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Kino
29.08.2021

Zwei Filme zeigen die Welt nach der Klimakatastrophe

Der deutsche Science-Fiction-Film „Tides“ erzählt einer Erde mit einem neuen, heißeren, feuchteren Klima.
Foto: Warner Bros.

Zwei neue Filme zeichnen eine düstere Zukunft: "Reminiscence" macht das äußerst vorhersehbar, der deutsche Science-Fiction-Film "Tides" gehört unbedingt auf die große Leinwand.

Dieser Sommer hat auf dramatische Weise gezeigt, dass die Folgen des Klimawandels in greifbare Nähe rücken. Nicht nur Umweltorganisationen und Fridays for Future, sondern auch das Kino haben davor seit langem gewarnt. Schon vor siebzehn Jahren brachte Roland Emmerich in „The Day After Tomorrow“ den Golfstrom zum Erliegen und die globalen Folgen eines solchen Szenarios im Blockbusterformat auf die Leinwand. In dieser Kinowoche entwerfen zwei Filme eine dystopische Vision vom Klimawandel.

In Lisa Joys Spielfilmdebüt „Reminiscence“ steht Miami das Wasser bis zum Hals. Der Anstieg des Meeresspiegels hat die unteren Stockwerke dauerhaft geflutet und die Straßen in Kanäle verwandelt. Die Reichen sind in trockenere Regionen geflüchtet und verbarrikadieren sich hinter Flutmauern. Unten kämpfen die Menschen nicht nur tagtäglich gegen die Wassermassen, sondern auch gegen Kriminalität und Elend. In Floridas durchnässter Hauptstadt unterhält der Kriegsveteran Nick (Hugh Jackman) mit seiner früheren Kampfgefährtin Watts (Thandie Newton) eine Gedächtnis-Detektei.

Miami unter Wasser - und die Menschen flüchten in "Reminiscence" in die Erinnerung

Ein Wasserbad, eine Spritze in den Hals und ein Helm aus Elektroden auf den Kopf und schon geht die Reise los in die Vergangenheit. Viele kommen hierher, um in aussichtslosen Zeiten die schönen Momente ihres Lebens noch einmal zu durchleben. Aber auch die Staatsanwaltschaft nutzt die Durchleuchtung der Erinnerung als Verhörtechnik. Dann steht sie da: die ach so geheimnisvolle Mae (Rebecca Ferguson) in einem knallroten Kleid, das sie schon bald fallen lässt, um ins Erinnerungsbad einzutauchen – eine Femme Fatale wie aus dem Handbuch. Natürlich verfällt ihr Nick auf der Stelle, verbringt eine kurze, glückliche Zeit mit Mae, bevor die Traumfrau plötzlich spurlos verschwindet.

Regisseurin und Drehbuchautorin Joy ist sichtbar beseelt von der Idee, ihr Weltuntergang-Setting mit Elementen des klassischen Film noir zu verkneten. Aber der Genre-Teig will einfach nicht aufgehen. Auch wenn die visuellen Reize des kunstvoll verdüsterten Miami-Venedigs eine anfängliche Faszinationskraft entwickeln, kommt die klischeebeladene Story nie aus dem Hafen der Vorhersehbarkeit heraus und reduziert den dystopischen Zukunftsentwurf auf einen bloßen Verdunklungseffekt.

Ganz anders in der deutsch-schweizerischen Produktion „Tides“ von Tim Fehlbaum, wo jede Faser des Films von der postapokalyptischen Prämisse durchdrungen ist. Vor Klimakatastrophen, Unwettern und Sturmfluten haben sich hier die Eliten der Erde auf den Planeten Kepler 209 geflüchtet und das globale Prekariat seinem Schicksal überlassen. Die neue Welt bietet jedoch keine nachhaltige Zukunftsperspektive, weil die Strahlung der dortigen Atmosphäre die Menschen unfruchtbar macht. So wird schon der zweite Spähtrupp zurück zu Mutter Erde geschickt, nachdem die erste Mission verschollen ging. Aber auch von „Ulysses 2“ überlebt nur ein Besatzungsmitglied die Bruchlandung auf hoher See.

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In "Tides" dient das Wattenmeer als postapokalyptische Kulisse

Als das Meer zurückgeht und die Kapsel an Land gespült wird, findet sich Blake (Nora Arnezeder) in einer endlosen Schlicklandschaft wieder. Das ostfriesische Wattenmeer hat schon lange auf seinen Einsatz als postapokalyptische Kulisse gewartet und liefert grandiose Kinobilder existenzieller Verlorenheit. Aber schon bald gerät Blake in Gefangenschaft. Die Gestalten, die sich aus dem hereinbrechenden Nebel lösen, gehören zu einer Gruppe von Überlebenden, die sich auf Flößen wohnend den Gegebenheiten in den Überschwemmungsgebieten angepasst haben.

Auf außerirdische Rückkehrwillige sind die Einheimischen nicht gut zu sprechen. Ein paar sportliche Handlungssprünge weiter gelangt Blake in einen Hafen mit riesigen Schiffswracks, den die Pioniere der ersten Ulysses-Mission zum Fort ausgebaut haben. Gibson (Iain Glen) trifft Vorbereitungen für die Rückkehr der Menschheit zur Zivilisation, wozu auch die Entführung von einheimischen Mädchen zu Reproduktionszwecken gehört. „Für die Gemeinschaft“ lautet schließlich das allmächtige Mantra auf Kepler 209, wo die individuellen Bedürfnisse der Arterhaltung untergeordnet sind.

Die deutsche Dystopie ist in sich stimmig und gehört auf die große Leinwand

Aus bewährten Genrezutaten entwerfen Fehlbaum („Hell“) und seine Co-Drehbuchautorin Mariko Minoguchi („Mein Ende. Dein Anfang“) die in sich stimmige Dystopie einer Welt nach dem Untergang, in der Kolonialismus und Adaption als grundverschiedene Überlebensstrategien gegeneinander antreten. „Tides“ erzählt sich weniger über sein Dialogmaterial, als über die Präsenz der Figuren und ein bezwingendes atmosphärisches Konzept.

Die französische Schauspielerin Nora Arnezeder spielt mit großem Charisma die Astronautin Blake, die als Wiedergängerin der Alleinkämpferinnen im Science-Fiction-Genre wie Sigourney Weaver in „Alien“ oder Linda Hamilton in „Terminator“ angelegt ist. Geradezu haptisch wird die Welt nach der Klimakatastrophe mit Farb-entsättigten Bildern und einem Setting visualisiert, dessen Feuchte bis in die letzte Sitzreihe spürbar wird. Nahtlos verschwimmen die Aufnahmen von ein paar Drehtagen im Wattenmeer mit dem Material aus den Wasserbecken der Bavaria-Studios. Ein Film, der mit handwerklicher Ambition sichtbar für die große Leinwand geschaffen wurde und seine sinnliche Wirkung im dunklen Kinosaal kraftvoll entfaltet.

„Tides“ und „Reminiscence“ laufen gerade in den Kinos.

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