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Tate Britain
27.04.2019

Ein Museum hängt die Kunst von Männern ab

Merkt es jemand, wenn die Londoner Institution bei den zeitgenössischen Werken nur Frauenkunst zeigt?

Als die Literaturwissenschaftlerin Maria Balshaw zur ersten weiblichen Direktorin in der 120-jährigen Geschichte des renommierten Londoner Museums Tate Britain ernannt wurde, sagte sie zu ihrer Berufung: „Es ist nicht wichtig und doch sehr wichtig.“

Nun, nach knapp zwei Jahren im Amt als Nachfolgerin von Nicholas Serota, weht in allen vier Häusern der Tate-Familie frischer Wind: Die Mission ist, bei zeitgenössischen Ausstellungen eine Geschlechtergleichheit von 50:50 zu erreichen, die Vielfalt der Kunst von allen Kontinenten und Ethnizitäten zu vermitteln und neue Schichten von Besuchern anzuziehen. „Wir müssen die gesamte Gesellschaft ansprechen“, erklärt Balshaw, 49.

Jetzt, mit ihrem jüngsten Projekt, macht die Tate Britain Schlagzeilen: Im Mutterhaus der Gruppe, wo britische Kunst von 1500 bis heute gezeigt wird, werden in der Sektion Zeitgenössische Kunst männliche Künstler abgehängt. In „Sixty Years“ wird über neun Räume die Geschichte weiblicher Künstler von 1960 bis heute erzählt: von Bridget Riley bis Rachel Whiteread, Sarah Lucas und Tomma Abts. Sie hoffe, die Besucher merken es gar nicht, sagt Maria Balshaw zu der Umhängung, die seit vergangener Woche für mindestens ein Jahr zu sehen sein soll.

Andrea Schlieker, Ausstellungs-direktorin in der Tate Britain, hält das Projekt für zeitgemäß, will in ihm aber „keine explizit feministische Schau“ sehen. „Uns geht es darum, die Internationalität in der britischen Kunstentwicklung aufzuzeigen“, sagt sie. Unter anderem sind Werke der Video- und Installationskünstlerinnen Susan Hiller und Mona Hatoum zu sehen sowie ein Gemälde der deutschen Künstlerin Tomma Abts, die 2006 den Turner-Preis gewann.

„Wir wollen den internationalen Aspekt von ,Britishness‘ betonen, besonders zu dieser aufwühlenden Zeit des Brexits“, so Schlieker. „,Britishness‘ ist für uns eine Mischung aus ganz verschiedenen Nationen, die sich als ein Teil dieses Landes fühlen, auch wenn sie keinen britischen Pass haben.“

In der thematisch angelegten Serie mit rund 60 Arbeiten von 30 Künstlerinnen werden auch der Dialog zwischen älteren und jüngeren Generationen von Künstlerinnen herausgestellt sowie Fragen von „politischer Geografie“, Identität, Farbe und Geschlechtern angesprochen. So zeigt die britisch-afrokaribische Künstlerin Sonia Boyce nicht ohne Humor ihre Fotoserie, in der verdutzte Passanten höchst unterschiedlich auf das Aufsetzen einer Afro-Perücke reagieren.

Im nächsten Jahr wird mit weiteren Soloschauen von Frauen noch einmal zugelegt. Außerdem plant die Tate Britain eine Umhängung ihrer gesamten Sammlung „von unten her“, mit der Neuschreibung von Bildtexten und der Präsentation bislang zu wenig beachteter Kunst, wie Schlieker ankündigt. Dabei soll nicht nur das koloniale Erbe der Sammlung kritisch unter die Lupe genommen werden, sondern auch Fragen wie Gender und Hautfarbe neu bewertet werden. „Wir versuchen, alles aufzumischen und die Kunstgeschichte weitgehend umzuschreiben.“

In der Tate Modern, dem Schwesterhaus für Moderne Kunst, verfolgt Direktorin Frances Morris seit ihrer Übernahme von Chris Dercon 2016 dasselbe Gleichheitsprinzip mit einer nicht abreißenden Kette von Soloschauen für weibliche Künstler – von Anni Albers bis Dora Maar und Dorothea Tanning. Nicht ohne Stolz wird in der Tate darauf hingewiesen, dass in drei ihrer vier Häuser Frauen die Direktion führen und dass der begehrte Turner-Kunstpreis in den vergangenen acht Jahren sechsmal an Frauen vergeben wurde.

„Wir leben in einer positiven und fruchtbaren Zeit für die Frauenkunst“, erklärte jüngst Maria Balshaw gegenüber dem Fernsehsender Sky News.

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