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200. Geburtstag

29.12.2019

Theodor Fontane, ein Erzähler auf weitem Feld

Theodor Fontane war ein akkurater Beobachter der Wirklichkeit. Das prägte seine Romane und Landschaftsbeschreibungen. Am 30. Dezember 1819 wurde er in Neuruppin geboren. Dort erinnert man an den Schriftsteller mit einem Denkmal von Max Wiese.
Bild: Rolf Zöllner/imago images, epd

Theodor Fontane führte den deutschen Roman im 19. Jahrhundert zu ungekannten Höhen. Adel und Standesbewusstsein, Ehre und Pflicht waren seine Themen. Seine Figuren und Konflikte sind bis heute aktuell.

Geschrieben hat er von früh an, und weiß Gott nicht wenig. Doch erst eine Reise durch Schottland hat Theodor Fontane zu jenem Autor werden lassen, als den wir ihn heute wertschätzen. Die schottische Landschaft mit ihren Schlössern und Seen inspirierte ihn 1858 zum Projekt seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, fünf Bände, ohne die auch heute kein kulturgeschichtlich interessierter Tourist die Region um Berlin erkundet. Diese „Wanderungen“ beschreiben, was auch die Reihe der Romane, die Fontane dann als Endfünfziger begann, nicht unmaßgeblich prägt: Seen, Herrensitze, den darin wohnenden Adel und seine Vergangenheit…

Fontane schrieb über Konflikte, die uns heute noch umtreiben

Wie? Das alte Preußen, seine weiten Landschaften und vielfach untergegangenen Schlösser, das soll uns Leser des 21. Jahrhunderts noch fesseln? Ja – denn in dieser scheinbar fernen Welt sind Figuren angesiedelt, die in ihrem Denken, Fühlen und Tun so grundverschieden nicht sind von uns Heutigen. Die im Gegenteil eine erstaunliche Modernität an den Tag legen im Erleben der Widersprüchlichkeit, ja oft Unerklärlichkeit der Welt. Man muss als Leser Fontane’scher Romane nur ein wenig abstrahieren, um schnell auf Konflikte zu stoßen, die auch uns Spätgeborene umtreiben. Um nur eine von Fontanes typischen Zuspitzungen zu nehmen, den Gegensatz zwischen Ich und Gesellschaft: Muss man sich wirklich dem beugen, was die anderen für recht befinden? Liegt hier tatsächlich ein Zwang vor oder unterliegen wir nur unserer Einbildung? Der Baron von Instetten, der in „Effi Briest“ vor der Frage steht, ob er den Major Crampas, der mit Instettens Frau ein Verhältnis hatte, zum Duell fordern soll, macht sich über diese Frage ausführlich Gedanken – und kommt zu einem folgenreichen Schluss. Und Fontane ist ein viel zu guter Autor, als dass er es Instetten dabei so recht wohl sein lässt.

Adel und Standesbewusstsein, „Ehre“ und „Pflicht“: Fontane war fasziniert von diesen Themen, wiewohl er selbst nicht von Adel war. Vor 200 Jahren, am 30. Dezember 1819, wurde er in Neuruppin, eine halbe Autostunde nördlich von Berlin, als Abkömmling einer hugenottischen Familie geboren – und war zeitlebens stolz darauf, französische Wurzeln zu haben. In den Fußstapfen des Vaters ließ er sich zum Apotheker ausbilden, betrieb nebenher jedoch schon ausgiebig das Schreiben – Lyrik vor allem – und frequentierte eifrig literarische Zirkel. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49, bei der Fontane aus seinen Sympathien für die Aufständischen keinen Hehl machte, gab er den Apothekerberuf auf und versuchte sich als freier Schriftsteller. Der inzwischen Verheiratete und bald mehrfache Familienvater konnte davon jedoch nicht leben, und so trat er in preußische Staatsdienste ein, inbegriffen eine radikale Kehrtwende der politischen Gesinnung. Für die Regierung war er in den 1850er Jahren längere Zeit als Korrespondent in London tätig, und Journalismus betrieb er auch nach seinem Abschied aus dem Staatsamt, als Theaterkritiker und mit Reiseberichten.

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Was die ab 1862 erscheinenden „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ bereits ankündigten, führten im Folgejahrzehnt eine Reihe von Büchern über die drei großen preußischen Kriege jener Zeit fort: die Perfektionierung der erzählerischen Fähigkeiten. 1878 setzte dann mit „Vor dem Sturm“ die Reihe der Romane ein, die Fontane nun bis zu seinem Tod fortsetzte und es damit letztlich auf insgesamt 17 Bände brachte – Glanzpunkte der Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Titeln wie „Irrungen Wirrungen“, „Unwiederbringlich“, „Effi Briest“ und „Der Stechlin“.

Fontanes Figuren leben vom Gespür für die Realität

Führt „Vor dem Sturm“ noch, ähnlich den „Wanderungen“, in die preußische Geschichte zurück, so beginnt Fontane doch schon bald, seine Stoffe der aktuellen Zeit zu entnehmen, und nicht erst die Ehebruchsgeschichte „Effi Briest“ fußt auf einer wahren Begebenheit. Und zur märkischen Szene, die freilich weiterhin eine erhebliche Rolle in den Romanen spielt, tritt nun auch der „berlinische ,flavour‘“, wie der Autor ihn nennt, die Situierung der Geschichten in einem Umfeld, in dem Berlin sich von der preußischen Residenz zur Hauptstadt des Deutschen Reiches wandelt. Der Autor ist ein akkurater Beobachter, und dass er die äußere Welt penibel nachzeichnet, hat maßgeblich zu Fontanes Klassifizierung als der eines Realisten beigetragen. Was ihn freilich nicht daran hinderte, ein Gebäude auch mal dahin zu pflanzen, wo er es haben wollte. Hauptsache, dass das so entworfene Bild als wahr erschien.

Mehr noch als all die Interieurs, Straßen und Landschaften leben jedoch die Figuren Fontanes vom Gespür des Autors für die Realität. Seine Hauptgestalten sind allesamt Glücksucher – und am Ende Enttäuschte. In diesem Punkt wird keine Romantik zugelassen. Hart stoßen sich die Handelnden an den Verhältnissen, zumal dort, wo es um das Liebesglück geht. Und zu den Gebrannten gehören bei Fontane immer wieder die Frauen – in nicht weniger als sechs Romanen hat er sie mit dem Titel bedacht –, Frauen, die dennoch ihrem Schicksal gegenüber eine bemerkenswerte Stärke beweisen, ob sie am Ende nun in den Tod gehen wie Effi Briest oder schlicht leer ausgehen wie die Töchter der Poggenpuhls.

Als Schriftsteller ist Fontane ein Meister der Andeutung. Das betrifft nicht zuletzt jenen Bereich, der die Romane den zeitgenössischen Lesern ungebührlich verwegen, ja gar als „schwüle Sumpfluft“ vorkommen ließ: das Sexuelle. Und das, obwohl Fontane weit davon entfernt war, explizit zu werden. Doch das Publikum damals wusste sehr wohl, was es von einem „leeren“ Textabsatz zu halten, welchen Vorgang es sich an dieser „weißen Stelle“ zu imaginieren hatte, wenn es hernach weiterging mit den Worten: „Victoire … strich das Haar zurück und trat ans Fenster …“ – eine Szene aus „Schach von Wuthenow“, aktuell Tagesroman unserer Zeitung.

Fontanes Raffinement der Andeutung durchzieht auch all die Konversationen, die seinen Romanen ihr unverkennbares Gepräge geben – „Die Poggenpuhls“ etwa bestehen fast nur aus solchen Plaudereien. Doch sind diese „Causerien“, wie der Autor sie in französischem Zungenschlag zu nennen pflegte, alles andere als bloß dahinplätschernde Oberflächlichkeiten. Unterhalb des Dialogs über scheinbar Alltägliches umkreist Fontane auf einer zweiten Ebene zentrale Themen, was sich meist erst im Fortgang der Handlung herausstellt. Das macht die Geschichten für Leser, die Vergnügen am Verfolgen von Beziehungsfäden und Aufspüren literarischen Hintersinns haben, zu ergiebigem Futter, zumal sich da immer noch mal und noch mal ein aussichtsreiches Fenster aufzutun scheint. Effis Vater, der alte Briest, würde sagen: „Ein weites Feld“, die Romane dieses Theodor Fontane. Man möchte ihn noch toppen: Ein nicht auszuschöpfendes Feld.

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