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29.01.2018

KZ-Überlebender und Swing-Legende: Coco Schumann ist tot

Coco Schumann 1997 in Berlin.
Bild: Florian Frank, dpa

Er spielte in Theresienstadt und an der Rampe von Auschwitz - weil es die SS so wollte. Die Musik half ihm aber auch, das Erlebte zu überwinden. Ein Lied vergaß er nie.

Immer wieder diese Szenen, immer wieder dieses Lied. An der Todesrampe von Auschwitz sitzt, weil es die SS-Schergen so wollen, ein junger Gitarrist und spielt „La Paloma“. Coco Schumann konnte diese Szene nie mehr aus dem Gedächtnis tilgen, sie war immer präsent, zu jeder Tages- und Nachtzeit, in guten wie in schlechten Tagen. Er sah die Augen der Kinder, die in den Gaskammern verschwanden. Dazu der Song von der weißen Taube. Unterhaltungsmusik als Untermalung für den Holocaust. Wie muss sich jemand fühlen, der den Soundtrack für den gewaltsamen Tod unzähliger Menschen lieferte? Kann man mit dieser Bürde weiterleben?

Schumann konnte. Er musste. „Was kann denn ,La Paloma‘ für die Nazis?“ fragte der Gitarrist bei Interviews immer wieder verzweifelt zurück, nur um klarzustellen: Ich hatte keine Wahl. Er intonierte den Titel, der sein Leben prägte, seit den 1990er Jahren wieder in Berliner Kneipen, auf Konzerten, im Studio. Auf seiner 1997 erschienene Doppel-CD „Coco Schumann – 50 Years Of Jazz“ ist er jedoch nicht zu finden. Dafür erklingt er im Dokumentarfilm von Jens Arndt. Der setzte den Musiker ein halbes Jahrhundert nach der Shoah alleine, nur mit seiner Gitarre, vor das Eingangstor von Auschwitz.

Coco Schumann - man nannte ihn den „Ghettoswinger“

Lange hat Coco gebraucht, bis das Vergessen der Gewissheit wich, dass er seine Musik, seine Erinnerungen an die Öffentlichkeit bringen müsse – für seine Familie und die Millionen Toten aus den KZ. 1997 erschien sein Buch, das seinen Beinamen trägt: „Der Ghettoswinger“. Er war in Theresienstadt, er war in Auschwitz und überlebte. „Wenn ich nicht zwei Meter groß wäre, blond und germanisch, hätte ich das alles nicht durchgestanden.“ Eine Oberflächen-Chuzpe wie diese diente dem kleinen untersetzten Mann als Schutzmechanismus.

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Durch das Berlin der 1930er Jahre lavierte sich der als Sohn eines protestantischen Vaters und einer jüdischen Mutter geborene Schumann mit derselben Verschmitztheit. „Rosita Bar“, „Groschenkeller“, „Ewige Lampe“ – Schauplätze, in denen Schumann und sein Freund, der Geiger Helmut Zacharias, lernten, wie man blitzschnell mitten im „Tiger Rag“ auf „Rosamunde“ umschwenkte, wenn die Braunhemden den Raum betraten. Seinen Judenstern trug er in der Tasche. Bis ihn 1943 doch die Gestapo holte und nach Theresienstadt brachte. Dort wurde Schumann Mitglied der legendären „Ghetto Swingers“ und wirkte im Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ mit. Als Belohnung sei ihnen die Freiheit versprochen worden, erzählte er. Aber nur drei Mitglieder der 16-köpfigen Band überlebten. „Nach den Dreharbeiten wurden wir gleich nach Auschwitz, die meisten ins Gas geschickt.“

Selbst dort gründete Coco mit zwei anderen deportierten „Ghetto Swingers“ eine Kapelle. „Die Musik hat uns das Leben gerettet.“ Wenn die SS-Leute die Neuangekommenen tätowieren mussten und sich langweilten, bestellten sie Jazz. Ausgerechnet diesen Klang der größten Freiheit und für Schumann auch des größten Trostes! Wenige Tage, bevor Auschwitz am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde, kam Schumann mit einem Transport nach Kaufering, einem Nebenlager des KZ Dachau. Am 30. April musste er zu einem „Todesmarsch“ aufbrechen, infizierte sich mit Flecktyphus und blieb in Wolfratshausen hängen, wo ihn amerikanische Soldaten befreiten.

Schumann wanderte nach Australien aus - und kam wieder zurück

Der Swingboom, den die Besatzer aus den USA mitbrachten, bescherte ihm eine kurze Karriere, brachte ihn mit Bully Bulhan, Paul Kuhn und anderen zusammen, bis er mit seiner Frau Gertrud nach Australien auswanderte. Schon vier Jahre später war Coco jedoch wieder zurück im Nachkriegs-Deutschland und zupfte jahrelang zwischen Eintags-Pop und Rock’n’Roll alles, was Töne hatte. Irgendwann beschloss er dann, nur noch Jazz zu spielen und seine unfreiwillige Rolle als verstummter Zeitzeuge zugunsten der Wahrheit aufzugeben.

„Die Lager und die Angst veränderten mein Leben, aber die Musik hat es geführt, und sie hat es gut gemacht.“ Fast scheint es, als sei diese Feststellung für seine künstlerische Existenz in seinem letzten Lebensdrittel unverzichtbar gewesen, gerade wegen des plötzlichen Medienlichtes, das ihm neben frischer Bekanntheit auch vermehrt antisemitische Drohbriefe bescherte. Nicht zuletzt deshalb wirkt seine Biografie wie ein Spiegel für die deutsche Vergangenheitsbewältigung.

Vergangenen Sonntag ist Coco Schumann in einem Berliner Krankenhaus im Alter von 93 Jahren gestorben, wie sein Münchner Plattenlabel Trikont mitteilte. Einer der letzten, die den Holocaust mit eigenen Augen sahen.

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