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09.10.2017

Streit um Bibelturm in Mainz

Modernisierung im Gutenberg-Museum?

Johannes Gutenberg wurde schon zum „wichtigsten Mann des Jahrtausends“ gewählt, mit seiner Buchdruck-Werkstatt hatte er nicht weniger als eine technische Revolution ausgelöst. Seine Heimatstadt Mainz widmet dem Erfinder ein „Weltmuseum der Druckkunst“. Doch der graue Museumsbau von 1962 wenige Schritte vom tausendjährigen Dom entfernt ist in die Jahre gekommen, die Haustechnik ist veraltet, Brandschutzvorgaben werden nicht mehr erfüllt. Da die hoch verschuldete Stadt sich eine komplette Modernisierung nicht leisten kann, soll es in Etappen vorangehen. In einem ersten Schritt soll neben dem heutigen Museum ein 23 Meter hoher „Bibelturm“ entstehen. Doch der hat vor Ort nicht nur Freunde.

Das Haus wurde 1900 zu Gutenbergs 500. Geburtstag eröffnet, zieht als „Wiege des Buchdrucks“ auch viele Gäste aus Amerika und Asien an und ist unter der seit 2010 amtierenden Direktorin Annette Ludwig vom zuvor verstaubten Image etwas wegzukommen – unter anderem durch eine Vielzahl so aufwendiger wie innovativer Sonderausstellungen. Die Besucherzahlen konnten spürbar gesteigert werden – auf zuletzt rund 130000 pro Jahr. Als nächster Schritt nach vorne soll nun nach einem Entwurf des Hamburger Architektenbüros DFZ ein auffälliger turmartiger Bau entstehen, in dem künftig die größten Schätze des Museums präsentiert werden: die beiden originalen Gutenberg-Bibeln aus dem 15. Jahrhundert. Der mit Buchstaben verzierte Bibelturm von Mainz wäre nur der erste Bauabschnitt, für den die klamme Stadt fünf Millionen Euro bereitstellen will. Die eigentliche Modernisierung des Museums käme dann irgendwann später.

Wie alles genau weitergehen und vor allem wer die Rechnungen bezahlen soll, weiß momentan noch niemand. Die Museumschefin hofft, dass es durch das Turmprojekt leichter wird, Sponsoren für die restlichen Arbeiten einzuwerben. Inzwischen kämpfen zwei Bürgerinitiativen um die Meinungshoheit. Nino Haase, Sprecher der Turmgegner, beklagt fehlende Bürgerbeteiligung und hält es für unverantwortlich, ohne ein Konzept für den zweiten, wichtigeren Bauabschnitt zu beginnen; über 7000 Unterschriften haben seine Mitstreiter schon gesammelt. Die Stadt plane ein „Luftschloss“, sagt der Chemiker: „Das ist ein typisch Mainzer Projekt – aus der Hüfte geschossen.“ Die Kritiker fordern einen Verzicht auf den Turm, für den auch drei alte Platanen gefällt werden müssten.

Stattdessen wollen sie die vorhandenen Mittel lieber in die Sanierung des Nachkriegsbaus stecken. Doch das hätte eine wohl langwierige Schließung des kompletten Museums zur Folge – eine „Katastrophe“ für die Stadt Mainz wäre das, findet Annette Ludwig. „Man kann dieses Museum nicht gegen die Bürger machen“, sagt die Museumschefin. „Mir ist es wichtig, dass sich die Mainzer mit diesem Haus identifizieren.“ Und so wirbt sie inzwischen regelmäßig bei Treffen mit Bürgern um Akzeptanz für das Vorhaben.

Einen Fürsprecher fand sie im Sommer in dem Mainzer Ehrenbürger Klaus Mayer. Der 94-jährige Priester, dessen Initiative die Stadt die mittlerweile weltberühmten Chagall-Fenster in der Stephanskirche verdankt, erklärte: „Mainz ist eine Stadt der Türme.“ Auch der Bibelturm passe deshalb gut ins Stadtbild. Mayers Thesen gefielen den Verantwortlichen so gut, dass sie mittlerweile auf ein großes Plakat gedruckt in der Eingangshalle des Museums hängen. (epd)

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