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Buchkritik

25.11.2019

Maja Lunde und „Die Letzten ihrer Art“

In einem Gehege bei Augsburg lebt eine Gruppe junger Przewalski-Hengste, die zum Europäischen Erhaltungszuchtprogramms gehören. 
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In einem Gehege bei Augsburg lebt eine Gruppe junger Przewalski-Hengste, die zum Europäischen Erhaltungszuchtprogramms gehören. 
Bild: Norbert Pantel/Landschaftspflegeverband Stadt Augsburg

Im dritten Teil ihres Klima-Quartetts dreht sich bei der norwegischen Besteller-Autorin alles um die Przewalski-Wildpferde.

Bienen, Wasser – und jetzt also Pferde. Aber nicht irgendwelche. Im neuen Roman der norwegischen Bestseller-Autorin Maja Lunde geht es um die letzten Wildpferde. Mehr als 600 Seiten über Przewalski-Pferde, ihr Beinahe-Aussterben, ihre Rettung, Auswilderung und ihr Dasein in der Zukunft, dazu Menschen, die einen besonderen Bezug zu dieser Tierart haben. Klingt nach Mädchenlektüre, ist aber ein durchaus lesenswerter Roman geworden, der trotz ein paar logischen Schwächen spannend ist.

Teil 3 des Klima-Quartetts funktioniert nach dem bekannten Erfolgsrezept der beiden Vorgänger: Protagonisten aus drei verschiedenen Zeiten sind durch eine Gemeinsamkeit verbunden. In Teil 1 waren es die Bienen und deren Verschwinden. In Teil 2 das Wasser und dessen Knappheit. In Teil 3 nun das Aussterben der Wildpferde. Pro Kapitel springt Lunde in eine andere Zeit, nach und nach entsteht aus diesem Erzähl-Mosaik ein Gesamtbild.

Eva will die Pferde nicht im Stich lassen

Los geht’s in einer düsteren, verregneten Zukunft, Europa nach dem weltweiten Kollaps, Norwegen im Jahr 2064. Während die Gesellschaft zusammenbricht, der Mensch in Europa auszusterben droht, harrt Eva mit ihrer Teenager-Tocher Isa auf ihrem Hof bei Heiane im Süden des Landes aus. Die beiden versuchen, als Selbstversorger zu überleben. Sie bestäuben Blüten von Hand, weil die Bienen verschwunden sind (kleiner Gruß aus Teil 1). Das Wetter spielt verrückt. Dürren, dann Dauerregen. Außerdem müssen sie sich vor Plünderern in Acht nehmen, denn die meisten Menschen sind, vom Hunger getrieben, wieder Nomaden geworden. Einziger Grund, weshalb die beiden es nicht ihren Nachbarn gleichgetan haben und gen Norden aufgebrochen sind, wo es noch genügend Nahrung geben soll: Eva will ihre beiden Przewalski-Pferde nicht im Stich lassen, die zu den letzten Exemplaren ihrer Art gehören.

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Bleiben und warten oder gehen und wagen? Darüber geraten Mutter und Tochter immer wieder in Streit. Eines Tages dann taucht eine Fremde auf – wie sich bald herausstellt, ist es die kleine Lou aus „Die Geschichte des Wassers“, kleiner Gruß aus Teil 2 also. Die inzwischen erwachsene Frau erzählt, wie es ihr in den vergangenen 24 Jahren ergangen und was aus ihrem Vater geworden ist, und schildert, wie Europa mit all den Klimaflüchtlingen nicht fertig wurde.

Für Station 2 springt Lunde fast 200 Jahre zurück, ins St. Petersburg der Zarenzeit, wo der Zoologe Michail seine Geschichte einer abenteuerlichen Entdeckungsreise in die Mongolei niederschreibt. Sie begann, als ihm der Schädelknochen eines Wildpferdes präsentiert wurde, den der polnische Entdeckungsreisende Nikolaj Michailowitsch Przewalski aus Zentralasien mitgebracht hatte. Eine Sensation! Dieses „Pferd der Höhlenmenschen“ galt als ausgestorben! Erst gab Michail der Rasse einen Namen, Equus przewalski, dann schmiedete er den Plan, ein paar Exemplare dieser Tiere in seinen Zoo zu holen. Zusammen mit dem Tierfänger und Abenteurer machte er sich also auf – auf eine Entdeckungsreise auch zu sich selbst und seinen Neigungen.

Maja Lunde
Bild: Oda Berby

Und dann ist da noch Karin, um deren Geschichte es im dritten Handlungsstrang geht und die Michails Arbeit quasi weiterführt. Die Tierärztin hat ihr Leben den Przewalski-Pferden gewidmet, seit sie einst als Kind im Wildpark Hermann Görings zum ersten Mal diese Tiere sah.

Um die Pferde besser erforschen zu können, zog sie als junge Frau freiwillig hinter den Eisernen Vorhang nach Prag. Später züchtete sie die Tiere auf ihrem Hof in Frankreich nach – und nun, 1992, will sie einen Teil der Tiere in der Mongolei auswildern. Begleitet wird sie bei diesem Experiment von ihrem Sohn, einem Ex-Junkie. Sein Suchtdrama aus der Vergangenheit kommt in der mongolischen Steppe wieder hoch, als Karin um die Leben ihrer vierbeinigen Kinder kämpft. Diese Konflikte zwischen den Protagonisten, dieses Scheitern und Hoffen lassen einen durch die Seiten fegen.

Der dystopische Teil in „Die letzten ihrer Art“ ist allerdings nicht so stark wie in den Vorgängerromanen. Dass eine Mutter wegen zwei Pferden ihre Tochter in Gefahr bringt, dass in so rauen Zeiten Frauen ohne Waffen auf einem Hof überleben und sich den Luxus erlauben, ein Solardach nicht zu reparieren – das wirkt aus heutiger Sicht unrealistisch oder unlogisch, die Katastrophe kommt wie eine Lightversion daher. Aber was bedeutet schon Logik in Zeiten des Weltuntergangs? „Es ist ein Szenario, das ich liefere, keine Prognose. Hoffentlich kommt es anders!“, sagte Lunde jüngst in einem Interview mit der Tageszeitung.

Der Mensch zerstört nicht nur, er kann auch retten

„Die letzten ihrer Art“ ist kein fröhliches Buch, aber es kann auch Hoffnung machen, weil es aufzeigt: Der Mensch zerstört nicht nur, er kann auch retten und bewahren. Sogar ein Einzelner. Damit transportiert es auch die Botschaft, die Maja Lunde ihren drei Söhnen mitzugeben versucht, wie sie in einem Gespräch mit unserer Zeitung verriet: „Alles, was wir tun, ist von Bedeutung. Jeder kleine Schritt von jedem.“

Mit „Die letzten ihrer Art“ trifft Maja Lunde offenbar wieder den Zeitgeist: Kurz nach Erscheinen steht ihre neueste Klimadystopie wieder auf den Bestsellerlisten. Und sie hat auch schon ein bisschen verraten, wie es weitergehen soll: Für Teil 4 wird sie noch einmal in die Zukunft reisen, an den Nordpol im Jahr 2110. Dann soll es um Pflanzen und Samen gehen. Und sie will dann alle Geschichten miteinander verbinden.

  • Maja Lunde: Die letzten ihrer Art. Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein. btb, 640 S., 22 €
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