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12.02.2021

Populismus und Virtuosentum: Zum Tod der Jazzlegende Chick Corea

Der US-Jazzpianist Chick Corea ist mit 79 Jahren an einer Krebs-Erkrankung gestorben.
Bild: Luna Afredo, telam/dpa

Als Autodidakt erlernte Chick Corea das Klavierspiel. Er sprengte gängige Regeln des Klavierspiels und wollte am Ende eigene Klischees nicht mehr bedienen.

Erinnerungen können manchmal das Gesamtbild verzerren, denn sie sind subjektiv, individuell, ungeordnet und selektiv. Die an Chick Corea beginnen in einem heißen Sommer 2005, als der amerikanische Pianist zu einem Freiluftkonzert mit seinem Freund, dem Sänger Bobby McFerrin, nach Ingolstadt kam. Drunten dunkle Brillen gegen die untergehende Sonne, luftige Sommerkleider, knappe T-Shirts mit Schweißflecken, freudige Erwartungen. Droben zwei ausgelassene Superstars, die wie kleine Jungs miteinander spielten, herumtobten. Was sonst üblicherweise eine sich gegenseitige befruchtende Wechselwirkung auslöst, erstarrte diesmal in zwei erratischen Blöcken: Hier das Publikum, dort die Musiker, denen scheinbar – auf gut Bayerisch – „alles wurscht“ war, die es völlig ausblendeten, dass die Leute nach der Pause in Scharen flüchteten.

Nächster Flashback, sechs Jahre später bei der Burghausener Jazzwoche. Chick Corea wieder mit einem alten Freund an der Seite, dem Vibrafonisten Gary Burton. Dass vorher eigens ein Gedenkstein zu seinen Ehren in der „Hall Of Fame“ des jazzbegeisterten Städtchens enthüllt werden sollte – so what! Der damals 69-Jährige war erneut nur gekommen, um Spaß zu haben, den Dialog mit einem Vertrauten in vollen Zügen zu genießen. Burghausen bekam einen Corea in Hochform, einen mutigen Konstrukteur lichtdurchfluteter Melodiebögen, eine altersweise Ikone, die auch mal auf Noten verzichten konnte, um seinem Partner nicht in die Parade zu fahren. Der Mann schien mit sich im Reinen, lächelte unentwegt, während das Publikum achselzuckend nach Hause ging.

Chick Corea wollte nicht mehr die eigenen Klischees bedienen

Letzter Impuls 2020: seine Doppel-CD „Plays“ (Concord/Inakustik). Mitschnitte aus Solokonzerten der zurückliegenden Jahre. Sie enthielt alles, was den Fan Chick Corea begeisterte und den Improvisator Chick Corea herausfordern konnte. Scriabin, Chopin, Wonder, Mozart, Evans, Monk, Scarlatti, Gershwin, Jobim, Chopin und natürlich Corea – ein Gemischtwarenladen an Stilen und Einflüssen, weit entfernt von dem, was Puristen einst mühevoll aufschichteten, um den konventionellen Terminus „Jazz“ zu zementieren. Und wieder war es ihm völlig „wurscht“, was die Leute dachten. Der Mann am Klavier wollte nicht mehr die eigenen Klischees bedienen, verweigerte die Kaskaden am Synthesizer, den lauten Jazzrock, als dessen Gründervater er galt, und den Populismus, der ihm 23 Grammys einbrachte (nominiert war er für 67).

Wie passt es da zusammen, dass Armando Anthony „Chick“ Corea irgendwann den Satz fallen ließ, er mache vor allem deshalb Musik, um Menschen glücklich zu machen? Natürlich stand der Populismus bei ihm immer grinsend neben dem Klavierhocker, auch das böse Wort vom „Wohlfühljazz“ machte bisweilen die Runde. Aber Corea, der in Chelsea/Massachusetts, zur Welt kam und sich die Fingergeläufigkeit als Autodidakt beibrachte, war einer, für den der meist gedankenlos verschleuderte Terminus „Virtuose“ maßgeschneidert schien. Die Ideenlawine, mit der er Themen jedweder Struktur einen klanglichen Korpus verlieh, sprengte sämtliche gängigen Regeln des Klavierspiels.

Die Startrampe für Chick Coreas eigene Weltkarriere

Der Durchbruch gelang ihm 1968 mit dem Album „Now He Sings, Now He Sobs“ (Blue Note/Universal). Miles Davis wurde danach auf das damals 26-jährige Ausnahmetalent. Aufmerksam. Eine Liaison, die zu bahnbrechenden Werken wie „In a Silent Way“ und „Bitches Brew“ führte, und gleichzeitig die Startrampe für Coreas eigene Weltkarriere war. Trotz seiner süditalienischen Abstammung nannte er sein erfolgreichstes Album keck „My Spanish Heart“ und ließ sich darauf als stolzer Torero fotografieren. Über Jahrzehnte blieb er der kreative, hungrige Geist, der seine Sensoren immer und überall auf Empfang stellte, der sich gerne mit anderen maß, verglich und duellierte, jedem auch den nötigen Raum neben ihm geben konnte. Ein Wesenszug, der ihn zum Beispiel von Keith Jarrett unterschied.

Dann wäre da noch die Sache mit Scientology, die vor allem hierzulande hohe Wellen schlug und bis zuletzt die öffentliche Wahrnehmung seiner Person dominierte. Als bekennendes Scientology-Mitglied widmete er dessen Gründer L. Ron Hubbard gleich eine Handvoll Kompositionen und pries diesen regelmäßig als „großartigen Künstler“. Dazu mag man stehen, wie man will. Dennoch wirkt es scheinheilig, beflissen und irgendwie typisch deutsch, dass bei nahezu jedem Auftritt des Musikers in Deutschland reflexartig dieselben Protestwellen aufbrandeten. 1993 mussten die Veranstalter des Rahmenprogramms der Leichtathletik-WM in Stuttgart den Pianisten sogar wieder ausladen, nachdem die Baden-Württembergische Landesregierung damit gedroht hatte, die Subventionen für das gesamte Festival zu streichen.

Chick Corea war weit mehr als nur der böse Scientologe. Er konnte offen sein bis an die Schmerzgrenze der Beliebigkeit, ein Versöhner auseinanderdriftender Ideologien, die große Klammer zwischen Mozart, dessen Werke er 2002 vertonte, und Ellington. „Meine Mission war es immer, die Freude am Gestalten zum Ausdruck zu bringen, wo immer ich konnte, und dies mit all den Künstlern zu tun, die ich so sehr bewundere – das war der Reichtum meines Lebens“, erklärte er in seiner letzten Botschaft. Bereits am Dienstag ist Chick Corea in Tampa/Florida mit 79 Jahren an einer seltenen Krebserkrankung gestorben.

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