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Interview
18.06.2022

Nicolas Cage: "Ich sauge Sorgen in mich ein"

Nicolas Cage spielt sich selbst in seinem neuen Film.
Foto: Petros Karadjias, AP/dpa

Hollywoodstar Nicolas Cage spricht über Talent und Sensibilität, den Kampf mit den banalen Dingen im Alltag – und den Tod seines Vaters.

Mr Cage, Ihr neuer Film heißt „Massive Talent“. Wie ist es mit Ihrem eigenen Talent?

Nicolas Cage: Talent heißt für mich, dass ich gegenüber den Reizen und Impulsen der Welt sehr empfindsam reagiere. In Zeiten wie diesen, wo unser Planet so in Bedrängnis ist, kann es auch eine große Last sein. Der Originaltitel lautet ja auch „Die unerträgliche Last großen Talents“. Und so zerbreche ich mir über die Dinge den Kopf und sauge diese Sorgen in mich ein. Ich versuche dann, sie zu kreativ zu verarbeiten und sie ins Positive umzuwandeln. Diese Sensibilität hat aber auch den Vorteil, dass ich schöne Dinge umso stärker wahrnehme.

Wie viel Sorgen hat Ihnen eigentlich Ihre Karriere bereitet? Als Schauspieler von Kinofilmen waren Sie jahrelang in der Versenkung verschwunden, erst in jüngerer Zeit ging es wieder mit Ihnen aufwärts – auch dank Filmen wie „Massive Talent“?

Cage: Ich hatte mich bewusst aus Hollywood zurückgezogen, weil ich mich lieber meinen privaten Interessen widmen wollte, anstatt an diesem ganzen Treiben mit Talkshows und Preisverleihungen teilzunehmen. Das war nicht mehr meine Welt. Die vielen Filme, die ich gedreht habe, haben mich kreativ sehr befriedigt, auch wenn sie vielleicht nur auf DVD erschienen sind. Ich liebe es, etwas zu versuchen, das andere Menschen für zu riskant halten. Und das liegt auch daran, dass ich ein impulsiver Mensch bin, der seinen Instinkten folgt.

Galt das auch für „Massive Talent“?

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Cage: Da war ich erst mal skeptisch, weil ich eine Figur spielen sollte, die meinen Namen trägt, aber doch nur eine fiktive Version meiner selbst darstellt. Aber ich weiß, dass ich mich künstlerisch nur weiterentwickle, wenn ich etwas versuche, was auch schiefgehen kann.

Allerdings spielten bei den zahllosen B-Filmen, die Sie lang drehten, auch finanzielle Gründe eine Rolle. Sie mussten Schulden und Steuern zahlen, stießen deshalb auch viele Immobilien ab, darunter Ihr Schloss in Bayern.

Cage: Aber im Vergleich zu dem, was in der Welt geschieht, geht es mir doch richtig gut. Deshalb war es auch nicht so tragisch, meine Häuser zu verkaufen. Das Problem war nur, dass damals die Immobilienblase geplatzt war und die Preise nach unten gingen. Aber wenn ich mich schlecht gefühlt habe, dann habe ich an all die leidenden Menschen da draußen gedacht und gesagt: „Ich leide doch gar nicht genug.“

Ist es Ihnen lästig, sich mit Finanzangelegenheiten herumzuschlagen?

Cage: Die banalen Dinge des Alltags sind ein echter Kampf für mich. Es gab Phasen, da wünschte ich, ich wäre nicht Schauspieler, sondern ein einfacher Fischer geworden, der keine finanziellen Nöte hat und einfach nur aufs Meer rausfahren kann. Dann hätte ich einfach nur meine Erfahrungen in diesem Beruf aufgeschrieben, denn etwas Kreatives hätte ich schon machen müssen.

Sie scheinen dabei eine Vorliebe für exzentrische Figuren zu haben. Dass sich ein Oscargewinner selbst aufs Korn nimmt, wie Sie das in „Massive Talent“ tun, ist ja auch nicht die Norm.

Cage: Ich liebe es einfach, ungewöhnliche Situationen darzustellen. Da gilt Ähnliches wie in meinem Privatleben. Profane Dinge fallen mir schwerer. Wenn ich auf Volltouren laufe, dann fühle ich mich wohl. Ich gehöre zu den Menschen, die von einer hohen Dosis Adrenalin ruhig werden.

Ein weiteres Kennzeichen vieler Rollen ist ihr Außenseitertum – ob Sie nun einen verkrachten Star namens Nicolas Cage, Knackis wie in „Con Air“ oder Alkoholiker wie in „Leaving Las Vegas“ spielen. Woraus erklärt sich das?

Cage: Es kommt wahrscheinlich davon, dass ich solche Charaktere gut aus eigener Erfahrung kenne. Ich hatte früher immer Schwierigkeiten, zu meinen Mitmenschen Kontakt aufzubauen, fühlte mich ganz anders als sie. In der Schule nicht sonderlich beliebt, und das war schmerzvoll. Und ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Kind vom Arzt untersucht wurde und danach völlig schockiert war, dass ich normale Organe und ein normales Skelett hatte. Mein Vater meinte zu mir, ich sei sein einziger Sohn gewesen, dem er sich selbst vorstellen musste. Er sagte, er hätte keine Ahnung gehabt, woher ich eigentlich stammte. So fremdartig war ich.

Was hat Ihnen geholfen, sich in der Gemeinschaft zurechtzufinden?

Cage: Eines Tages sah ich den Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“. David Bowie spielt darin einen Außerirdischen, der an der Oberflächlichkeit und Brutalität der menschlichen Gesellschaft zerbricht. Und ich begriff, dass ich nicht so enden wollte wie er. Also beschloss ich, etwas dagegen zu unternehmen. Und zwar indem ich Filmschauspieler wurde. Auf diese Weise war ich endlich fähig, diese ganze Entfremdung zu überwinden. Ich fand zu mir selbst.

Aber haben Ihre Eltern Ihnen nicht geholfen?

Cage: Meine Mutter litt an Schizophrenie und Depressionen, aber mein Vater hat meine Fantasie entscheidend gefördert, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Er hat mir eine richtige Holzburg in unserem Hinterhof gebaut, in der ich als Junge Ritter spielen konnte. Durch ihn kam ich erst zum Lesen. Dabei hatte er ein Spiel für mich. Ich sollte mir vorstellen, ich sei ein Auslandskorrespondent, der in der Welt von Büchern wie „Moby Dick“ lebte, und dazu Reportagen schreiben. Und das habe ich gemacht.

Ihr Vater starb im Oktober 2009 …

Cage: Ja, er reist leider nicht mehr auf dem irdischen Flugzeug mit uns.

Phasenweise waren sie einander entfremdet. Wie erlebten Sie seinen Tod?

Cage: Es gab Zeiten, wo wir nicht miteinander sprachen. Aber in den letzten fünf Jahren seines Lebens standen wir uns sehr nahe. Ich hatte angenommen, dass ich noch mindestens acht weitere mit ihm erleben dürfte, deshalb kam sein Herzinfarkt als ein richtiger Schock. Aber ich bin für die gemeinsame Zeit sehr dankbar – wir konnten einander viel geben, gingen viel heiterer und liebevoller mit dem anderen um als früher.

Was haben Sie Ihrem Vater sonst noch zu verdanken?

Cage: Er hat mir zum Beispiel auch den Parzival-Mythos nähergebracht. Praktisch jeden Tag spielte er die Karajan-Aufnahme der Wagner-Oper – das war praktisch der Soundtrack meines Lebens. Und dann fand ich auch heraus, dass die Vorfahren meiner Mutter Joy Vogelsang Vogeljäger im Schwarzwald waren – und in der Parzival-Geschichte gibt es einen ganz entscheidenden Moment, wenn der Held einen schwarzen Vogel tötet. So begann ich, mich mit dieser Figur, die immer wieder scheitert und dann eine neue Chance bekommt, enorm zu identifizieren. Auch ich habe immer wieder neue Chancen erhalten. Manchmal habe ich mich davor gefürchtet, aber dann habe ich sie doch ergriffen – und ich habe es nie bereut.

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