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Oper

27.01.2015

„Lucia di Lammermoor“: Die fabelhafte Diana Damrau

Günzburgs Opernstar Diana Damrau hat in der Bayerischen Staatsoper die Rolle der „Lucia di Lammermoor“ übernommen.
Bild: Ulrich Wagner

Generationenwechsel an der Bayerischen Staatsoper. Für „Lucia di Lammermoor“ war jahrelang Edita Gruberova zuständig. Nun übernimmt die fabelhafte Diana Damrau.

In der Oper und durch die Oper werden ja manche wahnsinnig.

Lucia di Lammermoor ist nur eine, wenn auch eine der berühmtesten unter den Phrenesie-Kandidatinnen des italienischen Schauer- und Schauder-Belcanto. Wer sie entrückt und irrwitzig zu singen versteht, der riskiert im selben Atemzug, dass auch das Publikum durchdreht. So geschehen nach Auftritten der Callas, der Sutherland, der Gruberova.

Hat Lucia Anlass zu einer Störung von Geist und Gemüt? Hat sie.

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Man stelle sich vor, eine junge Frau wird durch ihren Bruder plus Erzieher/Priester mittels Intrige, Vorwürfen, Drohungen unter Druck gesetzt, einen ungeliebten Mann zu heiraten – auf dass der gesellschaftlich-politische Einfluss der Familie gewahrt bleibe. Die junge Frau kommt in ein böses Dilemma: Auf der einen Seite der Geliebte, dem sie sich bereits versprochen hat; auf der anderen Seite ihre Verantwortung für die eigene Familie, von der sie sich nicht frei machen kann. Da kann sich psychisch schon was spalten in einem.

„Lucia di Lammermoor“ an der Bayerischen Staatsoper

Jetzt ist die Donizetti-Oper von der jungen Regisseurin Barbara Wysocka aus ferner schottischer Degen- und Mantelepoche in die USA der Kennedy-Zeit verpflanzt worden. An der Bayerischen Staatsoper ergehen sich patriarchische Clans in einer Polit-Fehde, in einem Macht-Poker, dem sich das Liebesglück einer zunächst eher selbstbewussten Lucia zu beugen hat.

Das kann man so machen – auch wenn Lucias wirklicher Liebhaber Edgardo durch Straßenkreuzer und Fliegerjacke einen Schuss zu viel James-Dean-Klischee gespritzt bekommt.

Der wohl dichteste Moment dieses Abends in der Einheitsszene einer stark putzbröckelnden Regierungszentrale, wo auch das Repräsentationsklavier umgestürzt wurde (Bühne: Barbara Hanicka): die Zwangsverheiratung Lucias unter den Augen von Film und Fernsehen sowie (zeitlupenartig Beifall klatschender) Riesen-Anverwandtschaft und High Society. Aus der ihr Leben in die Hand nehmenden Lucia wird ein Opfer von Familie und Kirche. Und dann platzt auch noch der wirklich Geliebte in die Feier-Fassaden für ihr falsches Glück. Ein Eklat. Wer würde da nicht die Nerven verlieren?

Daraus eben folgt der Wahnsinn der Lucia – und die Wahnwitz-Szene Diana Damraus an der Staatsoper München, wo sie die Donizetti-Rolle inklusive des geisterhaft begleitenden Glasharmonikaspielers quasi direkt aus den Händen der derzeit abdankenden Edita Gruberova übernimmt.

Also Auftritt Damrau. Eben hat sie ihren Zwangsbräutigam niedergestreckt, nun richtet sie den Lauf ihrer Pistole in unberechenbaren Richtungswechseln auf die Hochzeitsgesellschaft, die sich abduckt. Das Blatt in Sachen Gewaltandrohung wendet sich. Lucia/Damrau dreht den Spieß um. Jede Faser an ihr zittert: Jetzt hört ihr mir mal zu! Sie tritt gar an ein Mikro. Aber letztlich richten sich Rachegefühl, Trance, plötzliches Machtbewusstsein autoaggressiv gegen Lucia selbst: Sie tritt in ein Zwiegespräch mit ihrer Pistole, streichelt diese, hält sie sich an die Schläfe, in den Mund.

Und ebenso unberechenbar, stockend, affektgetrieben entäußert sie sich in sich überschlagenden Koloraturen. Blendet die Stimme auf, blendet sie ab. Biegt sie flexibel in die Höhe und in rauchige Tiefe („Il fantasma!“), leiht ihr Unschuld sowie – da sie sich selbst visionär als kleines Mädchen wiedererkennt – höchste Tragik.

Diana Damrau: am Höhepunkt ihrer Karriere?

Vielleicht ist Diana Damrau derzeit in einer Hinsicht am Höhepunkt ihrer Karriere angelangt. Weil sie ihre Belcanto-Koloraturen einerseits noch mit Mädchenfrische beglaubigen kann, andererseits aber auch stark eine Komponente reifer Dramatik zumischt. Edita Gruberova sang die Lucia bis ins höhere Alter hinein immer ganz klar, rein, leicht, elfenhaft (– und bleibt darin bis heute unübertroffen). Die Damrau hingegen zieht auch Volumen, Empörung, Aplomb heran. Mit unbedingtem Auftrittswillen und rauschendem Theaterblut wird von ihr fabelhaft agiert und vokalisiert. Natürlich Ovationen – jedoch ohne deren Münchner Höchstmaß: Fußgetrampel, auf dass die Ränge wackeln.

Wer kann DD in dieser Aufführung auf musikalischer Augenhöhe begegnen? Sicherlich Georg Zeppenfeld als Raimondo mit klangvoll artikulierter Bass-Resonanz; mit kleineren Abstrichen auch Pavol Breslik als Liebhaber Edgardo: ein metallischer Tenor, ein schmerzlich-schöner Tenor, ein vokaler Schwerenöter. Mitunter allerdings flackerte sein Organ ein wenig.

Dalibor Jenis als Enrico begann den Abend sehr stark mit einem ungeheuer machtvollen Bösewicht-Bariton und undurchschaubarem Pokerface, ließ dann aber an Durchschlagskraft nach.

Und der nach wie vor als Lichtgestalt gehandelte Kirill Petrenko am Pult des Staatsorchesters? Er dirigierte seine erste Belcanto-Oper. Und er tat es eher straff, konzis, näher an der dramatischen Wucht Verdis – als an der tänzerischen Eleganz Donizettis. Nun ist schwer zu entscheiden: War dies Absicht in Unterstreichung der Härten des inszenierten Machtgeschiebes oder muss sich Petrenko denn doch noch das rhythmisch Federnde des frühen Belcanto erarbeiten? Das Staatsorchester folgte ihm jedenfalls hellwach und unter Zuspitzung klanglich direkt. Premierenjubel auch für den Staatsopernchor.

Die nächsten Aufführungen mit Diana Damrau finden am am 29. Januar, 1., 5., 8. und 11. Februar sowie im Rahmen der Opernfestspiele 2015 am 22. und 25. Juli, statt.

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