen keine Bedingungen zu stellen. Bitten Sie um Waffenstillstand? Sagen Sie es doch!“

Erzberger: „Wir bitten um Waffenstillstand.“

Der Ton für die Suche nach Frieden war also schon bei der ersten Etappe auf dem schwierigen Weg aus dem Krieg gesetzt: schroff, unfriedlich. Ein zeitgenössischer Beobachter beschrieb das eiskalte Rendezvous zurückhaltend mit den Worten, es sei „bisweilen unvornehm, hämisch“ zugegangen. Wieder einmal galt: Vae victis, wehe den Besiegten. Das waren, außer dem Deutschen Reich, noch dessen Verbündete Österreich-Ungarn, Bulgarien und das damalige Osmanische Reich.

Dem Treffen Foch-Erzberger waren zahlreiche politische Friedensinitiativen vorausgegangen: von Papst Benedikt XV., dem Reichstag in Berlin, zuletzt von US-Präsident Wilson, dem Wortführer einer Kriegsallianz bestehend aus Frankreich und Großbritannien; später kamen Italien und eben Amerika dazu. Dafür war für Russland der Krieg 1917 beendet. Bevor sich die feindlichen Mächte tatsächlich annähern konnten, war es allerdings unvermeidlich gewesen, noch einen Neutralen einzuschalten – die Schweiz. Da die Westmächte die deutschen Überseekabel schon 1914 gekappt hatten, mussten alle Telegramme etwa zwischen den USA und dem Reich über Bern laufen.

Der Mann, der dann als oberster deutscher Unterhändler in einem Salonwagen Foch gegenübersaß, war überraschenderweise ein Zivilist: der Reichstagsabgeordnete des oberschwäbischen Wahlkreises Biberach, Leutkirch, Waldsee, Wangen. Ein Schwabe, der in Saulgau die Volksschullehrer-Prüfung abgelegt hatte, sollte es also richten.

Das Mitglied der katholischen Milieu-Partei „Zentrum“ stammte aus kleinen Verhältnissen von der Münsinger Alb. Deshalb meinte der Weimarer Salonlöwe Graf Kessler, Erzberger als „schwitzenden, kleinstbürgerlichen Kerl“ charakterisieren zu müssen. Der Sohn eines Schneiders konnte nicht ahnen, dass ihm eine am Ende tödliche Mission bevorstand: 1921 sollten Rechtsextremisten im Schwarzwald den von ihnen als „Erfüllungspolitiker“ und „Novemberverbrecher“ geschmähten früheren Vizekanzler und Reichsfinanzminister ermorden. Damit war eine ganze Familie ausgelöscht: Noch während des Weltkriegs hatte der Politiker Frau und Sohn verloren – beide waren der damals wütenden Spanischen Grippe erlegen.

6. November 1918: Erzberger war erst am 6. November 1918 um 12 Uhr nach heftigen Intrigen der Militärs zum Chef der Waffenstillstandskommission ernannt worden. Und zwar vom letzten von Kaiser Wilhelm II. ernannten Reichskanzler, Prinz Max von Baden. Es traf sich gut, dass einerseits die Franzosen nicht mit einem preußischen General verhandeln wollten, es andererseits die geschlagenen deutschen Feldherren gerne sahen, dass ein Zivilist die Suppe auslöffeln musste, die sie dem Volk eingebrockt hatten. Welturaufführung: ein Marschall und ein Ungedienter verhandelten über Krieg und Frieden.

Der Chef-Parlamentär aus Berlin erwies sich als geschickter Gesandter. Zuvor hatte er sich durchaus einschlägige Meriten erworben. Erzberger galt als einer der Väter der Friedensresolution des Reichstages vom Juli 1917, die einen Verständigungsfrieden ohne gewaltsame Gebietserweiterungen vorsah.

7. November 1918: Zu Beginn seiner Mission begab sich der Mann vom Jahrgang 1875 zunächst ins Hauptquartier der Obersten Heeresleitung (OHL) des Reiches ins „Hotel Majestic“ in Spa im besetzten Belgien. Nach einer letzten Absprache mit den OHL-Chefs Hindenburg und Ludendorff fuhr der damalige Staatssekretär ohne Geschäftsbereich mit drei weiteren Bevollmächtigten nebst „Unterpersonal“ umgehend an die Front.

Nach holpriger Autofahrt bei herbstlichem Abendnebel passierte der Konvoi die ersten französischen Vorposten an einer von Foch auf dem Funkweg bezeichneten Straßenkreuzung bei La Capelle (nördlich Laon). In regelmäßigen Abständen hatte sich die feindliche Fahrzeugkolonne bei aufgeblendeten Scheinwerfern durch das international übliche Hornsignal für „Feuer einstellen“ bemerkbar gemacht. Ein 25 Jahre alter französischer Hauptmann namens Lhuillier nahm Erzberger und Kollegen in Empfang.

Ein französischer Unteroffizier schilderte später die Ankunft des Erbfeindes so: „Auf den Trittbrettern des ersten Autos standen zwei Boches, die abwechselnd in ein Horn bliesen, das mindestens anderthalb Meter lang war, wie eine Posaune von Jericho. Während der eine blies, schwenkte der andere ein großes weißes Leintuch wie eine Fahne“.

Nachdem die Franzosen eingehend die Legitimitätspapiere der Deutschen geprüft hatten, ging es mit einigen Begleitoffizieren in Autos und im Sonderzug weiter. Allerdings sehr gemächlich. Foch wollte Zeit gewinnen. Abwarten, wie sich die Dinge in Berlin, Kiel und München entwickelten. Dort war ja zum gleichen Zeitpunkt die Revolution in Gange. Immerhin, während des Langsamfahrens hatten die französischen Begleitoffiziere noch Gelegenheit gefunden, Erzberger die korrekte Aussprache des Namens seines Gesprächspartners nahezubringen: Zuvor sprach der Schwabe nicht von „Fosch“, sondern den Namen so, wie er sich schreibt.

8. November 1918, 9 Uhr: Auf einem toten Gleis, das in einer Waldlichtung bei Rethondes – im Naherholungsgebiet von Paris – verlegt war, stand Fochs Salonwagen für die Verhandlungen mit den Unterhändlern aus Berlin bereit. Dem frostigen Dialog zu Beginn folgte eine erste sogenannte „Vollsitzung“ mit einer Gesprächsdauer von 45 Minuten. Im kleineren Kreis schlossen sich noch mehrere Besprechungen etwa von Heeres-Generälen und Marine-Sachverständigen beider Seiten an. Deren Angelegenheit waren die Fußnoten des Friedens.

Rasch war freilich klar, dass die alliierten Sieger zu keinerlei Kompromissen neigten. Es ging nur um Annahme oder Ablehnung der Kautelen für einen Waffenstillstand. Ein entsprechendes Ultimatum dekretierte, dass sich die Verlierer innerhalb von 72 Stunden für ein Ja oder Nein zu entscheiden hatten.

11. November 1918: Um 2.15 Uhr fand die zweite und letzte „Vollsitzung“ statt. Das Waffenstillstandsabkommen wurde gegen 5 Uhr unterzeichnet. Am Ende kapitulierte Erzberger mit den Worten: „Ein Volk von 70 Millionen leidet, aber es stirbt nicht.“ Sechs Stunden später, um 11 Uhr französischer Zeit, schwiegen nach 1563 Tagen des Tötens an allen Fronten die Waffen. Die OHL in Spa erfuhr freilich erst zwölf Stunden später die Einzelheiten des Waffenstillstands. Die Sieger hatten den Unterlegenen nicht erlaubt, per Funk mit Hindenburg und Ludendorff Kontakt aufzunehmen.

Gemäß der Waffenstillstands-Bedingungen mussten die von Deutschen besetzten Gebiete – Frankreich, Belgien, Luxemburg und natürlich Elsaß-Lothringen – sofort geräumt werden. Auf der Stelle abzuliefern waren 5000 Kanonen, 25.000 Maschinengewehre und 1700 Flugzeuge. Freilich war dies praktisch nur die erste Rate noch folgender gigantischer Reparationsleistungen. Mit dem Höhepunkt des Versailler Vertrags, unterzeichnet am 28. Juni 1919, exakt fünf Jahre nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo.

Dessen 440 Paragrafen regelten etwa, dass „30.000 Fohlen und Stuten im Alter von 18 Monaten bis zu sieben Jahren“, 1000 Widder, vor allem aber Rohstoffe und Fertigwaren aller Art abzuliefern waren. Schließlich stellte der berüchtigte Paragraf 231 Deutschland als „Urheber aller Verluste und aller Schäden“ an den Pranger. In den pausenlosen Stahlgewittern der neuen Waffen war es nicht möglich gewesen, die Opfer des „Großen Krieges“ akribisch zu zählen. Notgedrungen blieb die „Schlussrechnung“ im Ungefähren – Experten einigten sich auf 9.737.000 Tote.

Genauer nahmen es die Finanzbuchhalter: Die letzte Tranche der Reparationen überwies Berlin am 1. Oktober 2010, zwanzig Jahre nach der Deutschen Einheit, 92 Jahre nach dem 11. November 1918. Die offene Rechnung lautete noch auf D-Mark: 239,4 Millionen Zinsrückstände.

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