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Nachkriegsjahre
27.06.2019

Historiker: "Die ersten Jahre waren rau, chaotisch, brutal"

Die unmittelbaren Nachkriegsjahre verliefen chaotisch im besiegten Deutschland, und trotz des Friedens kam es immer wieder zu Gewalt.
Foto: dpa

1945 war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Überall Frieden also? Von wegen. Eine Tagung arbeitet diese Zeit gerade auf – eine „wilde“ Zeit, wie Paul-Moritz Rabe sagt.

Herr Rabe, Sie wollen auf Ihrer Tagung die Nachkriegszeit als Gewaltzeit nachzeichnen. Wieso das denn? Ab Mai 1945 herrschte doch Frieden, die Menschen waren darüber sicher erleichtert. Waren sie dennoch nicht friedlich?

Paul-Moritz Rabe: Wir haben uns Tagebücher, Zeitungsartikel, Polizeiberichte aus der Zeit angesehen. Da kommt man zwangsläufig zu der Erkenntnis, dass diese ersten Jahre nach dem Krieg rau, chaotisch, anarchisch, brutal waren. Wir sind natürlich nicht die Ersten, denen das auffällt, aber doch haben wir den Eindruck, dass im allgemeinen Geschichtsbild in Deutschland die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer sehr stark von den großen Erzählungen des Wiederaufbaus, des Neuanfangs oder des Wirtschaftswunders überlagert werden. Die Gewaltfacetten dieser Zeit scheinen höchstens mal beim Thema Vergewaltigungen durch.

Aber das Kriegsende brachte den Menschen doch auch Befreiung und Erleichterung?

Rabe: Natürlich waren einige Menschen bei Kriegsende erleichtert, andere aber weniger, insbesondere die zahlreichen überzeugten Hitler-Anhänger. Bei ihnen überwog die Enttäuschung oder auch das Gefühl vollkommener Perspektivlosigkeit, wie sich an den zahlreichen Selbstmorden am Kriegsende zeigt. Aber auch für die, die das Kriegsende herbeigesehnt hatten, galt: Das Leben wurde nicht direkt leichter oder besser. Vielleicht wurde alles sogar zunächst noch viel komplizierter. KZ-Überlebende, die sich eigentlich schon in Freiheit sahen, wurden doch noch Opfer von NS-Überzeugungstätern. Alliierte Soldaten verübten verschiedene Formen der Rachegewalt. Ehemalige Zwangsarbeiter plünderten bei ihren früheren Dienstherren. Polizisten, die zuvor in der SS waren, begegneten Überlebenden aus den KZ, alte Feindschaften lebten unter neuen Vorzeichen wieder auf, Rechnungen wurden beglichen.

Es herrschte ein Gefühl völliger Orientierungslosigkeit

Wir können also nicht von einer unbeschwerten Zeit nach 1945 ausgehen. Wie lange dauerte denn die Nachkriegs-Gewaltzeit?

Rabe: Das Gefühl der Befreiung galt eigentlich nur für die ehemaligen Insassen der KZ oder für anders Verfolgte. Für die meisten Deutschen waren die Alliierten Besatzer und keine Befreier. Der Befreiungsgedanke entstand erst viel später, insbesondere seit einer Rede von Richard Weizsäcker 1985, als er den 8. Mai 1945 zum „Tag der Befreiung“ erklärte. Das war ein erinnerungspolitisches Statement, das die enge Bindung zu den damaligen Alliierten und auch die Dankbarkeit symbolisierte. Aber es war eine retrospektive Deutung, die mit der Erfahrungswelt der Zeitgenossen nicht zu verwechseln ist. Für die herrschte eher ein Gefühl der vollkommenen Orientierungslosigkeit, übrigens oft auch im wörtlichen Sinne, denn die Nachkriegszeit ist auch stark von der großen Mobilität unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen geprägt. Es ging erst nach einigen wilden Jahren bergauf. Wir datieren das Ende dieser Gewaltzeit mit Blick auf Deutschland in etwa auf das Jahr 1949. Klar ist: Die Währungsreform, die Gründung der beiden deutschen Staaten, die Westintegration führten zu wirtschaftlicher und innenpolitischer Stabilität. Mit der wirtschaftlichen Erholung und der politischen Ordnung wurden auch Gewaltkonflikte weniger.

Wer in seiner Familie, bei Eltern oder Großeltern nachhakt, wird tatsächlich feststellen, dass diese nach 1945 in einer ziemlich verrohten Gesellschaft leben mussten, kein Wunder nach zwölf Jahren Diktatur und Krieg. Wie sah diese Kontinuität der Gewalt konkret aus, welche Gewaltformen haben die Menschen, speziell die Kinder, erlebt?

Rabe: Das einschlägigste Beispiel sind vermutlich die Nachkriegspogrome gegen Juden, etwa im polnischen Kielce, zwei Monate, nachdem der Krieg eigentlich schon beendet war. 40 polnische Juden wurden ermordet. Sie waren als Überlebende des Holocaust eben erst zurückgekehrt in ihre frühere Heimatstadt. Ein anderes Beispiel ist das Kopfscheren bei Frauen als Form der Lynchjustiz. Diese wurde in der NS-Zeit unter anderem angewandt, wenn deutsche Frauen mit ausländischen Zwangsarbeitern Kontakt pflegten. Im Nachkriegsfrankreich wurde die gleiche Praxis genutzt, um Frauen, die zuvor angeblich mit deutschen Besatzern verkehrt hatten, zu ächten. Im Nachkriegsdeutschland – und das ist relativ unbekannt – wurde mit manchen Frauen ähnlich umgegangen, nachdem sie mit Soldaten der Alliierten Sexualverkehr hatten.

Und in den Familien ging es wohl auch nicht immer besonders friedlich zu.

Rabe: Kinder und Familien waren von unterschiedlichen Gewaltsituationen betroffen. Plünderungen, Raubüberfälle, aber auch Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Überall im Land waren auch Waffen vergraben, die Nationalsozialisten zuvor hatten loswerden müssen. Es gibt viele Fälle, in denen Kinder beim Spielen auf Handgranaten stießen und sich schwer verletzten. Ein Bereich, der von großem Interesse ist, für den es aber relativ wenig Quellen gibt, ist der der häuslichen Gewalt. Die Familien waren ja oft im Krieg über Jahre auseinandergerissen. Die Wiederzusammenführung, wenn der Mann aus dem Krieg zurückkam, war keineswegs selbstverständlich und mit Blick auf vollkommen unterschiedliche Erfahrungswelten der Ehepartner schon gar nicht konfliktlos.

Historiker Paul Moritz Rabe.
Foto: Archiv

Wie ist es den Deutschen und den Europäern gelungen, aus einer gewalttätigen wieder eine einigermaßen zivilisierte Gesellschaft zu machen?

Rabe: Es gelang ihnen mit anderen Menschen in Gemeinschaft und mit Unterstützung anderer Staaten, vor allem der USA. Es gab ja ernste Überlegungen, Deutschland nach zwei angefangenen Weltkriegen in einen Agrarstaat zu verwandeln. Dass dies nicht umgesetzt wurde, sondern Deutschland relativ bald wieder als Partner – fast auf Augenhöhe – angesehen wurde durch Anbindung an die internationalen Wirtschaftsprogramme und durch die Integration in die Nato, das wirkte sich sehr positiv aus. Indem nach innen und außen Ordnung und Sicherheit einkehrten, aber vor allem auch wirtschaftlicher Wohlstand für eine sehr breite Masse der Gesellschaft, wurde die Gesellschaft zivilisiert bzw. zivilisierte sich selbst. Das galt im Grunde so ähnlich auch für die DDR, wenn auch unter anderen Voraussetzungen.

Die Lehre ist: Frieden ist nicht ohne Anstrengung möglich

Nun wissen wir ja, dass Zivilisation eine ständige Aufgabe bedeutet. Was für Lehren können wir aus der Nachkriegsgewalt für heute ziehen?

Rabe: Man könnte sagen: Wenn es einer vollkommen zerrütteten Nachkriegsgesellschaft gelingt, sich zu einer der stabilsten Demokratien der Welt zu entwickeln, sollten auch viele der dringendsten Probleme unserer Gegenwart zu lösen sein. Aber die wichtigste Lehre ist vermutlich die, alles daran zu setzen, eine Nachkriegszeit nie wieder erleben zu müssen, indem es keinen Krieg mehr gibt. Zumindest in Europa ist uns das nun schon so lange gelungen wie noch nie zuvor in der Geschichte. Das ist eine große Errungenschaft, auf die man als Land durchaus stolz sein kann. Man sollte aber nicht naiv davon ausgehen, dass Frieden selbstverständlich und ohne Kompromisse oder Anstrengungen möglich ist.

  • Paul-Moritz Rabe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am NS-Dokumentationszentrum München. Der Historiker leitet die Tagung „Post War Violence – Gewalt im Nachkrieg“ (27./28. Juni), die das Dokuzentrum zusammen mit der Uni München ausrichtet.
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