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Serie: Das Ende der Gewissheiten
29.04.2019

Der Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft

Foto: Marco Okhuizen, Imago Images

Warum ein junger niederländischer Historiker mit seinen Ideen für eine bessere Zukunft ein Shootingstar ist – selbst in den USA. Gestatten: Rutger Bregman.

Seine Geschichte ist irgendwie irre beziehungsweise wohl eher typisch für die irre Zeit, in der wir leben – zwischen grassierenden Weltuntergangsängsten und dem Aufschwung von politischem Populismus, der Hysterie in den sogenannten sozialen Netzwerken und der medialen Inszenierung von Lichtgestalten. Bloß eben in einer optimistischen Verkehrung.

Denn es geht in dieser Geschichte um ein positives Menschen- und Weltbild sowie einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft. Sie hat mit einem fast schon dreist mutigen Auftritt, einer publizistischen Handgranate und der jungen Klimamahnerin Greta Thunberg zu tun. Viel Spektakel also. Aber: Wäre es nicht eigentlich schön, wenn ein Denker einfach durch die Kraft seiner Ideen für eine bessere Welt zum Shootingstar würde?

In den USA beherrscht Rutger Bregman die Bestsellerlisten

Dann allerdings mutete es ein bisschen befremdlich an, dass es nun ausgerechnet der niederländische Historiker Rutger Bregman zu einer solchen Aufmerksamkeit gebracht hat, dass er bis in die USA Woche über Woche oben in den Bestsellerlisten zu finden ist. Denn das, was er in seinem Buch „Utopien für Realisten“ an Vorschlägen für die Zukunft entwirft, ist allein hierzulande auch schon von prominenten Denkern wie dem Philosophen Richard David Precht und dem Soziologen Harald Welzer formuliert worden – bei Letzterem ja zudem unter dem fast wortgleichen Slogan eines „utopischen Realismus“.

Es geht um ein bedingungsloses Grundeinkommen, darum, dass uns künftig eine 15-Stunden-Woche an Arbeit genügen könnte, und um die Vision einer Welt offener Grenzen… Und wie Welzer, aber etwa auch der gefragte amerikanische Evolutionspsychologe Steven Pinker beginnt Bregman damit, erst mal klarzumachen, dass wir heute entgegen allen Krisengefühlen und Horrorszenarien in der besten aller bisherigen Welten leben – dass uns aber der Antrieb verloren gegangen scheint, eine noch bessere gestalten zu wollen, und dass wir deshalb bloß um den Erhalt des Gegenwärtigen bangen. Ein Manifest für die Rückgewinnung von Visionen also.

Die 15-Stunden-Woche ist eine alte Idee

Und eine Rückgewinnung ist es deshalb, weil der Historiker schlüssig und teilweise überraschend nachweisen kann, wie genau diese Ideen schon längst als zukunftsweisend erkannt wurden von Berühmtheiten, bei denen man das eigentlich nicht vermutet hätte. Die 15-Stunden-Woche etwa wurde entworfen von einem Kapitalismusvordenker, dem Ökonomen John Maynard Keynes, im Jahr 1930 für das Leben im Jahr 2030. Und das Grundeinkommen stand in den USA bereits kurz vor der Umsetzung durch den republikanischen Präsidenten Richard Nixon, bevor er sich davon im letzten Moment von einer fehlerhaften Studie über dessen Auswirkungen abbringen ließ.

Aber nicht solcherlei sorgt nun für den Rummel um Rutger Bregman, der wiederum dazu geführt hat, dass hierzulande die eigentlich erst für Juni geplante Taschenbuchausgabe von „Utopien für Realisten“ auf vergangene Woche vorgezogen worden ist – sondern eben jene Geschichte.

Rutger Bregman hielt eine aufsehenerregende Rede in Davos

Die hatte ja sogar noch mit der Kraft jener Ideen begonnen. Denn der Niederländer hatte als Mitarbeiter der Onlinezeitung De Correspondent einen Aufsatz zum Grundeinkommen veröffentlicht, der mehr als eine Million mal geklickt worden ist. Das Buch jedoch hatte sich erst mal eher im normalen Rahmen in seiner Heimat verkauft. Dann aber – erster Akt – war Bregman im Februar zum Weltwirtschaftsforum in Davos eingeladen worden, bei dem sich die Mächtigen und Reichen immer als Aperçu der Offenheit einen kritischen Redner einladen.

Der Niederländer aber war nicht nett, sagte dort, er komme sich vor wie „auf einer Tagung für Feuerwehrleute, bei der man nicht über Wasser reden darf“. Was er meinte: Steuern! Die müssten gerade sie, seine Zuhörer, nämlich endlich in angemessenem Ausmaß bezahlen, um die Finanzierung einer gerechten Gesellschaft zu ermöglichen. Was drinnen eher für Verdruss sorgte, stieß als Video im Netz draußen auf Begeisterung.

Ein wütend abgebrochenes Interview

Im zweiten Akt kam Tucker Carlson ins Spiel, Moderator beim Trump-treuen US-Sender Fox. Dem nämlich gefiel die Dreistigkeit Bregmans, er lud ihn zum Interview, war dann aber selbst nicht amüsiert, als der Niederländer über Fernverbindung dreist blieb, Fox einen Propagandasender nannte und Tuckson persönlich „einen Millionär, der für Milliardäre arbeitet“. Das Interview wurde vom TV-Mann wütend (mit den Worten: „Why don’t you go and fuck yourself“) abgebrochen und nie gesendet. Aber Bregman verfügte eben über einen Mitschnitt – „eine Handgranate“ bei Veröffentlichung im Netz, wie er sagt. Und die setzte er, nachdem er eine Nacht darüber geschlafen hatte, auch ein.

Nun ist sein Buch in dutzende Sprachen übersetzt – und Rutger Bregman ein Shootingstar. Denn der ist ja erst 30 Jahre alt und wird darum gerne mal als Visionär, der den Mächtigen die Leviten liest, an die Seite von Greta Thunberg gestellt. Wenn es denn den Ideen hilft.

Das sind Rutger Bregmans Visionen für eine bessere Welt

In eine linke oder gar kommunistische Ecke lässt sich der Historiker mit diesen übrigens nicht verorten. Als Vertreter der Generation der Millennials nämlich seien ihm solche Schubladen fremd, es gehe ihm schlicht um die Anregung einer offenen Debatte um Visionen für eine bessere Welt. Dazu passt, dass er in seinem nächsten Buch nun über die Natur des Menschen schreiben will – und zwar mit einem anderen, konstruktiven, positiven Blick auf das Bisherige, um daraus Optimismus für die Zukunft zu gewinnen.

In seinem Buch zitiert der Niederländer „ein früheres Mathegenie“, das auf Facebook beklagt hatte: „Die klügsten Köpfe meiner Generation denken darüber nach, wie man Leute dazu bewegen kann, Werbebuttons anzuklicken.“ Rutger Bregman will, dass sich diese Köpfe nicht mehr mit einträglichen Karrieren als kreative Rädchen in der allzu mächtigen Maschinerie der Digitalwirtschaft einspannen lassen – sondern dass sie mit ihrem Potenzial die Gesellschaften und die Welt auch gegen deren Einfluss zu verteidigen helfen, um einen freien Blick auf die Möglichkeiten der Zukunft zu gewinnen. Und fängt selbst damit an – auch indem er den Irrsinn der Gegenwart gegen sich selbst wendet. Wäre doch schön, wenn diese Ideen bleiben, auch wenn er selbst kein Shootingstar mehr sein sollte.

Das Buch Rutger Bregman: Utopien für Realisten. rororo, 304 S., 10 Euro

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