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Kino-Kritik
14.10.2021

"The Last Duel" ist nur auf den ersten Blick ein Ritterspektakel

Matt Damon spielt in „The Last Duel“ nicht nur eine der Hauptfiguren, er hat auch maßgeblich am Drehbuch mitgearbeitet.
Foto: 20th Century Studios, dpa

Der Regietitan Ridley Scott legt mit „The Last Duel“ einen raffinierten Film vor: Lange schaut das nach einem Genre-Film aus, dann bekommt alles einen neuen Dreh.

Die Schlachtrösser sind gesattelt, in der Arena tobt das Volk, auf der Tribüne lächelt ein viel zu junger König. Vor ihm verneigen sich die beiden Ritter, greifen nach den Lanzen und galoppieren aufeinander zu. Alles scheint beim Alten zu Beginn von Ridley Scotts Mittelalter-Spektakel „The Last Duel“, das mit einer konventionellen Klammerdramaturgie ein Stück des Finales vorwegnimmt, um neun Jahre zurück auf Anno 1377 zurückzuspulen.

Hier sind die beiden Männer Jean de Carrouges (Matt Damon) und Jacques Le Gris (Adam Driver) noch beste Freunde und Waffenbrüder, die für König und Vaterland in die Schlacht ziehen. Schwerter wirbeln, Blutfontänen schießen hervor, die Kinoleinwand wird in Adrenalin und Testosteron getränkt. Scott ist in seinem Element, so wie man es aus Filmen wie „Gladiator“, „Kingdom of Heaven“ und „Robin Hood“ kennt. Wie man aus einer Titeleinblendung erfährt, wird das erste Drittel des Filmes aus Carrouges’ Sicht erzählt.

In "The Last Duel" kämpft Carrouges ums wirtschaftliche Überleben

Als die beiden Ritter aus der Schlacht zurück in die Normandie kommen, steigt Le Gris zum Geldeintreiber und Protegé des Grafen Pierre d’Alencon (Ben Affleck) auf. Carrouges hingegen kämpft auf seinem Familiensitz ums wirtschaftliche Überleben, nachdem die Pest Frau, Kind und einen großen Teil der Bauernschaft dahingerafft hat. Als er Marguerite (Jodie Comer) erblickt, zögert er nicht lange. Mit der schönen Braut kommt auch eine beträchtliche Mitgift in seinen Besitz. Aber das beste Stück Land hat der Graf als Steuerersatz eingetrieben und Le Gris geschenkt. Carrouges zieht gegen seinen früheren Freund vor Gericht und scheitert kläglich.

Als er Jahre später aus einem weiteren Krieg zurückkehrt, eröffnet ihm Marguerite, dass sie von Le Gris vergewaltigt wurde und das Unrecht nicht unter den Teppich kehren will. So geht Carrouges erneut vor das Gericht, um in einem legalisierten Duell den Vergewaltiger zur Rechenschaft zu ziehen. Aber das, was man bisher gesehen hat, ist nicht die ganze Wahrheit.

Im zweiten Teil wird aus der Sicht von Le Gris erzählt

Im zweiten Teil der Erzählung wird Le Gris’ Sicht auf die Geschehnisse gezeigt, dessen Loyalität zu Carrouges vom Grafen zunehmend infrage gestellt wird, bis er sich in Marguerite verliebt und sie gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr zwingt. „Wir konnten nicht an uns halten“, sagt er danach und versucht damit, die Vergewaltigung als einvernehmliche Leidenschaft schön zu reden.

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Die dritte und finale Wahrheit gehört Marguerite. Mit dem Perspektivwechsel bekommt die Geschichte einen neuen Blick auf die patriarchalen Verhältnisse des mittelalterlichen Frankreichs, in dem Frauen wie Besitztümer verschachert werden. Auch wenn ihr Mann sie liebt, wird Marguerites eheliche Loyalität angesichts seines grobschlächtigen Verhaltens immer wieder auf die Probe gestellt. Als Le Gris in ihr Haus eindringt, seine Liebe gesteht und sie vergewaltigt, gibt es aus ihrer Sicht nicht den geringsten Zweifel an dem sexuellen Gewaltakt. Vornehmlich aus dem gekränkten Ehrgefühl heraus zieht Carrouges vor Gericht und verschweigt der schwangeren Ehefrau, dass – sollte er das Duell verlieren – Marguerite auf dem Scheiterhaufen landet.

Der Film beruht auf einem Gerichtsfall aus dem Jahr 1386

„The Last Duel“ beruht auf einem Gerichtsfall aus dem Jahr 1386, der zum letzten legalisierten Duell in Frankreich führte. Für das Drehbuch haben sich Matt Damon und Ben Affleck zum ersten Mal seit „Good Will Hunting“ wieder zusammen getan und Regisseurin Nicole Holofcener mit ins Boot genommen. Die ersten beiden Teile wurden jeweils von Affleck und Damon geschrieben, die Frauenperspektive von Holofcener.

Über zweieinhalb Kinostunden entfaltet sich ein konventionell viriles Mittelalterspektakel, das alle Knöpfe des Genres drückt, um sich dann durch die weibliche Sicht auf das Geschehen selbst zu unterminieren. Detailreich, mit bitterem Blick und ohne feministisches Pathos blickt Holofcener in ihrem Part auf die patriarchalen Verhältnisse im Mittelalter, die sich, wenn es um die Verharmlosung von Vergewaltigung geht, erschreckende Parallelen zur modernen Gegenwart aufweisen. Ridley Scott erweist sich im Regiestuhl als Idealbesetzung, weil er das Publikum kompetent auf den Leim gehen lässt und dem finalen Perspektivwechsel die entsprechende Wucht und Tiefe verleihen kann.

Scott kann nicht nur „Gladiator“, sondern ist auch für den Frauenfilmklassiker „Thelma und Louise“ (1991) verantwortlich. „The Last Duel“ ist sicherlich kein feministisches Traktat, beweist aber, dass jedes Genre aus weiblicher Perspektive neu und gewinnbringend erzählt werden kann.

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