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Wissenschaft
04.07.2021

Was ist dran am Mythos Testosteron als Macho-Treibstoff?

Foto: Stock.adobe

Macht Testosteron Männer zu dominanten Alpha-Männchen? Die Annahme ist weit verbreitet, greift aber viel zu kurz.

Kein Stoff steht so für Männlichkeit wie Testosteron – im Guten wie im Schlechten. Das Hormon wird bei Männern weitläufig mit Draufgängertum, Dominanz, Aggression, sexueller Lust, Ehrgeiz oder auch Egoismus in Verbindung gebracht. Ist Testosteron also eine Art Treibstoff für Machos, Macher und Alpha-Männchen? Experten winken ab: Das gängige Image von Testosteron greife viel zu kurz – die Sache sei wesentlich komplexer und auch noch nicht vollständig verstanden. Aber der Reihe nach …

Als Dopingmittel missbraucht: So wirkt Testosteron im Körper

Das Sexualhormon wird bei Männern überwiegend in den Hoden gebildet. Es spielt eine herausragende Rolle bei der Entwicklung zum Mann – von Mutterleib bis über die Pubertät. Auch bei erwachsenen Männern ist Testosteron essenziell. Es wird über das Blut im Körper verteilt. Der Stoff wirkt unter anderem auf die Bildung von Muskeln. Das ist der Grund, warum Testosteron – unter erheblichen gesundheitlichen Risiken – als Dopingmittel missbraucht wird. Aber auch beim Knochenaufbau spielt es eine Rolle und lässt Barthaare sprießen.

Über die Blut-Hirn-Schranke schafft es Testosteron ins Gehirn und nimmt auch Einfluss auf die Psyche. „Na also“, dürfte jetzt manch einer denken. Dann macht ein hohes Testosteron-Level den Mann also doch zum archaischen Kerl? „Ganz ehrlich – es gibt überhaupt keine Forschung dazu, die das bestätigen oder widerlegen würde“, sagt der Psychologe Oliver Schultheiss von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der selbst zur Wirkung von Testosteron auf die Psyche forscht.

Zwar widmen sich eine ganze Reihe Studien der Frage, inwieweit Testosteron auf Charakter, Verhalten und Ausstrahlung Einfluss nimmt. So gebe es Hinweise, dass Menschen in bestimmten beruflichen Positionen leicht erhöhte Testosteron-Pegel haben, sagt Schultheiss. Eine häufig zitierte Untersuchung aus den 80er Jahren unter Gefängnisinsassen kam zu dem Ergebnis, dass Inhaftierte mit hohem Testosteron-Level häufiger wegen Gewalt-Straftaten verurteilt worden waren. Doch einen eindeutigen kausalen Zusammenhang à la „viel Testosteron führt zu ...“ gebe die – teils widersprüchliche – Studienlage schlicht nicht her, sagt Schultheiss. Zudem haben viele Untersuchungen zu dem Thema das Problem, dass bei einer Wiederholung nicht die gleichen Ergebnisse erzielt werden.

Testosteron kann soziales Verhalten sogar fördern

Auch für Esther Diekhof von der Uni Hamburg gebe die Vielzahl an Studien zu Testosteron kein klares Bild. Die Neuroendokrinologin beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Steroidhormonen wie Testosteron aufs Gehirn. Sie hat in Experimenten männliche Probanden bei bestimmten Spielen beobachtet und zudem deren Testosteron-Spiegel gemessen. Dabei konnte die Forscherin zeigen, dass das Hormon einen positiven Einfluss darauf haben kann, ob man sich zum Wohle der eigenen Bezugsgruppe zurücknimmt oder egoistisch handelt. In diesem Kontext kann Testosteron soziales Verhalten sogar fördern.

Klar ist laut Schultheiss, dass Männern mit Erektionsstörungen und fehlendem sexuellem Antrieb mit der Gabe von synthetisch hergestelltem Testosteron geholfen werden kann. „Das ist die stereotype Komponente von Testosteron, die ausnahmsweise stimmt: Das es was mit Sex zu tun hat.“ Zudem sei bekannt, dass das Hormon ein Stück weit als Stimmungsaufheller wirke. „Weil es unter anderem Angstreaktionen ein bisschen dämpft.“ Es sei denkbar, dass das zu mehr Selbstsicherheit und zu einer bestimmten Außenwahrnehmung führt.

Ein Mann steht nach dem Training vor der Kamera.
Foto: Nicolas Armer/dpa

Dennoch drückt sich Schultheiss beim Zusammenhang von Testosteron und Dominanz sehr vorsichtig aus. „Ich glaube, dass das Hormon tatsächlich bestimmte Funktionen unseres sozialen Umgangs unterstützt, die uns dominanter werden lassen können.“ Dabei gehe es aber eher nicht um demonstrativ dominantes Auftreten, sondern um andere Verhaltensweisen. „Für sozialen Erfolg reicht es in der Regel nicht, dem anderen die Nase platt zu hauen. Sie müssen subtiler vorgehen: Zuhören, motivieren, Überzeugungsarbeit leisten, die Wünsche der anderen verstehen.“ Schultheiss glaubt, dass Testosteron dabei wie eine Art Belohnungshormon funktioniert: Schafft man es, andere Menschen auf seine Seite zu ziehen, wird als Reaktion Testosteron ausgeschüttet und löst eine Art Glücksgefühl aus. Das Unterbewusstsein merkt sich das, und möchte diesen Effekt wieder und wieder hervorrufen. „Menschen, bei denen das so abläuft, nennen wir machtmotiviert“, sagt Schultheiss. „Es gibt aber auch Menschen, die sagen: „Ich will überhaupt keine Wirkung auf andere haben, das ist mir unangenehm.“

Bei chronischem Testosteron-Mangel fehlt oft auch Durchsetzungsvermögen

Dass Testosteron aber in jedem Fall ein sehr einflussreiches Hormon ist, sehe man an Männern mit einem chronisch niedrigen Testosteron-Level, erklärt Michael Zitzmann vom Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie an der Uniklinik Münster. „Bei solchen hypogonadalen Männern fällt auf, dass es an Durchsetzungsvermögen, Handlungswillen und auch Libido fehlen kann.“

Auch solche Beobachtungen – unter anderem an kastrierten Männern – könnten laut Zitzmann dazu geführt haben, dem Testosteron sein landläufiges Image in Bezug auf alle Männer zu verpassen. Zitzmann erzählt die Anekdote von einem Patienten, der in einem Laienorchester Saxofon spielte und sein Instrument verliehen hatte. Obwohl er das Instrument drei Jahre nicht zurückbekam, habe er sich nicht getraut zu sagen: „Gib mir mal mein Saxofon zurück.“ Bei dem Mann sei ein deutlicher Testosteron-Mangel festgestellt worden. Nach einer Hormonbehandlung habe er es geschafft, das Instrument zurückzufordern.

Das gibt es auch: Sehr sanftmütige Männer mit hohem Testosteron-Level

Und was hat es nun tatsächlich mit den bekannten Alpha-Männchen aus Politik, Sport, Wirtschaft oder der Unterhaltungsbranche auf sich? „Es gibt keinen Grund zu glauben, dass deren Testosteronwerte besonders hoch sind“, sagt Zitzmann. Auch er sagt: „Den direkten Zusammenhang ,hoher Testosteron-Level = bestimmtes Verhalten‘ gibt es nicht“. So könne er trotz langjähriger praktischer Erfahrung als Männerarzt in der Regel nicht vom Auftreten eines Patienten auf dessen Testosteron-Level schließen. „Ich kenne Männer, die sehr sanftmütig sind und bei denen hohe Werte gemessen werden“, sagt Zitzmann. Auch vom umgekehrten Fall erzählt er. „Ich kenne SEK-Beamte, die nicht lange fackeln. Trotzdem haben sie eher niedrige Testosteron-Spiegel. Das hat mit vielen anderen Faktoren zu tun.“

Doch weist auch Zitzmann den Einfluss des Hormons nicht ganz zurück. „Es erlaubt dem Mann, so zu sein wie er eigentlich ist. Ich glaube nicht, dass Testosteron die Charakterzüge beeinflusst. Aber es gestattet ihm, die dann auch auszuleben“, sagt Zitzmann. Wie sich jemand verhält oder auftritt, ist also ein Zusammenspiel aus ganz vielen Faktoren – Testosteron kann einer davon sein.

Aggressivität wird nicht durch ein einzelnes Hormon vermittelt

Neuroendokrinologin Diekhof weist darauf hin, dass junge Männer zwischen 16 und 25 häufiger in körperliche Auseinandersetzungen verwickelt sind als ältere Männer. Zwar sei bei den jüngeren der Testosteronspiegel im Schnitt höher, aber das spiele nur eine untergeordnete Rolle. „Aggressivität wird nicht nur durch ein einzelnes Hormon vermittelt“, sagt Diekhof. Ausschlaggebender sei beispielsweise die noch nicht abgeschlossene Hirnentwicklung in Zentren der Impulskontrolle oder auch, dass Körperlichkeit bei jüngeren Männern noch stark als Statussymbol eingesetzt werde. (dpa)

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