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Literatur
30.12.2020

Buch mit Erinnerungen: Der Dichter Paul Celan aus der Nähe betrachtet

Der Lyriker Paul Celan war ein Mensch mit vielen Facetten.
Foto: Willi Antonowitz, dpa

Das Buch "Mit den Augen von Zeitgenossen" zeichnet ein facettenreiches Bild des aus Czernowitz stammenden Dichters Paul Celan (1920 - 1970).

„Es gibt viele Celans, und sie werden immer zahlreicher“, sagt die wie der Dichter aus Czernowitz stammende Ilana Shmueli. Jeder erinnert sich auf seine Art, jeder liest Paul Celan anders, und keiner ist vor Missverständnissen gefeit. In dieser Unübersichtlichkeit tut es gut, ein Buch zur Hand zu nehmen, in dem sich 55 Zeitgenossen und Wegbegleiter erinnern.

Über den Dichter Paul Celan gibt es viele Legenden

Petro Rychlo, Literaturprofessor an der Universität Czernowitz/Chernivtsi (Ukraine), Übersetzer und Herausgeber der deutsch-ukrainischen Gesamtausgabe von Celans Gedichten, hat die authentischen Stimmen zusammengetragen, darunter unveröffentlichte beziehungsweise in deutscher Sprache erstmals publizierte. Das Buch schließt die Reihe gewichtiger Veröffentlichungen im doppelten Jubiläumsjahr des Dichters (100. Geburtstag/ 50. Todestag) auf willkommene Weise ab, weil es gleichsam einen geballten Lichtstrahl ins Dunkel der Legenden und Mutmaßungen schickt.

Deutsch schreibender Dichter, dem Deutschland unheimlich blieb: Paul Celan (1920–1970).
Foto: Ullstein

Der Leser schreitet Celans Hauptstationen der Jahre 1920 bis 1970 ab: Czernowitz, Bukarest, Wien, Paris. Konstanten zeichnen sich ab: die Prägung durch die Deutsch sprechende, der Literatur zugewandten Mutter. Seine außergewöhnliche Sprachbegabung, die auf den späteren bedeutsamen Übersetzer (russischer und französischer Autoren) vorausweist, fällt den Zeitgenossen auf. Ferner die tadellose Eleganz, mädchenhafte Züge, das auf die Natur, auf Bäume und Blumen gerichtete Augenmerk.

Der Lyriker Paul Celan, "ein selten schöner Mensch"

Ilse Goldmann, ein Jahr nach Celan in Czernowitz geboren, spricht von einem „selten schönen Menschen, ganz in der Art jugendlicher Romantiker...mit sanften Rehaugen und einem goldüberhauchten Pfirsichton der Haut“. Doch die spätere Redakteurin und Übersetzerin sticht sogleich in die schwärmerische Blase: „In seinem Wesen war etwas Weiches-Wehleidiges, das ich nicht vertrug“.

Celan, der Verführer mit dem tänzelnden Schritt und leicht zur Seite geneigten Kopf – dieses Bild kehrt einige Male wieder. Desgleichen Pauls Übermut, sein mitreißender Witz. Er gibt gern den Hanswurst, karikiert die Lehrer, liebt jiddische Fabeln.

Stimmungsumschlag bei Celan nach Plagiatsvorwürfen

Doch die Kehrseiten bleiben nicht verborgen: Schweigsamkeit, Ironie, Sarkasmus. Celans Jugendfreundin Edith Silbermann berichtet von einem „leicht verstimmbaren Instrument“. Dieser Charakterzug einer hohen Reizbarkeit und des jähen Stimmungsumschlags wird sich in den Pariser Jahren zu einer psychischen Abgründigkeit verschärfen. Celan glaubt sich verfolgt. Dazu trägt die kapitale Verdrängung der Judenmorde in der deutschen Nachkriegszeit bei, vor allem aber die infamen Plagiatsvorwürfe, welche die Dichterwitwe Claire Goll erhebt. Sie treffen den Dichter ins Innerste. Man weiß von Celans Klinikaufenthalten, den Psychopharmaka, Elektroschocks, der am Ende zerrütteten Ehe mit der Künstlerin Gisèle Lestrange.

Paul Celans Studentenausweis

Mancher Gefährte von einst glaubt seinen Augen nicht, als er Celan nach Jahren in Paris wiedertrifft: was für ein einsamer Mensch! Leichtfertig könnte man die Linie ausziehen bis zu Celans Selbstmord in der Seine (vermutlich am 19./20. April 1970). Doch es gilt, was der Literaturwissenschaftler Bernhard Böschenstein sagt: „Es gibt nichts Schwierigeres als die Vergegenwärtigung von Zusammenkünften mit Paul Celan.“

Friedrich Dürrenmatt über schnapsträchtiges Tischtennis mit Paul Celan

Es gibt viele Celans. Von einem der erstaunlichsten berichtet Friedrich Dürrenmatt: „Wir spielten stundenlang Tischtennis, er war von einer ungeheuren, bärenstarken Vitalität...Dann trank er zu einer Hammelkeule eine Flasche Mirabelle, einen starken Schnaps...er trank eine zweite Flasche Mirabelle...Er dichtete in das bauchige Glas hinein, dunkle, improvisierte Strophen, er begann zu tanzen, sang rumänische Volkslieder, kommunistische Gesänge, ein wilder, gesunder, übermütiger Bursche.“

Petro Rychlo: Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan. Suhrkamp Verlag, 469 Seiten, 28 Euro

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