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Literatur

13.10.2019

Roman "Nicht wie ihr": Mit Fußball zum Buchpreis?

Einer von denen ist Ivo Trifunovic im Roman: Spieler in der österreichischen Nationalmannschaft, befreundet mit David Alaba (Zweiter von links) und Marko Arnautovic (rechts) – und mit ihnen sang- und klanglos bei der EM 2016 (unser Bild) in Frankreich ausgeschieden.
Bild: Taherkenareh, dpa

So was hat es auf Deutsch noch nicht gegeben. Und jetzt könnte das Debüt des Tonio Schachinger darüber hinaus zum besten Roman des Jahres gekürt werden.

Identitätssuchen, Beziehungsdramen, kriselnde Männerbilder, Reflexionen des Zustands der Welt, Flüchtlingsgeschichten – das sind die Stoffe, aus denen die Finalisten für den Deutschen Buchpreis gemacht sind, der am heutigen Montag vergeben wird. Der beste deutschsprachige Roman des Jahres, gekürt zum Auftakt der großen Frankfurter Buchmesse: Das hat Gewicht! So wie die Sieger der vergangenen Jahre: Inger-Maria Mahles „Archipel“ und Robert Menasses „Die Hauptstadt“, Bodo Kirchhof und Frank Witzel, Lutz Seiler, Ursula Krechel, Eugen Ruge, Uwe Tellkamp, Arno Geiger – Literatur!

Und dann steht da unter den letzten sechs dieses Jahres: Tonio Schachinger. Ein Wiener mit einem aberwitzigen Buch über Fußball! Nun ist es ja bei weitem nicht so, dass Sportgeschichten und Literatur einander ausschlössen. In den USA ist die Zahl der großen Autoren, die ihre Romane drumherum stricken Legion: John Updikes Rabbit ist ein Baskettballer, Don DeLillo hat sich in „Unterwelt“ auch mit Baseball beschäftigt, Paul Auster ohnehin immer wieder den Baseball betrachtet, Chad Harbach feierte mit ihm in „Die Kunst des Feldspiels“ seinen Durchbruch. Und John Irving inszenierte sogar das Ringen.

Die Lücke von Fußball-Literatur schließt Tonio Schachinger

Und Fußball? Da gab es den Briten Nick Horny mit „Fever Pitch“, klar, und den Briten J. L. Carr mit „Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten“. Auf Deutsch? Nun ja, Frank Goosen mit „Weil Samstag ist“ und Axel Hacke mit „Fußballgefühle“. Dazu Kinderbücher, um die Jungs zum Lesen zu bringen, oder Vereinsbücher, um die Fans zum Schwelgen zu bringen. Fußballkrimis, wie es zu allem Krimis gibt. Aber Romane, Literatur?

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Diese Lücke füllt nun mit seinem Debüt „Nicht wie ihr“ tatsächlich Tonio Schachinger, gerade mal 27 Jahre alt. Und zwar auf hinreißende Art. Schachinger setzt einfach einen Kicker namens Ivo Trifunovic mitten hinein in die tatsächliche Welt des Profifußballs. Lässt den bosnischstämmigen Außenstürmer für die österreichische Nationalmannschaft spielen, ihn mit Freunden wie David Alaba und Marko Arnautovic triumphal die Qualifikation für die EM 2016 schaffen – und dann, wie in echt, untergehen. Lässt ihn auch in der englischen Premier League beim FC Everton spielen, nachdem er zuvor Stationen wie Brügge und den Hamburger SV hatte – und Real Madrid, wo er allerdings als hoch gehandeltes Talent zwischen Weltstars scheiterte, aber mit Chelsea London dann die Champions League gewann – auf der Ersatzbank.

Schachinger gestattet seinem Ivo also nicht, das erträumte Leben ganz zu leben, aber sehr viel davon: 100.000 Euro die Woche verdienen, täglich nach Laune Maserati oder Aston Martin fahren, mit schöner Frau und zwei Kindern in einer Villa lwohnen, Zögling eines der im ganz großen Geschäft tätigen Spielevermittler sein. Schachinger nutzt Ivo für einen Blick tief ins Innenleben der Branche, die mit unfassbaren Summen und bizarrer, öffentlicher Anteilnahme aufgebaut ist um Jungs, die nur gut Fußball spielen, aber nie erwachsen werden mussten.

Plötzlich taucht die Jugendliebe wieder auf

Aber das passiert bei diesem, derzeit noch Germanistik und angewandte Kunst studierenden Autor nicht aus beschreibender Halbdistanz – sondern bis in Slang, Musik und Social-Media-Kommunikation stimmiger Großaufnahme, sehr lustig, ohne sich über seinen Helden lustig zu machen. Der hat ja nicht nur mit seiner Form und den Gegenspielern zu kämpfen. Sondern auch mit dem nie ganz vergessenen Zwiespalt seiner Herkunft, wenn etwa die große Boulevard-Zeitung nach seinem EM-Tor titelt: „Ivo, jetzt bist du ein richtiger Österreicher!“ Oder mit dem Ringen um Glück, das durch das plötzliche Auftauchen seiner Jugendliebe ordentlich in Schieflage gerät. Oder mit dem Gefühl, aus diesem Leben herauszuwachsen, in dem er sich – talentiert, cool, attraktiv und reich – als „die Sonne“ fühlte, Mittelpunkt war. Und dann – nie der Hellste, dafür Heißsporn gewesen – nachdenklich wird.

Mit Schmäh und Sprachwitz, ohne in die Satire zu kippen, ist dieses Buch auch Identitätssuche und Beziehungsdrama, kriselndes Männerbild, Reflexion des Zustands der Welt und Migrationsgeschichte. Ob es die beste des Jahres ist? Es ist wohl die pfiffigste.

Und mit Sicherheit ein Buch, das es bis dato auf Deutsch so nicht gegeben hat.

Tonio Schachinger: Nicht wie ihr. Kremayr & Scheriau, 304 S., 22,95 Euro.

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