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Staatstheater Augsburg

01.11.2020

Premiere im Live-Stream: Staatstheater Augsburg zeigt das Ballett "Winterreise"

Plus Ricardo Fernando choreografiert für das Staatstheater Augsburg "Winterreise". Die Premiere findet nur im Live-Stream statt. Das führt am Schluss zu einem bewegenden Moment.

Für Melancholie und Traurigkeit gibt es derzeit reichlich Anlass. Franz Schuberts „Winterreise“ als musikalisches Tableau für den neuen Ballettabend am Staatstheater Augsburg sticht da bei manchem Zuschauer in eine Wunde. Das umso mehr, als der an der Premiere im Martinipark, den besonderen Regeln im Corona-Dunkelrotgebiet Augsburg geschuldet, nur per Live-Stream teilnehmen kann.

Ein Jahr vor seinem Tod, im Jahr 1827, vollendete Schubert seinen Liederzyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller. Die kalte, raue Winter-Natur setzte er darin in Bezug zur inneren Hoffnungslosigkeit, Erstarrung und Einsamkeit eines von der Liebe enttäuschten Wanderers. Der im vergangenen Jahr verstorbene Komponist Hans Zender schuf 1993 für das ursprünglich als Klavierstück komponierte Werk eine Fassung für Orchester, die mit Harfe, Gitarren, Mundharmonika das Klangspektrum des Orchesters nutzt und es mit allerhand Geräuschen erweitert.

Der Lindenbaum aus dem Ballett "Winterreise" am Staatstheater Augsburg
Foto: Jan-pieter Fuhr

"Winterreise" am Staatstheater schafft Raum für Assoziationen

Augsburgs Ballettchef Ricardo Fernando setzt dieser farbigen Fassung der „Winterreise“, welche die Augsburger Philharmoniker unter Domonkos Héja in ihrer Komplexität zwischen Volksmusik und Streichquartet präzise ausloten, eine reduzierte Choreografie entgegen. In ihren schwächeren Momenten illustriert sie den Text lediglich(„Der Lindenbaum“, „Die Krähe“, „Der Frühlingstraum“). In ihren starken Szenen, vor allem den Duetten, schafft sie Raum für Assoziationen und Interpretation. Den bieten auch allerlei allegorische Figuren mit eigenem Bewegungsvokabular. In Erinnerung bleibt der gelenkig-geschmeidige Hirsch („Die Post“) mit Bezügen zu Breakdance-Figuren. Wie überhaupt Fernandos choreografischer Stil jier vorwiegend zeitgenössisch geprägt ist, sich mehr am Tanztheater als am neoklassischen Ballett orientiert. In ihrer Stofflichkeit faszinierend in die Choreografie integriert sind die fantasievollen Kostüme von Stephan Stanisic.

In karger, grauer Landschaft (Bühnenbild Peer Palmowski) stellt Fernando dem angenehm zurückhaltend agierenden Tenor Jacques le Roux einen Teil der Kompanie als Wanderer zur Seite. Doch der in das Bühnengeschehen integrierte Sänger bleibt ein Fremdkörper im Geschehen. Der Wanderung durch eine Winternacht fehlt dadurch ein dramaturgischer Zusammenhang. Das Ballett – und das bestätigte sich auch beim Live-Erlebnis der Orchesterhauptprobe, liegt also nicht an der Kamerafokussierung der Aufzeichnung – wird zum Beiwerk einer großartigen musikalischen und sängerischen Darbietung.

Gonçalo Martins da Silva als Hirsch in Winterreise am Staatstheater Augsburg.
Foto: Jan-pieter Fuhr

Das nimmt dem Abend letztendlich die Dichte und Dringlichkeit. Die stellte sich in ganz anderer Hinsicht aber beim Verbeugungszeremoniell in die Stille des Zuschauerraums hinein ein: Es machte auf eine verzweifelte Weise deutlich, was Bühnen-Künstler in dieser Zeit zu leisten und zu ertragen haben.

Info zu "Winterreise"

  • Choreografie Ricardo Fernando
  • Musikalische Leitung Domonkos Héja/Justin Pambianchi
  • Bühne Peer Palmowski
  • Kostüme Stephan Stanisic
  • Dramaturgie Vera Gertz
  • Sänger Jacques le Roux/Pascal Herington
  • Orchester Augsburger Philharmoniker
  • Kompanie Ballett Augsburg mit Sewon Ahn, Ana Isabel Casquilho, Michele Nunziata, Franco Ciculi, Nikolaos Doede, Gabriela Zorzete Finardi, Ria Girard, Martina di Giulio, Samuel Maxted, Giovanni Napoli, Afonso Pereira, Martina Piacentino, Cosmo Sancilio, Gonçalo Martins da Silva, Jayson Syrette, Momoko Tanaka, Emily Yetta Wohl, Moeka Yugawa


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