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Brechtfestival 2020

15.02.2020

Tatsächlich ein Spektakel, dieser erste Festivalabend

Mit einem Spektakel beginnt der erste Abend des diesjährigen Brechtfestivals auf dem Martinipark-Gelände in Augsburg.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Einen Abend lang bietet das Augsburger Brechtfestival ein großes Wimmelbild: Überall findet gleichzeitig etwas auf dem Martinipark statt. Mittendrin ein umjubeltes Gastspiel.

Gleich am Eingang zum Martinipark ein Popcorn-Verkauf, kurz danach steht ein Riesenrad. Schon die ersten Eindrücke zum Auftakt des diesjährigen Brechtfestivals 2020 zeigen: Dieser Abend wird anders. Die neuen Leiter Tom Kühnel und Jürgen Kuttner setzen auf Spektakel. Wie bei den langen Kunstnächten in Augsburg findet vieles gleichzeitig auf dem Martinipark-Gelände und in den Räumen des Staatstheaters Augsburg statt. Der Chorsaal, die Halle C1, die Kantine werden zur Bühne. So viel, dass niemand alles sehen kann. Nur, wer sich mit anderen Gästen unterhält, bekommt einen Eindruck davon, was an diesem Wimmelbild von einem ersten Abend alles zu sehen ist. Auch die beiden Festivalmacher müssen fragen, wie nun dieses oder jenes war. Denn beide sind beteiligt am Gastspiel des Schauspiels Hannover, das auf der großen Bühne stattfindet.

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"Vom Winde verweht" trifft "Dantons Tod", Französische Revolution trifft Che Guevara und Stalin, Zirkus trifft episches Theater. "Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution" heißt Heiner Müllers Stück, in dem drei Abgesandte der Französischen Revolution in Jamaika einen Sklavenaufstand anzetteln sollen und damit scheitern - weil mit Napoleon eine neue Zeit beginnt, weil einer ein Verräter ist, weil die Revolution überhaupt eine "Totgeburt" und eine "Hure" ist.

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Die Brechtfestivalleiter Tom Kühnel und Jürgen Kuttner inszenierten das Stück

Eine trostlose Perspektive, die Müller da für Visionäre und Umstürzler entwirft. Die beiden neuen Brechtfestivalleiter Tom Kühnel und Jürgen Kuttner inszenierten dieses Stück 2015 für das Schauspiel Hannover und liefern damit nun ihre Visitenkarte beim Brechtfestival ab. Und in der Tat passt diese Aufführung wie Müller zu Brecht zum Spektakel-Konzept des diesjährigen Festivals. Kühnel und Kuttner fahren alles auf, was das Theater derzeit so zu bieten hat. Ihre Inszenierung ist eine zirzensische Assoziationsrevue mit Matrosentanz und hüpfenden Tassen, Cheerleader-Pudeln mit Glitzerpuscheln, Robespierre und Danton im Boxring und Scarlett O´Hara auf der Schaukel; schrill und knallbunt in den Farben der Tricolore.

Corinna Harfouch und Sarah Franke in Heiner Müllers "Der Auftrag" vom Schauspiel Hannover.
Bild: Michael Hochgemuth

Live-Videoeinspielungen und Schattentheater inbegriffen. Billie Holiday in einer Projektion und Die Tentakel von Delphi live im Orchestergraben liefern dazu den Klangteppich. Im Zentrum des Ganzen die brillante Corinna Harfouch als Verräter Debuisson im weißen Pierrot-Kostüm. Nicht zuletzt, sondern als alles umspannende Idee: die Stimme des Autors aus dem Off. Heiner Müller liest sein Stück samt Regieanweisungen, mit nasaler Stimme und ohne Betonung während die Schauspieler meist nur ihre Lippen bewegen und agieren. Das schafft eine reizvolle Spannung und Distanz zu diesem weitgehend spröden und parolenhaften Text. Trotzdem ist der Höhepunkt dieses Theaterspektakels dann doch eine ganz intime Szene: Harfouch, allein auf der Bühne, erzählt in sächsischem Dialekt, von einer Fahrt im Aufzug, die in ein Dorf in Peru führt. Großartig!

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Ganz anders im Chorsaal. Niemand soll sich setzen. Die beiden Theaterpädagoginnen Imme Heiligendorff und Nicolette Kindermann des Staatstheaters Augsburg haben anderes in ihrem "Lehrstück-Parcours" vor. 25 Minuten wird das Publikum zu den Spielern, um zu verstehen, was Brecht mit seiner Lehrstück-Theorie auch wollte: Den Spielern etwas näher bringen, sie zum Erkennen, Nachdenken und Verstehen bringen. Und: Es funktioniert, wenigstens so weit, dass die wild zusammengewürfelten Teams miteinander ins Gespräch kommen und in der knappen Zeit auch noch Standbilder entwerfen.

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„Wir brauchen einen neuen großen Brauch, den wir sofort einführen müssen, nämlich den Brauch, in jeder neuen Lage neu nachzudenken.“ Klingt verdammt aktuell. Ist aber gar nicht so einfach. Denn mächtig nistet der alte große Brauch in den Köpfen – und sei er noch so unerbittlich. In Bertolt Brechts Schuloper „Der Jasager“ (1929/30) – in der empfindlich kühlen Halle C1 vom Gymnasium bei St. Stephan auf die Bühne gebracht – fordert er, den erschöpften Knaben in die Schlucht zu schleudern, dass die Bergexpedition ungehindert weitergehen kann. Wollte er nicht unbedingt mitgehen, gegen den Rat seines Lehrers, um ärztliche Unterweisung und Medizin für seine kranke Mutter von jenseits der hohen Berge zu holen? Er hat seine Kräfte überschätzt, nun soll er die tödlich Konsequenz ziehen.

Harten Stoff haben sich die Stephaner mit dieser Oper zugemutet, denn auch musikalisch verlangt Kurt Weill dem Chor und Orchester einiges ab. Sei es im Hin- und Herwogen der Erwägungen, in der dramatischen Schilderung der Ereignisse oder im bedrängenden Ostinato, das sowohl den erhöhten Herzschlag des Knaben als auch den Zwang zum Handeln spürbar macht. Dirigent Ulrich Graba hat das mächtige, 120-köpfige Ensemble sicher im Griff. Mit Emil Greiter (Lehrer), Samuel Winckhler (Knabe) und Selma Jakic (Mutter) hat er junge Solisten mit schön geführten Stimmen zur Hand, die sich hörbar immer mehr freispielen und auch im Terzett eine gute Figur abgeben. Jonas Dorn, Kristian Karg und Elias Friedel als Studententrio bauen diese feste Basis im zweiten Akt aus.

Aber darf am Ende wirklich die vollstreckte Aussonderung stehen? „Der Neinsager“ ist Brechts Antwort darauf. Dieses Stück spielt Regisseur Philipp von Mirbach unmittelbar im Anschluss mit drei Schülereltern. Im harten Takt japanischer Schlaghölzer bewegen sich die Darsteller wie Automaten. Doch zu erzählen haben sie in knappen Dialogen die Geschichte voll Aufopferung und Heldenmut, nun aber mitfühlend gegen den alten Brauch gerichtet, ein Aufstand der Vernunft gegen eine uneinsichtige Regel. Es gibt Alternativen. Man muss sich nur trauen –„entgegen der Schmähung“, wie der Chor am Ende singt.

Leider glich die Halle während der konzentrierten Aufführung einem Taubenschlag, den die Besucher unbekümmert betraten und verließen. Die Schuloper hätte mehr Respekt verdient.

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Ebenfalls etwas zum Mitmachen im Orchesterprobensaal: "Singen Sie mal laut und dann wird es auch schon schön" ermuntert Carl-Philipp Fromherz das Publikum. Denn das soll nicht nur zuhören, sondern ist aufgerufen zum interaktiven Musizieren - und dann auch noch im Kanon. "Kleine Wassertropfen, kleine Körnchen Sand, bilden große Meere und dies schöne Land" tönt es etwas verhalten und leicht verschroben von der Tribüne. Gut, dass dann gleich wieder die Damen des Theaterchors die Stimmen erheben, mit Liedern aus Hanns Eisler "Woodbury Liederbüchlein".

Ein umso bunter gemischter Brechtfestival-Abend

Im kargen Fabrikhallen-Charme der Probebühne des Musiktheaters ist's ein umso bunter gemischter Abend: Text-Collagen-Theater – oder wie's der vorherige Brechtfest-Leiter Patrick Wengenroth, der springt ja für den aufs nächste Wochenende verschobenen Martin Wuttke ein, natürlich wieder mehrfach mit seinem Lieblingswort fasst: kontextualisieren, kontextualisieren! Wenn man denn die Probebühne erst mal gefunden hat. Denn zu Beginn des Abends weiß noch nicht mal der Mann an der zu eben jener führenden Außentür, dass er die Menschen dorthin hätte einlassen sollen. Gibt sich aber, auch das extra aus Tübingen ("Für Brecht! Klar!") angereiste Ehepaar findet so den Weg rechtzeitig zum "Klassenkampf".

Das Brechtfestival 2020 beginnt mit einem Spektakelabend im Martinipark in Augsburg.
Bild: Michael Hochgemuth

Das ist die Collage ohne Wengenroth, dafür mit vier Mitgliedern des Augsburger Theater-Ensembles, die wiederum das sogenannte Stück von Lothar Trolle in einer Fassung von Kaliniki Fili spielen, das mit dem Titel praktisch nichts mehr zu tun hat. Man hört Walter Benjamins Gedanken zu Klees "Angelus Novus", die Schilderung einer Erschießung von Juden 1941, sieht den Mann Brecht zwischen drei Frauen, ist eben noch in einer Sterbeszene und schon in Liebesquerelen. Hätte zerfleddern können oder disparat bleiben, war dazu aber zum Glück von der sinnlichen Linda Elsner, der packenden Ute Fiedler, der vor allem kokett starken Natalie Hünig und dem aufreibenden Kai Windhövel zu dicht und intensiv gespielt.

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Gemein mit Wengenroths Auftritt hat das nur zwei Textstellen: Brechts Anweisungen für sein Begräbnis an Helene Weigel und deren Verwunderung darüber, dass sie zum Sex mit ihm nein gesagt habe und die Frage, ob er sich nun wegen dieses Neins so besonders um sie bemühe. Ansonsten ist diese zweite Collage des Abends, die Kontextualisierung also, eher löchrig statt dicht und läppisch statt intensiv. Wengenroth als Brecht, der erst mal fünf Bier aufmacht, mixt ins Arrangement - mit einer Schauspielerin als Helene Weigel und Unterstützung vom Piano-Laptop samt eingestreuter Lebensdaten-Leier aus - allerhand lässig ironische Abschweifungen und Songs von John Lennon über Cindy Lauper bis Heinz Erhard, die sogar noch am meisten ernst genommen wirken. Aber am überzeugendsten an diesem Festivaltag hat der Ex-Leiter ja selbst auch die Performance von fünf Feuerwehrmännern gefunden, die neben dem Stand mit dem Ochsenburger-Stand sitzen und aufpassen – weshalb er seiner Helene auch verbietet, die selbst gedrehte Zigarette anzuzünden... Höhö, amüsant, jaja.

Auch der frühere Festivalleiter Patrick Wengenroth hat seinen Auftritt - als Bertolt Brecht.
Bild: Michael Hochgemuth

Ein Vorgeschmack auf die lange Brechtnacht

Und wenn Wengenroth bei seinen musikalischen Kontextualisierungen ironisch selbst spöttelt: "Was hat denn Brecht mit Pop zu tun?" Beim ersten Spektakel-Abend gibt es schon einen Vorgeschmack auf die folgende Brechtnacht voller Pop-Vielfalt. In der Kantine spielt zunächst der am weitesten angereiste Gast, der New Yorker Singer-Songwriter Jeffrey Lewis, erweitert mit Bassist und Schlagzeuger alias The Voltage. Und der bietet vor nur zwei, drei Dutzend Zuschauern seinen auch mal ordentlich zu Indie-Rock und Punk aufdrehenden Folk mit zwei Spezialitäten: starke Texte, die das Alltäglichste in seiner Absurdität offenbaren können; und selbst gezeichnete Comics, die er auf Leinwand und dazu dann Geschichten singt. Oder sogar Geschichte. An diesem Abend aus seiner Serie "The History of..." kommt nämlich passend zu Brecht der Kommunismus dran, und zwar Teil 7: Kuba. Klug, witzig, gut.

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Kann mal wohl auch über Zugezogen Maskulin sagen, wenn die auch in einer ganz anderen Tonlage daherkommen: Wuchtiger Deutschrap aus Berlin, von mindestens doppelt so viel Zuschauern immerhin begleitet und in den vorderen Reihen gefeiert. Und wenn man so will auch von Anfang an mit Brecht-Anschluss: Denn "Was für eine Zeit" fragt doch ziemlich nachdrücklich nach dem, was eben jener eigentlich schiefläuft – und meint ganz anderes als sonst so im Genre. Dieser Deutschrap kennt Reime wie: "Du hast viele Träume, wir haben viele Zäune – wir haben viel zu viel, um euch was abzugeben..." Bei Wengenroth lag eben das in einem Zitat aus "Die heilige Johanna der Schlachthöfe": "Die aber unten sind, werden unten gehalten / Damit die oben sind, oben bleiben."

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In einem Marathon der besonderen Art befinden sich den ganzen Spektakelabend über Agnes Mann und Almut Zilcher von Futur II Konjunktiv. Die beiden lesen mit kurzen Pausen Heiner Müller Interviews. Keine große Dramatik in den Stimmen, dafür umso mehr Inhalt und Gedanke im Gesagten. Wie war das gerade über Ernst Jünger und die Schlacht an der Somme, hat das Müller mit seiner Krankenhaus- und Operations-Erfahrung verglichen?

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Das Finale des ersten Brechtfestivalabends mit der großartigen Corinna Harfouch.
Bild: Michael Hochgemuth

Zum Finale noch einmal die großartige Corinna Harfouch. Ebenfalls in einem Marathon der besonderen Art an diesem Abend. Sie spielt nicht nur weiß geschminkt im Harlekins-Kostüm die zentrale Figur des Gastspiels aus Hannover, sondern nach einer kurzen Pause tritt sie dann auch noch einmal gemeinsam mit der Band Die Tentakel von Delphi auf. Sie mit Brechttexten aus dem Baal, aus dem Exil, darunter und manchmal auch darüber Musik, mal treibend und fordernd, wenn Harfouch wütet, mal leise – und dann langer Applaus, für Harfouch, klar, aber auch für diesen ersten Brechtfestival-Abend.

Alle Informationen rund um das Brechtfestival finden Sie auch in unserem Liveticker.

Spektakel Vol. I: Die Bilder vom Auftakt des Augsburger Brechtfestivals 2020.
76 Bilder
Brechtfestival Spektakel Vol. I: Die Bilder vom Eröffnungsabend
Bild: Michael Hochgemuth
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