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Salzburger Festspiele
30.07.2014

Uraufführung der Oper "Charlotte Salomon": Leben oder Theater?

Drei Mal Charlotte Salomon auf der Bühne: Im Hintergrund als Selbstporträt, im Vordergrund repräsentiert durch die Sängerin Marianne Crebassa und die Schauspielerin Johanna Wokalek.
Foto: Wildbild afp

In der Felsenreitschule wurde Marc-André Dalbavies Oper „Charlotte Salomon“ uraufgeführt. Darin findet sich eine junge Künstlerin – bevor sie von den Nazis ermordet wird.

Wer heute eine Oper komponiert, hat gute Chancen, alles falsch zu machen. Die Überzeugungen, wonach dieses oder jenes in Opernwerkgestalt gar nicht mehr gehe, haben zugenommen. Sie spitzen sich in schöner Regelmäßigkeit zu auf zwei Argumentationskeulen: kompositorische Anbiederung gegenüber dem Publikum einerseits, musikalisch-spröde Kopflastigkeit andererseits.

"Charlotte Salomon", ein Auftragswerk für die Salzburger Festspiele

Nun hat der 1961 geborene Franzose Marc-André Dalbavie in „Charlotte Salomon“, einem Auftragswerk für die Salzburger Festspiele, quasi alles falsch gemacht, was man falsch machen kann – jedenfalls für all die vielen Kunstphilosophen, die die Musikgeschichte als ein Prinzip von Fortschritt und Unwiederholbarkeit begreifen.

Er hat eine Künstleroper geschrieben, wie sie weiland zwischen Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ und Bergs „Lulu“ im Schwange war; er hat ein biografisches Stationendrama auf chronologischer Zeitschiene vertont; er bewegt sich hart am Bildungs- und Läuterungstheater entlang. Vor allem: Er komponierte eine Musik, die in verfremdenden Zitaten die Alten Meister zwischen Barock und Spätromantik aufgreift – seit Alfred Schnittke, Dieter Schnebel und Luciano Berio auch kein kompositorisches Neuland mehr.

Pausenlose, zweieinviertelstündige Oper

Man sieht und hört also eine enorm starke Rückbindung an Tradition und überkommene Form, bis hin übrigens zum Reim und heiklen Melodram. Das „Altmodische“ dieser „Charlotte Salomon“ ist freilich in Bezug zu setzen mit dem Stoff, den sich Dalbavie für seine pausenlose, zweieinviertelstündige Oper erkor: Die Lebensgeschichte dieses jüdischen Mädchens aus Berlin, die in einer Arzt- und Musikerfamilie aufwächst, dann selbst – als Malerin – eine künstlerische Ausbildung beginnt, 1939 aber vor den Nazis nach Südfrankreich fliehen muss, wo sie nicht zuletzt aus selbsttherapeutischen Gründen einen umfangreichen Gouachen-Zyklus über ihr Leben malt.

Rund 800 Blätter daraus fasst sie unter dem Titel „Leben? oder Theater? – Ein Singespiel“ zusammen – als eine Folge von biografischen Notaten, die Bildende Kunst mit Musikverweisen, Drama mit Roman verknüpfen. Es war ein Anmalen und Anschreiben gegen Depression und genetische Suizidgefahr. An dieser Stelle ihres Lebens, das ist nicht unwichtig, bricht die Oper ab.

Und eben die Gouachen Charlotte Salomons (von denen einige auf der letzten Documenta in Kassel ausgestellt wurden), waren 2011 die Basis für Marc-André Dalbavies zweite Künstleroper nach „Gesualdo“ (Zürich 2010). Damit gab auch nicht der tragisch-grausame Tod von Charlotte Salomon den Hauptanstoß zur Vertonung – sie wurde 1943 in Südfrankreich denunziert und von den Nazis in Auschwitz ermordet –, sondern ihre eigene Verarbeitung des Lebens, um zu eigener Identität zu finden: 85 Prozent des Librettos aus der Hand von Barbara Honigmann sind Texte Charlotte Salomons.

Und so hebt ihr Erinnerungslebenstheater auf der breiten Salzburger Felsenreitschule in einer Panorama-Zimmerflucht mit Kindheitseindrücken an (Bühne: Johannes Schütz).

Hauskonzerte der geliebten Stiefmutter und Sängerin Paula Lindberg (von ihr gibt es eine Aufnahme der „Carmen“-Habanera, die in die Uraufführung integriert ist), Familiendebatten, Eifersüchteleien, erste Liebe. Dann Machtergreifung der Nazis, künstlerische Ausbildung, Flucht aus Deutschland. Luc Bondy inszeniert unter Einblendung etlicher Salomon-Gouachen eher karg, lapidar, holzschnitthaft. Die Brechung der Szenenabfolge ist im Werk selbst angelegt durch die Aufspaltung von Charlotte in eine handelnde Sängerin (Marianne Crebassa) und eine (selbst)kritisch kommentierende Schauspielerin (Johanna Wokalek).

Salzburger Festspiele: Dalbavie bricht junges Tabu

Doch wie ist dies nun alles zu bewerten? Dalbavie hat letztlich ein vergleichsweise junges Tabu gebrochen. In einer Zeit theatraler Dekonstruktion lässt er Schritt für Schritt eine orts- und zeitgebundene Geschichte erzählen, der man überdies politische Korrektheit unterschieben kann. Peinlichkeitsfallen bis hin zum Betroffenheitshebel gäbe es da genug – und Tabubruch ist auch nicht per se eine Leistung.

Wenn der Abend doch mehr glückt als Probleme aufwirft, dann liegt dies vornehmlich an Dalbavies Orchesterpartitur, die so ernsthaft wie suggestiv, so farbdifferenziert wie sensualistisch ertönt. Je näher Salomon ihrer (künstlerischen) Identität kommt, desto mehr nimmt Dalbavie Abstand von Zitaten ihrer musikalischen Erinnerung, desto mehr schreibt er seine ureigene Musik als sogenannter „Spektralist“, der die Kompositionsprinzipien von Klangfarbenanalysen ableitet. Das liest sich „elaboriert“, klingt aber tatsächlich stark sinnlich und somit fesselnd – zumal Dalbavie auch Passagen musikalischer Illustration von allerdings eigenständiger Kraft zwischenschaltet: etwa eine veritable Gewittermusik, etwa impressionistisch-glitzernde Sonnenstrahlen. Eine französische „Farbenmusik“-Linie, ausgehend von Debussy, streifend Messiaen, ist durchaus zu hören. Unter des Komponisten eigener sorgsamer Leitung läuft das Mozarteumorchester Salzburg zu Hochform auf. Und die Solisten, darunter Anaik Morel und Jean-Sebastian Bou (Charlottes Eltern) agieren in trefflicher historischer Authentizität.

Ob das Werk Bestand haben wird, weist sich. Seine musikalischen Mittel sind erprobt. Aber Wahrhaftigkeit kann dem Ergebnis gewiss nicht abgesprochen werden.

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