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Premiere: Krankheit der Jugend

12.10.2008

Jugend in Lebensgefahr

Auch die charmante, lebenslustige Desiree (Ines Kurtenbach) gehört zu den jungen Menschen ohne Zukunft.
Bild: A.T. Schaefer/Theater Augsburg

Einmal, die Premiere ist etwa eine halbe Stunde alt, wendet sich Freder kurz ans Publikum: "Was gibt's denn da zu lachen?" Man wusste nicht recht, ob die Frage, die nicht im Text zu finden ist, planvoll eingebaut oder improvisiert wurde. Ohne Berechtigung war sie jedenfalls nicht.

1925 schrieb der österreichisch-deutsche Autor Ferdinand Bruckner, als Künstler ein späteres Opfer der Nazis, das Beziehungs- und Selbstfindungsdrama "Krankheit der Jugend". Liest man das Stück heute, fallen einem als erstes die nahezu atemlosen Schlagabtausche der Dialoge auf, und als zweites die Aktualität des Stoffes, der sich wenig an Ort und Zeit der Handlung bindet: Wien, 1923.

Sieben junge Menschen, zwischen 18 und etwa 30, sechs (angehende) Akademiker und ein Dienstmädchen, suchen ihre Zukunft - oder wenigstens einen Stellungsvorteil auf dem Weg dorthin. Dafür benötigen alle ausnahmslos eines: einen Partner. Gebeutelt von Illusion und Desillusion, von Erinnerung und Zuversicht, von den Wallungen der Gefühle und Hormone, von Wünschen und Ängsten, von Obsessionen und psychischen Auffälligkeiten, stolpern sie wild - und theatralisch stark komprimiert - von der einen Aussichtslosigkeit in die nächste. Die zynische und kaltschnäuzige Hölle, das sind die anderen bei diesen Szenen einer Wohngemeinschaft im Pensionshaus Schimmelbrot. {elemet}

Marie bettelt nach Liebe oder nach Schlägen

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Ferdinand Bruckner hat Sartre und in gewisser Weise Bergman vorweggenommen. Er lässt eine Jugend geballt zu Wort kommen, die in latenter Lebensgefahr schwebt, da sie ihren Platz noch nicht gefunden hat. So sagt es Irene (selbstbewusst: Christine Diensberg) im Stück selbst, der man als einziger Zukunfts-Chancen einräumen möchte, weil sie analytisch und hart gegen sich selbst ist - während das Glück aller anderen schlussendlich keinen Pfifferling wert zu sein scheint: zu träumerisch-weich der Dichter Petrell (Alexander Koll), zu verstört der Mediziner Alt (undurchsichtig: Daniel Breitfelder), zu konträr und gezwungen-exzessiv das letzte Paar des Abends, Marie und Freder (Philippine Pachl als nach Liebe oder Schlägen bettelnde, frischgebackene Doktorandin; Tjark Bernau als schnöselig-glatter Freder).

Dazu kommen zum Finale: die bestürzend naive Lucy, schön gespielt von Anna Maria Sturm (schon auf dem Strich), die Männer- und Frauenfresserin Desiree - durchaus mit Charme gegeben von Ines Kurenbach (schon tot).

In der Schwebe zwischen Gestern und Heute

In die Augsburger Komödie müssten Schüler und Studenten nun strömen. Das Stück, leicht bearbeitet, geht vor allem sie etwas an. Auch weil Regisseurin Anne Lenk und Ausstatterin Halina Kratochwil, die hier der Spießigkeits-Bühnenbildnerin Anna Viebrock eindrucksvoll nacheifert, das Drama erstens in perfekter Schwebe zwischen Gestern und Heute halten (Blümchentapete und Schmierseifengeruch einerseits, elektrische Zahnbürste und Karaoke-Apparat andererseits) und zweitens sinnstiftend-hintergründige Musikeinlagen einbauen.

Dieser Abend scharf zeichnender Frauen, in den der Zuschauer umstandslos geworfen wird, gewinnt erst peu à peu, dann schnell an Fahrt. Im zweiten Teil drängen sich Slapstick-Sekunden, Gekünsteltes, Exaltationen fast schon bis zur überzeichneten Groteske. Ineinander verschränkt spielt das Theater Augsburg beide Schlüsse, die Bruckner zu seinem Stück anbot. Hass- und liebestoll fallen Marie und Freder übereinander her - gleich neben der toten Desiree.

Drei Menschen liegen aus drei Gründen nebeneinander. Sie heißen Liebessehnsucht, Sarkasmus, Depression.

Nächste Aufführungen am 17., 18., 25. Oktober

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