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29.07.2010

Kaspar-Hauser-Musical in Ansbach

Kaspar-Hauser-Musical in Ansbach
Bild: DPA

Ansbach (dpa) - Er stammelt, er schreit, sein Blick irrt ziellos und panisch umher. Seine Bewegungen gleichen mehr einem Tier als einem Menschen. Am Pfingstmontag des Jahres 1828 steht plötzlich ein junger Mann auf dem Nürnberger Unschlittplatz. Ist er betrunken? Ist er geisteskrank? 

Nein - die Geschichte ist viel komplexer. Erzählt wurde sie am Mittwochabend in Ansbach als Musical. "Kaspar Hauser - Allein unter Menschen" feierte im Rahmen der Kaspar-Hauser-Festspiele Uraufführung.

Die ebenso faszinierende wie mysteriöse Lebensgeschichte des Findelkindes Kaspar Hauser in Musical-Form zu gießen, ist eine gar nicht mal schlechte Idee: Denn zunächst fehlen dem verwahrlosten jungen Mann ja die Worte, nur ein paar Sprachfetzen bringt er zustande. Und da hilft die Musik weiter. Sie transportiert Stimmungen und Gefühle, sie kann Hass und Verzweiflung ebenso ausdrücken wie Zuneigung, Sehnsucht und Angst. Die Geschichte Hausers kann in sich schlüssiger erzählt werden als im Sprechtheater, wo doch vieles nur Andeutung bleiben müsste.

Und: Das Musical auf der relativ kleinen Ansbacher Bühne ist kein buntes Spektakel mit Lichtershow, Kostüm- und Kulissenzauber. Der sparsame Umgang mit Requisiten, das karge Bühnenbild und die weißen, schwarzen und in Grautönen gehaltenen Kostüme sorgen für eindringliche Bilder und Momente.

Kaspar-Hauser-Musical in Ansbach

Acht Schauspieler müssen bis zu 27 Rollen ausfüllen - dass das nicht amateurhaft wirkt, liegt am Konzept des Stücks. Personen sind austauschbar, sie füllen ja oft nur eine Schablone aus: der machtgierige Hochadel in Baden, der Hauser töten lassen will; der auf Publicity bedachte Nürnberger Bürgermeister, der das Findelkind als Sensation verkaufen will.

Nur Hauser ist nur Hauser: Udo Grunwald überzeugt in dieser Rolle, die zwischen Sprachlosigkeit, maßloser Furcht, Verzweiflung, aber auch kindlich-naiver Freude, Träumerei und Hoffnung changiert.

Intendant Jürgen Eick, der den Text zum Musical verfasst hat, hält sich an die Theorie, wonach Hauser eigentlich der Erbprinz von Baden war - aber bei der Geburt beiseitegeschafft wurde, damit eine Seitenlinie den Thron übernehmen konnte: Das Findelkind ist Opfer des hochadeligen Intrigenspiels um Macht und Reichtum und verbrachte viele Jahre in einem dunklen Verließ. Es geht nicht nur um das persönliche Schicksal eines Menschen, sondern auch um die Irrungen und Wirrungen der europäischen Politik im 19. Jahrhundert: Denn wäre Hauser wirklich der Erbprinz, so wäre er auch ein Adoptivenkel Napoleons.

Einen unumstößlichen Beweis für diese Herkunft hat die Wissenschaft indes nicht - um die Identität Hausers ranken sich deshalb auch knapp 177 Jahre nach seinem Tod viele Spekulationen. Zuweilen wird auch angenommen, Hauser sei nur ein Betrüger gewesen oder habe eine Persönlichkeitsstörung gehabt. Diese Aspekte haben aber auf der Bühne keinen Platz. Es ist gut, dass sich Eick auf eine Variante der Geschichte konzentriert hat. Die Musik hat Walter Kiesbauer komponiert, Regie führte Barry Goldman.

Am Ende stirbt Hauser 1833 in Ansbach. Er hat den falschen Leuten vertraut. Auch jene, die es gut mit ihm gemeint haben, konnten ihn nicht beschützen. Gemäß der Erbprinzen-Theorie muss es ein Attentat gewesen sein, um den legitimen Nachfahren aus dem Hause Baden endgültig aus dem Weg zu räumen. Die mittelfränkische Stadt setzt sich seit Jahren schon ausführlich mit der Person und der Geschichte Hausers auseinander - und hat nun ein Musical zum Thema geschaffen, für das das Premierenpublikum viel Applaus spendete.

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