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05.10.2021

Was erzählen die neuen Star-Autorinnen des Liebeslebens?

Sally Rooney (*1991): Irische Autorin, die mit „Normal People“ einen Weltbestseller landete, der zudem zur sehr erfolgreichen Netflix-Serie wurde.
Foto: Diane von Schoen

Sally Rooney mit "Schöne Welt, wo bist du?", Lisa Taddeo mit "Animal": Die neuen Romane reichen vom Kampf um Emanzipation bis zur „Generation Beziehungsunfähig“.

Die Maximal-Marken sind gesetzt: „Das literarische Phänomen des Jahreszehnts“, hebt The Guardian in den Himmel; „die meistüberschätzte Autorin ihrer Generation“ stößt Die Welt in den Abgrund. Leisere Töne scheint es in der im digitalen Dauer-Schlagzeilen-Getöse selbst um Aufmerksamkeit buhlenden Kulturberichterstattung kaum noch zu geben, wenn es um diese eigentlich doch in leichter Prosa schreibenden Frau geht: Sally Rooney.

Die, die spätestens mit ihrem zweiten und erfolgreich als Netflix-Serie verfilmten Roman „Normal People“ (Normale Menschen) zum internationalen Literaturstar wurde. weil die, die, selbst gerade erst 30 ist, die großen Probleme des Liebens heute im Kleinen ihrer Geschichten so treffend beschreibt. Doch all das Getöse darum: In ihrem dritten Roman macht die junge Irin die Probleme, die so eine Liebe von Millionen Lesenden weltweit für einen einzelnen Menschen bedeuten kann, selbst zum Thema: „Schöne Welt, wo bist du?“ Diese verzweifelte Spiegelung auf der Suche nach Sinn und Glück, garniert mit ziemlich viel schonungsloser Ehrlichkeit und reichlich Sex – das ist das eine.

Lisa Taddeo (*1980): US-Autorin, die mit „Three Women“ ein emanzipatorisches Sachbuch schrieb, das zum internationalen Besteller wurde.
Foto: Diane von Schoen

Das andere ist das, was von dort, wo das Phänomen Rooney die größte Durchlauferhitzung erfahren hat, in der Heimat der Getöse-Kultur nämlich, aus den USA, zurück schallt: Eine neue Starautorin der Liebe, die jener kultivierten Empfindsamkeit und Reflektiertheit ihre Wut und Wucht entgegensetzt, Drive und Drama. Lisa Taddeo ist zehn Jahre älter, Journalistin, hat vor zwei Jahren mit ihrem Sachbuch „Three Women“ (Drei Frauen) international für Furore gesorgt, gekrönt auch mit Platz eins in Deutschland. Sie legt nun ihren ersten Roman nach, ebenfalls mit ziemlich viel schonungsloser Ehrlichkeit und reichlich Sex: „Animal“.

Aber es ist eben kein Zufall, dass hier im Titel das Tier(irsche) anklingt, während bei Rooney das Schillerzitat seufzt. Bei Lisa Taddeo nämlich ist das Drama des Liebens der Aufschrei und das Aufbegehren einer Frau namens Joan, die als drastisches Beispiel für die gepeinigte Frau an sich spricht. Schon früh traumatisiert vom frühen Verlust ihrer Eltern, verfolgt von deren dunkler Lebenslüge, geprägt von der Sehnsucht nach dem geliebten Vater, als Zehnjährige missbraucht, erzogen von der Tante in dem Bewusstsein, als Frau die Männer besser zuerst zu verraten, bevor diese es unweigerlich mit ihr selbst tun und zuletzt geschockt vom Selbstmord des älteren Verehrers, der sie beim Date mit einem jüngeren Geliebten erwischte, nun heimgesucht von der wiederum traumatisierten Tochter jenes Toten, die an ihr Rache nahmen will … – in Abrechnung dieser Dauereskalation zieht Joan hier eine gut 400 Seiten lange Lehre für die Tochter, die sie bekommt, und für die Zukunft der Liebe.

Lisa Taddeo: "Sämtliche Männer sind nur Ersatzfiguren für unsere Väter"

Zum Beispiel: „Frauen haben die Oberhand. Für diese Erkenntnis habe ich ein halbes Leben gebraucht. Eigentlich ist uns der Mann, der einer anderen Blumen bringt, egal … Alle aktuellen Männer sind Ersatzfiguren für verflossene. Und sämtliche Männer sind nur Ersatzfiguren für unsere Väter. Und selbst unsere Väter sind weniger wichtig als unsere eigene Selbsterhaltung. Ich wünsche mir, dass du nicht durch die Welt gehst im Glauben, du müsstest eine vermeintliche Leere in dir mit dem Fleisch eines anderen Menschen ausfüllen. Auch deshalb erzähle ich dir diese Geschichte.“ Es ist, mit Blick auf „die Trümmer meiner Beziehungen“, wie eine letzte wütende Emanzipationsgeschichte, die den vererbten Fluch des zerstörerischen Geschlechtergegeneinanders durch die Selbstermächtigung der Frau brechen soll – mit vollem US-Getöse.

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Und danach? Kommt die europäische Gefühlswelt der Sally Ronney. In deren neuem Roman diesmal ein Quartett steht, zwei Frauen, zwei Männer, geschlechterübergreifend und auch nicht unbedingt -festgelegt einander jedenfalls völlig ebenbürtig in der Verzweiflung an der Liebe – wie alle Figuren der Irin wirken sie dem schlagenden Befund des deutschen Kolumnisten Michael Nast entlaufen: „Generation Beziehungsunfähig“. Sie versuchen sich in, winden sich aus, erholen sich von immer neuen Versuchen des Liebens, sind dabei höchst reflektierte Zeitgenossen, die sich der versteckten Folgen ihres Konsumverhaltens für die Umwelt und die Lebensumstände der Ärmeren bewusst sind, die schon mal über die Vorzüge des Kommunismus nachdenken, alles offen zu bereden versuchen.

Sally Rooney: Eine Jane Austen fürs 21. Jahrhundert?

Alice ist die Schriftstellerin, in der sich die Autorin spiegelt und bricht. Sie erholt sich gerade von einem Zusammenbruch und hasst die Person, von der die Medien schreiben, es wäre sie; schreibt lange Mails mit ihrer besten Freundin Eileen und lernt bei einem Tinder-Date den Lagerarbeiter Felix kennen, den Literatur überhaupt nicht interessiert, während Eileen daran verzweifelt, dass sie im Leben nur Verlagsmitarbeiterin geworden ist und zweifelt, ob ihre Jugendliebe Simon nicht doch der Mann fürs Leben ist. Mit diesem kommt die interessanteste Figur ins Spiel. Denn Simon ist bekennender Christ, was die anderen geradezu bizarr finden. Wie er aber damit die klassische, existenzielle Lehrstelle markiert, die bleibt, seit der Mensch Gott durch seine Abkehr vom Glauben getötet hat, so umkreist der Roman auch die Leerstelle, die geblieben ist, sofern sich der Mensch vom klassischen Glauben an die eine große Liebe mit Familie abwendet. Sally Rooney ist verzweifelte Romantik, eine Aktualisierung des 19. Jahrhunderts, die nach den ausgestandenen Kämpfen der Emanzipation bei Lisa Taddeo irgendwann doch auf Erlösung hofft und nur nach der Reife zum Entschluss dazu ringt. Eigentlich Kitsch also?

Höchstens insofern die polyamore, diverse „Generation Beziehungsunfähig“ im Wohlstandskonsum des 21. Jahrhunderts letztlich eben selbst doch vom bürgerlichen Idyll träumt (siehe Nast) – auf dass die beste Beziehung keine Frage der Selbstoptimierung mehr ist. Aber grundsätzlich: Eher nein, denn dafür ist es zu gut geschrieben. Wie überhaupt Rooney und Taddeo, die eine melancholisch klug, die andere mitreißend wuchtig, verstehen, auf der Höhe der Zeit und ihrer Figuren vor allem in Szene und Dialog überzeugen (und weil beide auch über Sex schreiben können): Drehbücher für eine Aktualisierung einer Jane- Austen-Literatur fürs Netflix-Zeitalter. Das ist nicht wenig. Bloß: Das Getöse darum ist mindestens um das gleich Maß zu viel wie das um die Liebe, das sie selbst erzeugen.

Die Bücher

- Sally Rooney: Schöne Welt, wo bist du? Übersetzt von Zoë Beck, Claassen, 352 S., 20 Euro

- Lisa Taddeo: Animal. Übersetzt von Anne- Kristin Mittag, Piper, 416 S., 22 Euro

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