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Geschichte

13.04.2020

NS-Zeit: Weshalb die alten Bilder uns nicht loslassen

Die Bild-Ikone der Machtübertragung: Adolf Hitler reicht als frisch ernannter Reichskanzler am 21. März 1933 in Potsdam dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Hand.
Bild: Imago

Aufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus wirken bis heute nach. Und oftmals auf beklemmende Weise, wie ein Historiker analysiert hat.

Als man vor einigen Wochen im Fernsehen sehen konnte, wie der rechtsextreme Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke dem gerade gewählten FDP-Mann Thomas Kemmerich gratulierte, da mag mancher Zuschauer gestutzt haben: Diesen akkuraten Handschlag, die stramme Haltung Höckes, die konzentriert-gesammelte Neigung des Kopfes – das kannte man doch irgendwoher. Das war irgendwie anders, als wenn normale Leute heutzutage jemandem zur Begrüßung die Hand geben.

Ein soeben erschienenes Buch des Flensburger Historikers Gerhard Paul zeigt gleich in einem der ersten Kapitel, woher man die Szene aus dem Thüringer Landtag kennt: Es ist das berühmte Bild vom „Handschlag von Potsdam“, auf dem am 21. März 1933 der frisch ernannte Reichskanzler Adolf Hitler dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Hand gibt – ebenso stramme Haltung, ebenso respektvolle Verbeugung. Die Aufnahme ist Dokument eines historischen Ereignisses, der Machtübertragung an Hitler in der Potsdamer Garnisonkirche. Aber sie ist noch mehr: Mit der „Pathosformel des Handschlags“, so Historiker Paul, wurde sie zur Ikone. Sie besiegelte Macht und Legitimität des „Dritten Reiches“ und seiner sofort nach dem Ereignis beginnenden Gewalttaten, und sie wirkt bis heute. Ganz gewiss tut man Höcke, der gern Hitlers blaue Augen rühmt, nicht Unrecht, wenn man ihm das bewusste Einsetzen dieser bekannten Geste des Diktators unterstellt.

Wehrmachtssoldaten mit Knüppel und Kamera

Bilder wirken am stärksten durch emotional aufgeladene Figuren, das beschrieb schon der Kunsthistoriker Aby Warburg, von dem der Begriff der Pathosformel stammt. Das gilt für die christliche Ikonografie, und das machte sich auch die NS-Propaganda zunutze. Die martialischen Männerfiguren und die fürsorglichen „deutschen Mütter“, die der Berliner Grafiker Hans Schweitzer für NSDAP-Plakate entwarf, gehören ebenso dazu wie die Fotografien von Gewalt und Exklusion – wenn etwa eine junge Frau an den Pranger gestellt wird, weil sie mit einem jüdischen Mann befreundet ist, wenn jüdische Wiener Bürger von der SS gezwungen werden, auf Knien einen Gehsteig zu schrubben, oder wenn Wehrmachtssoldaten 1941 in Lemberg mit Knüppel und Kamera eine hochsexualisierte Jagd auf junge jüdische Frauen machen. Die wuchtige Wirkung, nicht selten eine Faszination des Grauens, war beabsichtigt. Man wollte die Menschen überwältigen, man gab ihnen das Versprechen auf eine grandiose Machtfülle durch das NS-System.

NS-Zeit: Weshalb die alten Bilder uns nicht loslassen

Die Wirkungsmacht dieser Bilder ist bis heute ungebrochen, sagt der Historiker Paul. „Visual History“, Bildgeschichte, ist in den Köpfen von uns allen vermutlich stärker verankert als die durchdachte, analysierte, aufgeschriebene Geschichte. Fotos wie das vom zerbrochenen Schlagbaum in Danzig, das den Beginn des Zweiten Weltkriegs symbolisiert, kennt jeder; ein Bild der Rampe von Auschwitz gilt als Metapher für den Holocaust; ein Foto von Hans und Sophie Scholl steht für den Widerstand gegen Hitler. Und neben diesen Ikonen gibt es die vielen Aufnahmen von Berufs- und Hobbyfotografen, die ihre Erlebnisse im „Dritten Reich“ und im Weltkrieg festgehalten und uns hinterlassen haben. Die Fotos kursieren zuhauf in Publikationen und im Internet, werden nur selten kritisch betrachtet, sondern so genutzt, wie es gerade passt. Wer gerade in der ARD den Sechsteiler „Unsere wunderbaren Jahre“ über die Nachkriegszeit angeschaut hat, wird in einer Folge auf Filmaufnahmen aus einem Vernichtungslager treffen. Sie sind aus rein dramaturgischen Gründen, weil es zur Story passt, eingefügt – dass damit die Würde der Opfer verletzt wird, scheint nicht zu stören.

Als wären's ganz normale Männer

Bis zu der Wehrmachtsausstellung vor 25 Jahren, die erstmals Fotos von Soldaten, etwa von Erschießungen, zeigte, seien die Fotos aus der Nazizeit kaum Gegenstand der historischen Forschung gewesen, sagt Gerhard Paul. Er versucht, diesen blinden Fleck zu beleuchten – auch mit sehr privaten, kaum bekannten Bildern. Wie den Fotos von zwei jüdischen Lehrern, die das Novemberpogrom 1938 dokumentierten, von Sympathisanten der oppositionellen Swing-Jugend, von einem Soldaten, der Juden-Erschießungen am Strand von Libau fotografierte, von Gestapo-Leuten als „ganz normalen Männern“ beim Feiern, Lachen, Biertrinken.

Die Bildkonstruktionen, Themen und medialen Aussagen seien auch für heutige Betrachter unmittelbar eingängig – freilich als häufig unbegriffene, nicht hinterfragte, auch fehlerhafte und gefährliche Botschaften. „Bilder fungieren als Waffen der Nachgeborenen im Kampf um die Deutungshoheit der Geschichte“, sagt Gerhard Paul. Er beklagt einen Umgang mit den Bildern aus der Nazizeit, der zu sorglos, mitunter aber auch skrupellos ist. Wie anders könnte man erklären, dass just die AfD im Jahr 2017 ein Porträt von Sophie Scholl für eines ihrer Plakate benutzte.

  • Gerhard Paul: Bilder einer Diktatur. Zur Visual History des „Dritten Reiches“. Wallstein, 528 S., 38 €.
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