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Wissenschaft
31.10.2021

Wer von Homeoffice profitiert – und wer darunter leidet

Idealer Arbeitsplatz? Die Anzahl der Fehltage wegen Rückenschmerzen sind während der Corona-Pandemie gestiegen.
Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Seit der Corona-Pandemie arbeiten viel mehr Menschen zuhause. Was die einen als Segen empfinden, ist für andere eine Zumutung. Das sind die Vor- und Nachteile.

Zur Morgenkonferenz im Pyjama, mittags auf die Yoga-Matte statt in die Kantine und ein früher Feierabend im Kreis der Familie: Mit diesem Ideal des Homeoffice hat die Realität der meisten Menschen wenig gemein. Nach gut anderthalb Jahren Corona-Pandemie zeichnen immer mehr Studien und Umfragen stattdessen ein differenziertes Bild unterschiedlicher psychologischer und körperlicher Effekte des Arbeitens zuhause. Die hängen ab von den individuellen Lebensbedingungen, vom jeweiligen Typ und von der Unternehmenskultur. Nicht zuletzt werfen die neuen Daten ein Schlaglicht auf eine grundsätzliche Frage: Wie wollen wir eigentlich arbeiten?

Klar ist: Die Arbeit in den eigenen vier Wänden hat durch die Pandemie einen kräftigen Schub bekommen: Nutzten einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung zufolge vor der Corona-Krise gerade einmal 4 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland vorwiegend oder ausschließlich das Homeoffice, stieg der Anteil während des ersten Lockdowns im April 2020 auf 27 Prozent. Andere Erhebungen kommen zu ähnlichen Werten.

Mittlerweile sinken die Zahlen zwar wieder, sie sind aber immer noch deutlich höher als vor der Pandemie. Diese scheint also eine Veränderung der Arbeitswelt beschleunigt zu haben – mit Folgen für Unternehmenskultur und das soziale Miteinander, für Führungskräfte und auch für Beschäftigte.

Im Homeoffice wurde mehr gearbeitet, die Kommunikation litt

Studien geben Hinweise darauf, wie diese Veränderungen aussehen können – etwa eine kürzlich im Fachblatt Nature Human Behaviour veröffentlichte Untersuchung zu den Erfahrungen von Microsoft. Der Technologieriese, der die Analyse selbst in Auftrag gegeben hatte, ordnete im März 2020 Homeoffice an. In der Studie wurden nun Daten und Kommunikation von fast 61.000 Mitarbeitern aus der Zeit von Dezember 2019 bis Juni 2020 analysiert und verglichen. Das Ergebnis: Im Homeoffice wurde zwar mehr gearbeitet, Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Abteilungen litten allerdings.

Konkret verbrachten die Angestellten weniger Zeit mit Einzelgesprächen, stattdessen nutzten sie verstärkt nicht-synchrone Kommunikationsformen wie E-Mails oder Textnachrichten. Dies führe dazu, so die Autoren, dass Mitarbeiter isoliert und Informationen weniger ausgetauscht würden. Und das könne sich letztlich negativ auf Produktion und Innovation auswirken.

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Dr. Hannes Zacher ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie am Institut für Psychologie der Universität Leipzig.
Foto: Swen Reichhold/Universität Leipzig, dpa

Für Hannes Zacher, Arbeits- und Organisationspsychologe an der Universität Leipzig, bildet die Studie indes nur eine Seite ab. „Während die Microsoft-Analyse eher eine negative Perspektive bietet, gibt es auch Evidenz in der Forschung, derzufolge die Ermöglichung von Homeoffice positiv von Mitarbeitenden angenommen werden kann – allerdings nur dann, wenn es in einem bestimmten Rahmen bleibt.“

Ein bis zwei Tage sind ideal für die Zufriedenheit

Demnach legen Untersuchungen nahe, dass ein bis zwei Tage Homeoffice pro Woche ideal seien für die Zufriedenheit und selbstberichtete Produktivität. In einem solchen hybriden Rahmen wäre es auch möglich, die Kommunikation eben nicht nur digital zu gestalten, sondern darüber hinaus persönliche Gespräche zu führen. „Aus psychologischer Sicht ist eine Videokonferenz immer noch besser als eine E-Mail. Auf Dauer kann sie das Gespräch von Angesicht zu Angesicht aber nicht ersetzen, insbesondere dann, wenn es darum geht, vertrauensvoll miteinander zu sprechen, kreativ zusammenzuarbeiten oder Konflikte zu lösen“, beschreibt Zacher.

Im Homeoffice klagen vermehrt Menschen über Rückenschmerzen.
Foto: Christin Klose, dpa (Symbolbild)

Er selbst hatte Ende 2019 begonnen, knapp 1000 Erwerbstätige zu ihrer physischen und psychischen Gesundheit zu befragen. Der Ausbruch der Pandemie ließ daraus eine Langzeitstudie werden: Seit März 2021 und bis Ende dieses Jahres werden die Teilnehmer monatlich befragt. Auf diese Weise konnte der Psychologe differenzierte Beobachtungen zu den Folgen der Krise auf die Arbeitswelt sammeln. „Vor der Pandemie waren extrovertierte Menschen im Vergleich zu introvertierten diejenigen mit dem höheren Wohlbefinden“, nennt Zacher ein Beispiel. Das habe sich umgekehrt: „Extrovertierte waren eher gestresst von der Situation, während Introvertierte damit besser zurechtkamen.“ Gerade zurückhaltende Menschen hätten Formate wie Videokonferenzen sogar als angenehmer empfunden.

Sollbruchstelle zwischen Mitarbeitenden im Büro und im Homeoffice

Gleichzeitig sahen Zacher und seine Kollegen, dass Teams schneller in Subgruppen zerfielen – eine Beobachtung, die zu einem Ergebnis der Microsoft-Studie passt. „Eine mögliche Sollbruchstelle ist die zwischen Mitarbeitenden in Präsenz und solchen, die im Homeoffice arbeiten“, erläutert er. Hier müsse die Unternehmensführung darauf achten, dass keine Gefühle der Ungleichbehandlung entstünden. Überhaupt sei eine transparente Vision dessen nötig, wie gutes hybrides Arbeiten funktionieren könne: „Ganz praktisch gehört dazu, dass Führungskräfte auf Mitarbeitende zugehen und sie fragen, wie es im Homeoffice läuft oder wie sich die Rückkehr ins Büro anfühlt.“ Solche regelmäßigen Check-Ins könnten Mitarbeiter sogar fester binden. „Gut gemanagtes hybrides Arbeiten kann ein Wettbewerbsvorteil für Unternehmen sein“, so Zacher.

Für ihn hat die Pandemie ein Schlaglicht auf Fragen geworfen, die die Forschung mit Blick auf die Arbeitswelt schon seit längerem diskutiert: „Dazu gehört, was gute, bedeutsame oder humane Arbeit ist“, zählt er auf. Die Ausnahmesituation habe manchen vor Augen geführt, dass sie einer monotonen Arbeitstätigkeit nachgingen, sozial isoliert arbeiteten oder gar nicht wüssten, was das übergeordnete Ziel ihrer Arbeit sei. Gleichzeitig sei unter den neuen Bedingungen die Frage nach guter Führung in den Fokus gerückt, so Zacher: „Ich rate Führungskräften generell, loszulassen. Mitarbeitende wollen sich als autonom und kompetent erleben. Gute Führung unterstützt das, indem sie die Bedürfnisse nach Autonomie, sozialer Eingebundenheit und Kompetenzerleben erfüllt.“

Im Büro hat jeder dieselben Möglichkeiten

Bei allen Diskussionen um mobiles Arbeiten sollte allerdings nicht vergessen werden, dass der Arbeitsort auch eine wichtige Ressource sei: „Das Büro wirkt als großer Gleichmacher, in dem jeder die gleichen Möglichkeiten hat.“ Im Gegensatz dazu kämen beim Arbeiten zuhause sozioökonomische Faktoren zum Tragen: „Kinderlose Paare in einer großen Wohnung können sicherlich besser am heimischen Schreibtisch arbeiten als Alleinerziehende oder jüngere Mitarbeiter, die beispielsweise in WGs oder beengten Räumen wohnen.

Zudem seien während der Pandemie die psychischen Belastungen speziell bei vulnerablen Gruppen gestiegen: „In unserer Studie konnten wir sehen, dass Alkohol oder Drogenkonsum für einige von ihnen ein Weg war, mit diesen Belastungen umzugehen.“ Gerade für jene Gruppen könne der Arbeitsort soziale Kontrolle bieten, aber auch Struktur und Zusammenhalt.

Ein Vorteil - ungestörtes, konzentriertes Arbeiten

Insgesamt seien viele Erwerbstätige aber gut mit dem Homeoffice zurechtgekommen und hätten bei den Befragungen eine erhöhte Flexibilität, den Wegfall des Pendelns und ungestörtes, konzentriertes Arbeiten als Vorteile genannt. Die sollten laut Zacher auch nach der Pandemie genutzt werden. Dafür müssten indes neben den psychischen die physischen Arbeitsbedingen stimmen. Dass letztere einige Menschen vor Herausforderungen stellen, zeigt eine Krankenstands-Analyse der Krankenkasse DAK-Gesundheit: Demnach ging 2020 bei ihren Versicherten mehr als jeder fünfte Fehltag im Job auf Probleme mit dem Muskel-Skelett-System zurück – vor allem auf Rückenschmerzen. „Mit 93 Fehltagen je 100 Versicherte war Rückenschmerz für so viele Fehltage verantwortlich wie seit Jahren nicht mehr“, teilte die Krankenkasse mit.

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