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Premieren-Kritik

12.10.2019

Kritik zu "Der Sturm" am Staatstheater Augsburg: Shakespeare als Baustelle

Patrick Rupar und Klaus Müller spielen in André Bückers Inszenierung "Der Sturm" am Theater Augsburg.
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Plus Das Staatstheater Augsburg übt sich – mit Shakespeares "Der Sturm" – in Enthüllung. Wie skandalös geht es hinter unseren Bühnen wirklich zu? Unsere Kritik.

Beliebt macht sich das Theater immer dann, wenn es sich selbst und seine Genies durch den Kakao zieht – von Mozarts „Schauspieldirektor“ bis hin zu Thomas Bernhards „Der Theatermacher“.

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Endlich kann das Publikum mal im weit geöffneten Nähkästchen Mäuschen spielen – um hernach das unverbrüchliche Wissen darüber nach Hause zu tragen, wie skandalös es wirklich zugeht in unseren hehren Musen- und Bildungstempeln.

Diesbezüglich erweist sich nun auch das Staatstheater Augsburg als eine riesige doppelte Baustelle, überdies mäßig abgesichert. Gegeben werden soll Shakespeares „Sturm“, aber so richtig auf der Rolle sind die zur Probe eintrudelnden Schauspieler und der in seiner Übellaunigkeit noch später herniederkommende Regisseur keineswegs. Ob das noch was wird mit der angesetzten Probe? Bei all den Flausen und Ideen, irren Eitelkeiten und blöden Fragen dieser Schauspieler, die ganz unstaatstheaterhaft knattern und outrieren?

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Doch, doch, langsam kommt man in die Gänge. Der Regisseur, so zynisch, herablassend, beleidigend er sich als alter Theaterhase auch gibt – hat ja doch Pfunde in der Hand: seine Macht und seine (Zauber-)Kunst. Damit lässt sich viel bewirken, manipulativ, repressiv... Die Probe beginnt, ein bisschen zäh.

Und genau das ist die zugespitzte, sadomasochistische, grundsätzlich tragende Inszenierungsidee für diesen Shakespeare-„Sturm“, den Augsburgs Intendant André Bücker jetzt gewieft auf einen doppelten Baustellen-Boden hievte. Prospero, der machtvolle Zauberkönig aus dem „Sturm“, der ist dieser alte zynische, regieführende Theaterhase und Baustellenleiter. Weil Prospero ja selbst im Stück mit Hilfe seines Luftgeists Ariel so viel vorgaukelt, arrangiert, hinzaubert. Beide sind sie Theatermacher: Prospero in Shakespeares Zaubermärchen und der arrogante Regisseur in Bückers Inszenierung einer Theater-Probe zum „Sturm“.

"Der Sturm" am Theater Augsburg ist meist vergnüglich

Dass das über weite Strecken vergnüglich ist und entlarvend-lehrreich hinter die Kulissen blicken lässt, versteht sich – gerade auch, weil viel Schweiß demonstrativ und nichtdemonstrativ fließt. André Bücker macht den Enthüllungsinszenator, den Whistleblower.

Und das Pfund, mit dem wiederum er wuchert, das ist Klaus Müller in der Doppel-Hauptrolle seines Lebens: Hier als Ekelpaket eines Regisseurs, dort als Prospero, der seine letzten Dinge regelt, bevor er als Magier abtritt. Hier wie dort duldet er keinen Widerspruch, hier wie dort zieht Klaus Müller sein Ding beeindruckend durch (– selbst wenn Shakespeares katholischer Prospero, so wie der jüdische Nathan und der Moslem Bassa Selim, durchaus auch erheblich milde, gütige, friedensstiftende Züge aufweist).

Aber bei der Truppe, die dem Theatermacher auf dieser Augsburger Baustelle (Bühnenbild: Jan Steigert) zur Verfügung gestellt ist, muss er auch hart durchgreifen. Zu oft sabotiert sie quasi den Probenfluss – wobei die schönsten, wundersamsten Momente des Abends dann geschehen, wenn dem Publikum suggeriert wird, jetzt ist alles Bearbeitung und Improvisation, in Wirklichkeit jedoch Shakespeare im Original ertönt. Da ist die Doppelbödigkeit perfekt. Große Theater-Klasse.

In "Der Sturm" entzaubert sich das Theater auch ein wenig selbst

Mitunter aber denkt man sich auch: Wo finde ich den Zauber dieses Zaubermärchens, wenn alles Spiel so uneigentlich, so profan, so gemacht ist? Indem Bücker sich für Desillusion, Offenlegung, mühsame Proben-Arbeit und Understatement entscheidet, entscheidet er sich auch ein Stück weit gegen Illusion, Überhöhung, Virtuosität, Deutungs-Statement. Das muss man bei aller kabarettistisch-vergnüglichen und nicht mit Gags sparenden Publikumsnähe des Abends hinnehmen. Beides auf einmal geht eben nicht. Und so hat die Produktion auch ein bisschen was von Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“, noch so ein beliebtes Kakao-Stück.

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Eindrücke aus der Inszenierung "Der Sturm"
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Mit allen Imponderabilien des Theaters sind in diesem Sturm für Großes Ensemble insbesondere gewaschen: Katja Sieder als a) Hosenanzugs-Regieassistentin, b) dankbar-liebende Tochter Prosperos und c) ihre körperlichen Vorzüge unterstreichende Geliebte Ferdinands, den Sebastian Baumgart erst übersteuert selbstbewusst, dann gedeckelt-demütig gibt; dazu Kai Windhövel als mehrfach gepeinigter König Alonso, Andrej Kaminsky als grün-roter, jedenfalls politisch denkender Ariel, Gerald Fiedler als gemaßregelter Underdog Caliban und Natalie Hünig, die gerne ob der Proben-Bedingungen ein wenig mault. Recht hat sie – und das Publikum seine Freud.

Nächste Aufführungen: 15. und 27., Oktober, 6. und 9. November, 6. und 12.Dezember

Lesen Sie auch: So wird die Premiere "Der Sturm" am Staatstheater

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