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Interview

02.07.2020

Olivia Wenzel: "Es braucht keine Rassismuserfahrungen, um sich gegen Rassismus zu äußern"

Olivia Wenzel, 1985 in Weimar geboren, Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis an der Uni Hildesheim, lebt in Berlin.
Bild: Juliane Werner/S. Fischer Verlag

Exklusiv Die Autorin Olivia Wenzel spricht über ihren Debütroman "1000 Serpentinen Angst", das Gift der AfD und die gefährliche Bequemlichkeit der aktuellen Debatte.

Frau Wenzel, Ihr Buch „1000 Serpentinen Angst“ beginnt mit der Ankunft der Hauptfigur in den USA, wo sie den Wahlkampf 2016 miterlebt. Der erste und der letzte Teil des Buchs besteht aus einer Art Dialog aus Fragen und Antworten. Eine Frage wiederholt sich dabei immer wieder: Wo bist du jetzt? Frau Wenzel, wo sind Sie jetzt?

Olivia Wenzel: Ich bin zu Hause, in meinem Atelierzimmer, in dem ich arbeite. Gedanklich bin ich viel bei Familienmitgliedern, sowohl denen in Deutschland als auch denen außerhalb Deutschlands, wie es ihnen gerade geht. Mit dem Kopf bin ich aber auch viel bei der Arbeit: Ich bereite gerade neue Projekte vor, beantworte Mails, organisiere, koordiniere Termine und habe aktuell auch einige Lesungen.

Im Mittelpunkt Ihres Buches steht eine schwarze, in Ostdeutschland geborene Frau, die mit der Beziehung zu ihrer Familie, dem Tod ihres Bruders und einer Angststörung zu kämpfen hat und auf die Frage nach Zugehörigkeit keine rechte Antwort finden will. Wie autobiografisch ist das Buch? Wie viel Olivia Wenzel steckt in der Hauptfigur?

Wenzel: Ich werde das sehr oft gefragt, darauf gibt es keine klare Antwort. Ziemlich vieles ist ziemlich persönlich, das habe ich ähnlich erlebt. Neben dem großen autobiografischen Anteil gibt es aber auch viel Fiktion. Ich vergleiche das gern mit einem Avatar in einem Computerspiel: Ich habe eine Welt geschaffen, die sich an meine anlehnt und dieser in vielerlei Hinsicht gleicht. Trotzdem ist es eine künstliche Welt, durch die die Protagonistin geht. Der Avatar gleicht mir, gleichzeitig steuere ich ihn bewusst und lasse ihn Dinge denken, die ich so nicht denke. Ein weiterer Unterschied zwischen der Protagonistin und mir: Ich lege im Alltag großen Wert darauf, dass es mir gut geht, dass ich auf mich achte und möglichst zufrieden leben kann. Das schafft die Protagonistin im Buch, wenn überhaupt, erst am Ende. Und ich lasse Rassismus in meinem Leben nicht permanent in meinen Gedanken kreisen. Manche Dinge blende ich sehr bewusst aus, weil es mich sonst überfordert und mir nicht gut geht.

Wie die Hauptfigur Ihres Buches sind auch Sie aus Thüringen weggezogen. Was war der Grund dafür?

Wenzel: Ich habe angefangen zu studieren, Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Uni Hildesheim. Heute würde ich sagen, dass ich unbewusst aus Thüringen weggegangen bin, um nicht mehr so viel Rassismus zu erleben. Das konnte ich damals aber noch nicht so konkret benennen. In Hildesheim war ich entspannter, habe im Bus nicht aufpassen müssen, wer wo ein- und aussteigt, musste keine Angst mehr haben, dass mich irgendwer beleidigt oder verprügelt. Ich habe erst dort gemerkt, dass das in Thüringen anders war und nicht zum Alltag gehören sollte. Ich bin aber froh über alle, die in Thüringen bleiben und sich widerständig zeigen. Das ist die wesentlich härtere und schwerere Arbeit. Ich mag zwar ein Buch schreiben, in dem es darum geht. Aber das ist trotzdem die viel bequemere Variante, als in Thüringen zu bleiben und aktiv gegen Rassismus einzustehen, vor allem auf dem Land.

Dass sie Rassismus erlebt, ist nur ein Aspekt, mit dem die Protagonistin sich im Buch auseinandersetzt. In einer Rezension Ihres Buches heißt es: „Die Erzählerin ringt mit dem Umstand, gleichzeitig Unterdrückerin und Unterdrückte zu sein.“ Trifft diese Aussage auch auf Sie als Autorin zu?

Wenzel: Ich würde nicht sagen, dass ich hadere, aber meine Privilegien sind mir bewusst. Auch, dass sie darauf basieren, dass andere sie nicht haben. Mir ist klar, dass ich Teil einer Wohlstandsgesellschaft bin, die vergessen hat, woher dieser Wohlstand kommt, wie viele Enteignungen im Naziregime und im Kolonialismus dafür nötig waren, viele Waffenexporte es immer noch sind. Ich wünsche mir natürlich, dass vieles von dem, was positiv ist und für mich gilt, für alle Menschen gelten würde. Und es tut mir weh, wenn ich Menschen in meinem Umfeld sehe, denen es nicht so gut geht. Das kann genauso eine weiße Frau sein, die wohnungslos ist, wie ein schwarzer Augsburger Schüler, der die CSU wählt, aber zum fünften Mal in eine rassistische Polizeikontrolle gerät.

Nun ist Ihr Buch in einer Zeit erschienen, in der nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA weltweit über Rassismus gesprochen wird. "Bitte nicht noch eine Geschichte mit rassistischer Pointe", fordert die Stimme, mit der die Protagonistin im Dialog steht, an einer Stelle im Buch. Kommen wir irgendwann an den Punkt, wo Rassismus auserzählt sein wird?

Wenzel: Ich habe mal in einem Interview gesagt, dass ich mir wünsche, dass ich in zehn Jahren so ein Buch nicht mehr schreiben könnte, dass dieser Struggle (deutsch: Kampf; Anm. d. Red.) nicht mehr existent ist, dass die Verhältnisse sich geändert haben. Aber ich gehe davon aus, dass Donald Trump noch einmal gewählt wird, dass die AfD nicht einfach so verschwinden, sondern weiter ihr Gift in die Gesellschaft speien wird. Ich gehe auch nicht davon aus, dass rassistische Gewalt verschwinden wird, nur weil wir aktuell alle darüber reden. Literarisch gesehen würde ich nicht denken, dass ich ein Buch über Rassismus geschrieben habe und die Sache jetzt damit abgehakt ist. Rassismus ist eine Denkstruktur, in der wir alle sozialisiert sind. Jetzt ist es Aufgabe weißer Menschen, das anzugehen, rassistische Stereotype und Denkmuster, in die ganz viele hineinfallen, zu identifizieren und zu hinterfragen: Woher kommt das? Was kann helfen, damit ich nicht mehr so denke?

Wie kann das gelingen?

Wenzel: Ich finde es ermüdend, dass so viele Schwarze aktuell zu Rassismus befragt werden. Wir haben das nicht studiert. Man würde ja auch nicht zu einem Vergewaltigungsopfer gehen und sagen: "Du wurdest mehrfach vergewaltigt. Wie können wir das Problem gesamtgesellschaftlich lösen?" Wenn Betroffene zu Rassismus befragt werden, wird erwartet, dass sie möglichst rassistische Erlebnisse schildern. Aber wir müssen Rassismus nicht mehr belegen. Die Attentate von Halle oder Hanau haben wir alle mitbekommen. Es braucht keine Rassismuserfahrungen, um sich gegen Rassismus zu äußern oder sich Strategien dagegen zu überlegen. So viele Menschen haben schon so viel Kluges zu Rassismus in Deutschland gesagt, geschrieben und vorgeschlagen; wenn man sich dafür wirklich interessiert: einfach mal googeln, einfach mal ein paar Bücher bestellen.

Sehen Sie denn aktuell, dass sich diesbezüglich etwas ändert in der Gesellschaft?

Wenzel: Ich verfolge diese Sachen nicht minutiös, das ist mir zu gewaltsam. Aber ich habe schon oft erlebt, dass über Rassismus gesprochen wird, erst laut, dann wird es wieder leiser und nichts hat sich geändert. Ich bin froh, dass die Polizisten, die für den Tod von George Floyd verantwortlich sind, vor Gericht kommen. Ich bin froh, dass aktuell viele Menschen auf die Straßen gehen. Das macht es aber auch sehr bequem, auf diese Weise gegen Rassismus zu sein - einen Rassismus, der erstmal weit weg ist und losgelöst von einem selbst, also auch der eigenen Verantwortung auftritt. Aber eigentlich hätte kein derart grausames, unmenschliches Video brauchen dürfen, damit man sich auch hierzulande derart politisiert. Ich habe das Gefühl, aktuell wird sehr viel über Rassismus geredet, aber wenn ich mir dann Talkshows anschaue, sitzt da trotzdem immer noch mindestens einer von der AfD. Obwohl bekannt ist, dass Parteimitglieder Neonazis und Faschisten sind, passiert nichts. Als würde das rassistische Sprechen der AfD keine rassistischen Taten nach sich ziehen, als hingen diese Dinge nicht zusammen. Und in Schulen werden weiterhin fast ausschließlich Literatur und Errungenschaften von weißen Männern behandelt, Schwarze werden meist nur im Sport oder in der Musik als erfolgreich dargestellt. Nein, diese Dinge haben sich bislang nicht verändert.

Zur Person: Olivia Wenzel, 1985 in Weimar geboren, lebt in Berlin. Sie schreibt Theatertexte und Prosa, machte zuletzt Musik als Otis Foulie. Neben dem Schreiben arbeitet sie in Workshops mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In der freien Theaterszene kollaboriert sie als Performerin mit Kollektiven wie vorschlag:hammer. "1000 Serpentinen Angst" (S. Fischer Verlag, 352 Seiten, 21 Euro) ist ihr erster Roman.

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