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Interview
04.06.2022

Was sind das für Zeiten, Herr Sloterdijk?

Wird bald 75 und bleibt ein unermüdlicher Denk-Artist: der philosophische Schriftsteller Peter Sloterdijk
Foto: Georg Wendt, dpa

Der Philosoph spricht über das „graue Rauschen“ des Zeitgeistes, über Putins Russland und Selenskyis Mission – sowie über unsere Debattenkultur und die deutsche Regierung.

Herr Sloterdijk, wenn Pfingsten das Fest ist, an dem der Geist auf die Menschen herabkommt, ein Fest der Verständigung: Könnte man sich derzeit nicht durchaus das eine oder andere Pfingstereignis wünschen?

Peter Sloterdijk: Nun ja, man kann Pfingstereignisse nicht auf Bestellung provozieren, obschon das Ausgießen und Verbreiten von Ideen in der Gutenberg-Ära zu einer Industrie geworden ist. Die moderne Publizistik hat Züge einer permanenten Pfingstindustrie angenommen, wenn man gelten lässt, dass es immer darum geht, gleiche Vorstellungen in zahlreichen Köpfen gleichzeitig auftreten zu lassen. So gesehen haben die modernen Massenmedien das pfingstliche Geschehen quasi auf Dauer gestellt, sie haben es fertiggebracht, größere Populationen zu synchronisieren und ihr Inneres in Gleichtaktungen zu versetzen. Ein wirkliches Pfingstwunder wäre erst mal von den üblichen selbst gemachten Ideenepidemien abzugrenzen.

In Ihrem aktuellen Buch „Wer noch kein Grau gedacht hat“ nennen Sie die Wirkung der Massenmedien ein „graues Rauschen“. Zu einer notwendigen Besinnung gälte es also, dieses Rauschen zu durchbrechen. Was wäre dafür nötig?

Sloterdijk: Dass die chronische Innenweltverschmutzung durch „too much information“ beendet würde. Für ein Pfingsten unter heutigen Bedingungen wäre eine synchrone Stille vielleicht das angemessene Ausdrucksmedium: Sehr viele Menschen müssten gleichzeitig die Erfahrung machen, wie sie von ihren beherrschenden Ideen evakuiert werden. Dann wären sie für einen Augenblick de-automatisiert, die Besessenheit durch die aktuellen Sorgen fiele von ihnen ab.

Es wird derzeit angesichts des Ukraine-Kriegs oft von einer Zeitenwende gesprochen, Joschka Fischer schreibt gar von einem Zeitenbruch …

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Sloterdijk: Ich halte von derartigen großen Aussagen über die geschehende Geschichte durch Zeitgenossen nicht viel. Johann Gottlieb Fichte hat kurz nach 1800 das neue Genre der philosophischen Zeitdiagnostik gestiftet mit seinen Betrachtungen über „Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“ – von dem urteilte er, es sei das Zeitalter der „vollendeten Sündhaftigkeit“. Weil die Menschheit nicht mehr tiefer in Geistlosigkeit und Zerstreutheit versinken könne als jetzt, lebten wir im Epochenbruch, von dem an es nur besser werden könne. Seit fast 250 Jahren liegen solche großen Diagnosen bei uns in der Luft, bei uns, das heißt in einer Zivilisation, die sich historisch erklärt, zuerst als philosophische Spezialität, dann millionenfach kopiert. Dass nun auch ein ehemaliger Außenminister sich an dem Zeitenbruchspiel beteiligt, zeigt nur, dass es wie eine „stille Post“ für Liebhaber großtönender Thesen auch bei Politikern angekommen ist.

Aber kann nicht gerade eine existenzielle Sorge wie die aktuelle uns aus dem trüben Strom der Alltagsbesorgnisse, somit aus dem grauen Rauschen, reißen? Bietet sie nicht eine Gelegenheit, aufzuwachen und zur Besinnung zu kommen?

Sloterdijk: Zunächst einmal ist davon auszugehen, dass Menschen in einem radikalen Sorgenpluralismus existieren: Deine Sorge ist nicht meine Sorge und umgekehrt. Das ist eine Aussage, mit der man um den ganzen Globus reisen könnte, und man würde sie so gut wie immer für richtig befinden. Die Sorge ist gerade das, was Menschen in den kleinen Lichtkegel ihrer lokalen Optik einschließt und sie daran hindert, Gesamtwahrnehmungen zu entwickeln. Insofern ist die Sorge als unsere Sinngeberin auch unsere schlimmste Feindin, weil sie uns an den Pflock des Augenblickes bindet. Sie fesselt uns an die unerbittliche Lokalität der Dinge, die uns an diesem unserem Ort und nirgendwo anders so drohend bevorstehen. Das Pfingsten, das wir erwarten, wäre hingegen eines, in dem der gesamte Sachverhalt des drohenden Bevorstehens von Ungünstigem und Beschwerendem durchbrochen würde. An einem wirklichen Pfingsten sollte der Horizont aufgehen, man dürfte sich davon überzeugen, wie die Dinge besser werden, wenn man sie mit anderen Augen sieht.

Wir sind also im wahrsten Sinne des Sprichwortes blind vor Sorge?

Sloterdijk: Ja, gewiss. Die Blindheit hat mit der Kolonisierung der Innenwelten durch unablässige Sorgenagitationen zu tun. Wir können uns gar keinen Modus des Existierens mehr vorstellen, der nicht durch das Vorauseilen in die nächste Krise bestimmt ist. Erinnern wir uns daran, dass die Figur des „Vorauslaufens“ bei Martin Heidegger in „Sein und Zeit“ zunächst als ein Vorauslaufen in den eigenen Tod beschrieben worden war. Der Tod, als der eigene angenommen, bestimmt die Grenze der Existenz vom Ende her. Das heißt: man stellt sich das eigene Nicht-mehr-Sein vor – und kommt von dort her aufs Jetzt zurück, um im Licht dieser Grenze das eigene Dasein ab jetzt in einer veränderten Weise zu übernehmen. Diese Übung des Vorlaufens, bei der die Soldaten die Mönche nachahmten, tendierte immer zur Verdüsterung und dunkel gefärbter „Entschlossenheit“. Für uns wäre eine ganz andere Erwartung hilfreich, nämlich: dass der Belagerungsring gesprengt wird und dass die Sorgen, die vor den Stadtmauern lagern, abziehen.

Was viele derzeit wohl am meisten belagert, ist die Sorge durch den Ukraine-Krieg. Es gibt Diagnosen, die ganze liberale Weltordnung gerate durch ihn in Gefahr. Und ist es nicht in der Tat frappierend, wenn man Bilder von Wladimir Putin an der Seite des ihn unterstützenden Kyrill sieht, des Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche? Hat nicht Oswald Spengler vor ziemlich genau 100 Jahren in „Der Untergang des Abendlandes“ dies als größte Gefahr erkannt: ein Russland mit Politik und Religion Hand in Hand …?

Sloterdijk: Was Spengler damals spürte, war doch wohl, dass in den riesenhaften russisch-eurasischen Dimensionen unangetastete Reserven einer neuen Barbarei verborgen sein könnten, aus der möglicherweise eine neue Kulturschöpfung hervorginge. Er witterte eine unverbrauchte Wildnis im Osten, eine mit Zukunft schwangere Wildnis: Vor der östlichen Flanke des posthistorisch erschöpften „Abendlandes“, sprich, der im mechanisierten Großstadtleben ausklingenden „faustischen Kultur“, lagerte demnach so etwas wie ein „dorisches Russland“, im Zustand eines prähistorischen Barbarentums: Aus dem könnte möglicherweise der neue tausendjährige Zyklus einer Hochkultur entstehen. Allerdings, so meine ich, hat sich Spengler mit seiner Spekulation, so suggestiv sie gewesen sein mag, aufs Ganze gesehen komplett geirrt.

Inwiefern?

Sloterdijk: Was im Großen tatsächlich geschieht, ist nicht die Geburt einer neuen lokalen Hochkultur neben den großen acht, sondern der Übergang der meisten lokalen Kulturen, ob „hoch“ oder nicht, in das Stadium der Weltzivilisation. Was sich ausgebreitet und unwiderstehlich globalisiert hat, sind die aus der abendländischen Kultur freigesetzten Potenziale von Wissenschaft und Technik. Was lokal bestehen bleibt, sind die unreformierbaren Residuen an eigenwilligen Lebensweisen und regionalen Traumatismen. Russland, um ein Beispiel zu nennen, ist ja ein einziger großer Friedhof, in dem seit hundert Jahren die Unbegrabenen der Oktoberrevolution und der beiden Weltkriege spuken. Man kann auch Putin nur als Spuk-Phänomen einordnen. Der Mann ist ja nicht verrückt, er ist gespenstisch, ein Delegierter aus den Grüften einer unendlich verlustreichen lokalen Geschichte. In ihm kommen die Toten des russischen Reiches und der Sowjetunion zurück und reklamieren ihre historisch offenen Rechnungen. Doch solange er die um ihr Leben Betrogenen nur mit den plumpen Feiern zum 9. Mai abspeisen möchte, wie der Genosse Breschnew sie erfunden hatte, werden sie keine Ruhe geben.

Und was für eine Figur ist der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi?

Sloterdijk: Er ist ein Schauspieler, der nicht aus der Rolle fiel, sondern in die Rolle. Zufällig wurde er zur Gallionsfigur einer verspäteten Nation, zu einer Art von ukrainischem Garibaldi. Er leitet einen Entkolonialisierungskrieg gegen das Imperium, dem sein Land vormals angegliedert war. Hier muss in der Tat von Entkolonialisierung die Rede sein, beim Kampf um die Ukraine handelt es sich jetzt um einen nachholenden Befreiungskrieg. Die große Mehrheit der Bevölkerung dort, auch vormalige Russophile, haben keine Lust mehr, als Annex zu einem stagnierten Popanz namens Russland zu existieren. Der Rest der Welt erlebt mit, wie ein kräftiges Nationalbewusstsein in die Population der Ukraine einschießt, ohne dass von Rechtsextremismus die Rede sein müsste, wie die russische Propaganda behauptet. Das Stichwort „Entnazifizierung“ ist zwar sehr aktuell, es steht aber für eine Projektion: der Kreml schließt von sich selbst auf Kiew. In Wahrheit ist das, was man mit Grund „Faschismus“ nennen kann, in Russland von neuem offen aufgebrochen. Man muss endlich an den großen französischen Historiker Elie Halévy erinnern, der in seinem Traktat über die „Ära der Tyranneien“ von 1936 den Sowjetismus einen Faschismus nannte, ein Jahr vor Stalins großem Terror. Faschismus ist zu definieren als politisches Agieren im Modus des „permanenten Komplotts“ oder der militanten Vorbereitung darauf. Das postsowjetische Russland, das nie wirklich nicht-faschistisch war, versinkt seit einer Weile vor den Augen der Welt in einer unsäglichen Schande. Der Fall Nawalny war ein Präludium – niemand weiß, wie das Land sich von dem Absturz je erholen sollte, wenn auch Putins Tage bald gezählt wären.

Ist der Ukraine-Krieg mit seiner Zielrichtung gegen den Westen dann ein Aufbegehren gegen die Vereinnahmung durch die von Europa und den USA ausgehende Weltzivilisation?

Sloterdijk: Nein, der Krieg drückt kein solches Aufbegehren aus, vielmehr eine lokal verengte Anwendung der globalen Zivilisierungskräfte. Auch in Russland haben Wissenschaft und Technik unauslöschlich Fuß gefasst. Ohne dieses angewandte Europäertum wäre das Land keine Woche lang lebensfähig. Das gilt übrigens für alle anderen größeren Machtgebilde auf dem Globus, einschließlich Chinas und Indiens, wo antiwestliche Ressentiments kräftig florieren, es gilt auch für den Iran, die Türkei und Saudi-Arabien, um nur einige aktuelle Zentren von neuen Reichsbildungsversuchen zu benennen. Auf der geopolitischen Landkarte finden an den genannten Orten zur Stunde die größeren Selbstaufheizungsbewegungen statt, von dort steigen die imperialen Luftballons in die Lüfte. Zwischen Saudi-Arabien und China ist der Himmel voller Ballons in den neu-alten Lokalfarben.

Aber wenn alles mit allem in einer Art Weltzivilisation verbunden ist, dann befinden wir uns gar nicht in einem Kampf der Kulturen?

Sloterdijk: Doch, den Kampf der Kulturen gibt es durchaus – aber vor allem in dem Sinne, dass nicht wenige regionale Kulturen sich gegen die Weltzivilisation zur Wehr setzen, und dies stets im Namen von hergebrachten Ortsgeistern. Das hat übrigens bei uns selbst angefangen – bis 1945 und weiter war halb Europa antimodern und antiliberal. Heute springt der polnische Katholizismus oder der ungarische Hass gegen den liberal-europäischen „way of life“ ins Auge. Doch denken wir auch an die amerikanischen Evangelikalen und die republikanischen Hetzer, die mit ihren Antimodernismen ihr halbes Land vergiftet haben. Weltweit beobachtet man lokale Widerstände gegen die ethische Moderne, sie reichen von Indonesien über Afghanistan und Pakistan, die Türkei bis in die arabische Welt und nach Nordafrika – das ergibt eine anti-modernistische Brücke in vielen lokalen Tönungen. Nicht selten werden dabei muslimische Motive in Stellung gebracht. Gerade islamisch geprägte Länder verweigern sich der mentalen Modernisierung, und dies, obwohl man sich westlich-planetarische Wissenschaft und Technik einverleibt hat, doch nur instrumentell halbiert. Die ethische Modernisierung, die menschenrechtliche, demokratische und politische, die nimmt man dort oft mit Argwohn wahr, oder man verwirft sie geradewegs als eine Finte des westlichen Imperialismus.

Und im eurasischen Raum mit Russland und China …

Sloterdijk: …gilt Ähnliches. Russland stilisiert sich im Augenblick als anti-westliches Gewächs. Die Chinesen machen aus ihrer Okzident-Feindschaft kein Geheimnis, sie erheben Imperialismus-Vorwürfe gegen den Westen und kontern sie mit eigenen neo-imperialen Fantasien à la Seidenstraße Zwei. Man kann also durchaus erkennen, dass es einen Krieg der Kulturen gibt – er hat aber in der Regel die Form eines internen Kampfes zwischen traditionalistischen und modernistischen Kräften. Es sind quasi latente Bürgerkriege in halbmodernisierten Kulturen, die mit sich selber uneins sind. Nehmen Sie ein Beispiel: Wohin soll es führen, wenn man in einem Land, wo eine wahabitisch gelesene Scharia den Ton angibt, die Hand eines Diebes nicht mehr auf dem Marktplatz abhackt, sondern sie in einer Klinik von Riad unter Narkose amputiert? Und wie lange soll die Schizophrenie arabischer Magnaten noch dauern, die ihre Frauen vor der Welt in parfümierten und gekühlten Palästen verstecken, sie aber im Privatjet nach Kalifornien bringen, um sie von Stanford-Gynäkologen untersuchen zu lassen?

Nun ist da noch eine andere Herausforderung im Raum, der Klimawandel, der doch die Menschheit als Ganze betrifft. Um noch mal Joschka Fischer zu zitieren, der meint, es müsste nun zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt die Menschheit als ein gemeinsam handelndes Subjekt auftreten. Sieht nicht gut aus dafür, oder?

Sloterdijk: Es beginnt mit dem Trugschluss, zu behaupten, dass das Klima für alle ein gemeinsames Schicksal mit sich bringt. Der Ausdruck „Klima“ verrät bereits aus seiner griechischen Wurzel seine Anbindung an das Lokale. Das Wort impliziert den Gedanken des Blickwinkels oder des Einfallswinkels, unter dem das Sonnenlicht auf die Erdoberfläche trifft. Damit ist von vornherein eine nicht ausgleichbare Differenz gesetzt. Wären die Klimata nicht verschieden und die Sehenswürdigkeiten nicht ungleich verteilt, gäbe es keinen Tourismus. Dass zwischen Gegenden im Norden und nahe zum Äquator keine Konvergenz besteht, das ist eine Trivialität. Und man wird in 10, 20, 30 Jahren, während der Wandel sich verdeutlicht, immer klarer sehen, dass es Klimawandel-Gewinner gibt und entsprechende Verlierer. Zwischen denen ist höchstens eine verbale Solidarität zu erwarten.

Keine Menschheit also, nie?

Sloterdijk: Alle derartigen Fantasien, denen zufolge ein allgemeines und kohärentes Großsubjekt „Menschheit“ sich konstituieren müsse, wurden bislang von der Wirklichkeit dementiert. Die beiden großen Monotheismen sind gescheitert, auch sie blieben regional. Später hat die Vorstellung Aufmerksamkeit erregt, die „Menschheit“ bestehe mehrheitlich aus Arbeitern bzw. Proletariern, die sich solidarisch vereinigen sollten: Das hat sich als die blutige Hauptillusion zwischen dem 19. Jahrhundert und dem 20. erwiesen. Nicht wenige sogenannten Proletarier von einst wurden Entwicklungsgewinner, viele andere finden sich weiterhin auf der Verliererseite. Sämtliche Versuche, durch dramatisch-hysterische Großerzählungen alles übergreifende, gemeinsame Interessenlagen zu suggerieren, haben sich als trügerisch erwiesen. Auch die große Klimaerzählung von heute, dessen kann man gewiss sein, wird sich früher oder später als Täuschungsmanöver erweisen. Es wird Gewinner und Verlierer geben, auch in diesem Drama, und vermutlich werden die eifrigsten Klimaaktivisten von heute bei den Gewinnern von morgen sein.

Das „graue Rauschen“ durch die Debatten über solche Fragen ist in den vergangenen Jahren ein zusehends hitzigeres, lauteres Geräusch geworden. Nicht unbedingt zum Vorteil der Debattenkultur, oder?

Sloterdijk: Man darf nicht vergessen: Die Menschen, als Organismen verstanden, sind strukturell zum Konservatismus verurteilt – auch psychodynamisch und kulturell sind sie fürs erste konservativ gepolt. Sie zeigen durchwegs eine starke Anhänglichkeit an ihre lokalen Identitätskonstrukte. Egal, was Menschen bisher getrieben haben, die meisten bemühen sich darum, sich selber ähnlich zu bleiben und nicht über Nacht andere zu werden. Was übrigens wieder an die pfingstliche Entwurzelung aus schlechter alter Identität und an die Möglichkeit einer befreienden Neubegeisterung erinnert. Das Beharren auf sich selber ist die Urkrankheit, mit der das moderne wie das traditionelle Leben geschlagen ist. Man möchte meistens sich selber ähnlich bleiben. Auch das Gerede vom Sich-neu-Erfinden, das seit einer Weile grassiert, ist so gut wie immer hohl und modisch verlogen. Das Abenteuer, anderen Geistes zu werden, stößt Menschen selten zu.

Was bedeutet das im gegebenen Zusammenhang?

Sloterdijk: Viele Beobachter haben den Eindruck, dass der Ton in den öffentlichen Debatten rauer wird. Die Polemik nimmt zu – zugleich steigt die Empfindlichkeit gegen die polemischen Töne. So entsteht eine Kakophonie, in der die schrillen Töne und die Klagen über sie ohrenbetäubend wirken.

Verständigung entsteht so jedenfalls eher nicht.

Sloterdijk: Verständigung – im Sinne von Übernahme der Rolle des Anderen – liegt eben nicht auf der Linie der Identitätswut. Die Urkrankheit des Beharrens auf dem Eigenen lässt sich so leicht nicht kurieren. Außer, nun ja, mit den unerforschten Mitteln des Pfingstwunders.

Und in der Politik, wie sieht es da aus? Im aktuellen Buch haben Sie die vergangenen 16 Jahre mit ziemlich deutlichen Worten beiseite geräumt, Sie haben Angela Merkel unter anderem „lau und machtbesessen“ genannt. Hat sich durch das neue Personal etwas verbessert?

Sloterdijk: Wir haben für deutsche Verhältnisse bemerkenswerte Veränderungen gesehen. Die ersten 100 oder 150 Tage unserer neuen Regierung haben bewiesen, dass jetzt Leute am Werk sind, die, auch wenn sie ihr Handwerk nicht beherrschen, weil sie es zuvor noch nicht ausgeübt hatten, durch „learning by doing“ beachtliche Ergebnisse erzielen.

Würden Sie jemanden besonders hervorheben?

Sloterdijk: Die beiden grünen Spitzenpolitiker schlagen sich gut. Aber auch, dass Christian Lindner eine außerordentliche Evolution vollzogen hat, muss notiert werden. Er hat in völlig nicht-ideologischer Weise den Imperativen des Augenblicks Raum gegeben, ohne zu vergessen, dass er in vielen Punkten lieber das Gegenteil von dem getan hätte, was die Situation verlangte.

Den Kanzler würden Sie ausnehmen aus der Analyse?

Sloterdijk: Den würde ich vorerst unkommentiert lassen. Lieber erinnere ich an die Antwort, die Maos Vize Tschou En Lai 1972 auf Nixons Frage, was er von den Folgen der Französischen Revolution halte, gegeben haben soll: „Es ist zu früh, darüber zu urteilen.“ Wir müssen dem Kanzler mehr Zeit zubilligen. Überhaupt ist die Annäherung zwischen politischem Kommentar und Theaterkritik fragwürdig. Man täte besser daran, beim sachlichen Ton zu bleiben.

Zur Person: Peter Sloterdijk ist einer der international einflussreichsten und meistgelesenen Denker Deutschlands. Zuletzt erschien vom emeritierten Karlsruher Professor, der sich auch immer wieder in gesellschaftlichen Debatten zu Wort meldet, die philosophische Farbenlehre „Wer noch kein Grau gedacht hat“ (Suhrkamp, 286 S., 28 Euro). Sloterdijk wird demnächst 75 und lebt mit seiner Frau Beatrice in Berlin und der Provence.

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