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Rückblick aufs Jahrzehnt

19.12.2019

Makellos, atemlos, hoffnungslos - das waren die Zehnerjahre in der Pop-Musik

Die neue Königin des Pop: Beyoncé. Sie vereint, was bewegte: Im Fach R&B-Rap zu Hause, wurde als Frau und Afroamerikanerin eine betonte Gegenikone zur Herrschaft der weißen Männer.
Bild: Matt Sayles, AP, dpa

Plus Pop stand in den Zehner-Jahren im Bann von Politik und Zeitgeschehen. Helden starben und stürzten. Eine Afroamerikanerin und ein rothaariges Bürschchen übernahmen.

Barack Obama hatte sie fast alle bei sich in Washington, die großen Namen der US-amerikanischen und internationalen Musikszene: Stevie Wonder und Justin Timberlake, Mick Jagger und Joan Baez, natürlich auch Hip-Hop-Stars wie Kendrick Lamar. Mit dem ersten afroamerikanischen Präsidenten war der Pop ins Weiße Haus eingezogen.

Auf den Musikfan Obama, der (mit Frau Michelle) noch heute durch Veröffentlichung einer Playlist Musikerkarrieren befeuern kann, folgte 2017 der Reality-TV-Darsteller Donald Trump, den kaum ein Star im Oval Office besuchen will. Außer natürlich Rapper und Selbstdarsteller Kanye West, der sich zeitweise für einen neuen Jesus hielt und inzwischen offensiv dem alten Jesus und Trump huldigt.

Der coole Weltbürger Obama und der wirre Nationalist Trump stehen nicht nur für den politischen Wandel, den die USA und die Welt in den Zehner-Jahren erlebt haben, sie stehen auch für Brüche, die den Pop-Kosmos ereilt haben. Waren die Nuller-Jahre musikalisch ein Jahrzehnt des Rückzugs ins Persönliche, so haben Politik, Zeitgeschehen und gesellschaftliche Debatten alle Spielarten des Pop von Rock bis Hip-Hop in der vergangenen Dekade so stark geprägt wie lange nicht mehr.

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„Black Lives Matter“, „#metoo“, aber auch der islamistische Terror. Ariana Grande, vor deren Auftritt am 22. Mai 2017 in Manchester ein Selbstmordattentäter 22 Fans mit einer Bombe tötete, wurde dadurch zur Ikone der Stärke. Die Eagles of Death Metal, bei deren Konzert am 13. November 2015 in Paris 89 Besucher durch Terror starben, fielen danach leider nur durch Verschwörungstheorien auf.

Prince, David Bowie und Leonard Cohen verließen die Bühne des Lebens

Das jüngste Pop-Jahrzehnt war eine Zeit der Verluste; prägende Künstler wie Prince, David Bowie und Leonard Cohen verließen die Bühne des Lebens, das einstige Indie-Idol Morrissey wurde zum Rassisten und meldete sich so aus dem Kreis der Helden ab. Andere nahmen ihren Platz ein.

Allen voran: Beyoncé Knowles, bei der man fast vergessen hat, dass sie einmal Teil einer Girl-Group war, so hell erstrahlte ihr Stern als selbstbewusste Künstlerin, die auf ihrem Album „Lemonade“ (2016) nicht nur persönliche Probleme verhandelte, sondern auch als Feministin und Kämpferin gegen Rassismus auftrat – und als goldene Göttin mit Babybauch bei der Grammy-Verleihung 2017. Die mittlerweile 38-Jährige machte alles derart richtig, dass Kaffeebecher mit dem Satz „What Would Beyoncé Do?“ in Ladenregalen stehen. Das hat Taylor Swift, die andere große Pop-Frau des Jahrzehnts, (noch) nicht geschafft.

Hip-Hop-Star Kendrick Lamar schuf ein komplexes Meisterwerk

Beyoncé ist ein Star mit Haltung – bessere, wichtigere Platten haben andere veröffentlicht. Ihre Schwester Solange etwa mit „A Seat At The Table“ (2016), vor allem aber Kendrick Lamar, dessen „To Pimp A Butterfly“ (2015), ein komplexes Meisterwerk der Hip-Hop, seinen Platz in der Pop-Ruhmeshalle sicher hat. Überhaupt dominierten Hip-Hop, wenn auch nicht immer in dieser Brillanz, sowie R&B die Pop-Welt, meist mit Autotune-gedopten Stimmen und Elektro-Beats.

Ganz oben an der Spitze der Pyramide: der Kanadier Drake, bei Spotify der meistgestreamte Künstler des Jahrzehnts. Was die Verkaufszahlen und den Fan-Magnetismus anging, lief ihm aber besonders in Europa ein rothaariges Bürschchen den Rang ab: Ed Sheeran, der englische Singer-Songwriter, der mit seiner „Divide“-Tour den Rekord der erfolgreichsten Tournee U2 abspenstig machte.

Drake ist der Streamingkönig.
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Das sind die erfolgreichsten Musiker des Jahrzehnts auf Spotify
Bild: Myles Wright/ZUMA (dpa)

Von den Briten sind nur noch die Arctic Monkeys vorne dabei

Die Zehner-Jahre waren aber keine gute Zeit für (weiße) Männer, die sich eine Gitarre umhängen. Die Plakate der großen Rockfestivals lesen sich mit den immer gleichen Headlinern mittlerweile wie die Setlists von 80er- und 90er-Jahre-Retro-Rock-Partys, obwohl Bands wie Metallica, die Foo Fighters oder die Red Hot Chili Peppers längst nichts Relevantes mehr veröffentlichen. Und auch der Indie-Rock, der in den Nuller-Jahren jede Studenten-WG beschallte, ist wieder in der Nische verschwunden. Von den Briten sind nur noch die Arctic Monkeys vorne dabei, Strokes sind unsichtbar geworden. Die Hoffnung auf eine neue Generation von Mega-Rockbands hat sich nicht erfüllt. Mangels Nachfrage vermutlich.

Das heißt allerdings nicht, dass der Rock egal war in der jüngsten Dekade. Altmeister Nick Cave etablierte für seine Bad Seeds seit „Push The Sky Away“ (2013) einen neuen dunklen Sound; die Briten Alt-J entdeckten auf „An Awesome Wave“ (2012) eine neue Dimension des Folk-Rock; der Australier Tame Impala belebte den Psychedelic-Rock der 60er wieder und steuert immer mehr in Richtung Gegenwart. Die größten Bands der Zehner-Jahre hießen Arcade Fire und The National. Beide eröffneten das Jahrzehnt mit herausragenden Alben, Erstere begaben sich mit „The Suburbs“ auf die Suche nach der eigenen Jugend, Zweitere schafften es mit „High Violet“, aus Angst und Weltschmerz mitsingtaugliche Songs zu schaffen.

Sensibel: Bon Iver, Sufjan Stevens und James Blake

Sensible Männer zeichneten sich in der Dekade vielfach als die interessantesten Musiker aus, seien es der amerikanische Folk-Frickler Bon Iver und der Weichzeichner Sufjan Stevens, dessen „Carrie & Lowell“ (2015) die wahrscheinlich traurigste Platte war, sowie James Blake, der eine neue Form von elektronischem Soul auf der Basis der britischen Bassmusik schuf – und inzwischen von der internationalen Hip-Hop-Elite hofiert wird. Die Grenzen zwischen den Genres sind durchlässig. Und wer im Streaming-Zeitalter finanziell auf seine Kosten kommen will, sollte sowieso nicht allzu stur sein. Die Wörter „Tonträger-Verkauf“ oder „CD“ klingen inzwischen so antiquiert wie „Grammofon“.

US-Präsident Donald Trump  im Weißen Haus.
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Ein widersprüchliches Jahrzehnt: Die Zehnerjahre in Bildern
Bild: Evan Vucci/AP/dpa

Wenn elektronische Musik in den Charts Furore machte, dann zumeist in der Großraum-Version EDM, vertreten durch David Guetta und Avicii – noch ein berühmter Toter. Musik, die kalkuliert die Lücke füllt, die der Stadionrock hinterlassen hat. Mit der alten Rave-Utopie hat das in etwa so viel zu tun wie ein Jahrmarkt mit dem Berghain. Der harsche Techno, der dort im Berliner Halbdunkel entsteht, ist in Großstadtclubs tonangebend, außerhalb aber kommerziell ein Randphänomen. Alben spielen in den elektronischen Szenen keine wichtige Rolle, ein paar wichtige Langspieler entstanden trotzdem, etwa das verschrobene „Space Is Only Noise“ (2010) von Nicolas Jaar oder – aus Deutschland – DJ Kozes „Amygdala“ (2013) sowie die Werke der Techno-Pop-Supergroup Moderat.

Andreas Gabalier und der Alpenkitsch

Oh je, Deutschland. Im endenden Jahrzehnt dominierten deutschsprachige Produktionen Charts und Radioprogramm wie seit der Nachkriegszeit nicht mehr. Was aber nichts über die kreative Konkurrenzfähigkeit der Künstler aussagt. Neben via Streaming-Hits in Serie liefernden Rappern wie Capital Bra: auf allen Frequenzen der vom Magazin Musikexpress „neue deutsche Scheißmusik“ getaufte Egal-Pop der Mark Forsters und Max Giesingers – und auf jeder Fete böllernde Schlager, die sich als Pop tarnen. Der deutsche Überstar des Jahrzehnts ist Helene Fischer. Deutschland flüchtet sich vor den Debatten in den Zirkus und auf die Après-Ski-Party, gerne auch mit „Volks-Rock’n’Roller“ Andreas Gabalier, bei dem Alpenkitsch auch mal mit Hakenkreuz-Pose serviert wird. Hauptsache atemlos auf dem Tanzboden, Hauptsache danach ein bisschen Hulapalu auf dem Heuboden.

Pop konnte in den Zehner-Jahren für Emanzipation und Weltoffenheit, aber auch für Heimattümelei und Rückwärtsgewandtheit stehen, dazu für Hoffnung und Angst, für Glanz und Elend.

Ach, immerhin hat die Pop-Welt dank Bob Dylan jetzt ihren ersten Nobelpreis. Wenn man den für Obama nicht dazurechnet.

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