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Konzert in München

11.05.2018

Und Böhmermann rappt: „Fick dein Kruzifix“

Jan Böhmermann hat am Donnerstagabend seine Konzertreihe in München eröffnet. Aktuelle Fotos waren nicht zugelassen.
Bild: Oliver Berg, dpa (Archiv)

Eine Überraschung, zwei Glatteis-Momente und ein Desaster: Die Konzert-Premiere von Jan Böhmermann in München bot viel - leider nicht nur Gutes. Die Kritik.

Es ist einerseits ja eine echte Premiere, als Comedy-Star Jan Böhmermann an diesem Donnerstagabend auf die Bühne des Münchner Zenith tritt: Das erste von vier natürlich allesamt längst ausverkauften Konzerten (mit Kartenpreisen von 50 bis 60 Euro), bei denen der Provokationspromi fast ausschließlich als Sänger seiner aus dem Neo Magazin Royale bekannten Rundfunk Tanzorchester Ehrenfeld ist. Und darum beginnt der auch gleich mal mit einem Chanson, das diese Rolle ironisch aufs Korn nimmt, indem er sich als Mark Forster vorstellt und sagt, wenn er jemals wirklich singen könnte, wäre er tatsächlich der Liebling aller Frauen.

Andererseits ist für die 2500 Fans in München dieser samt Pause zweistündige Abend vollgestopft mit Bekanntem. Denn praktisch alle weiteren Songs sind ein reines Best-Of der aus der Show geläufigen Nummern: vom Bashing des Oberpolizisten Rainer Wendt über die hymnische Deutsch-Pop-Hymnensatire „Menschen. Leben. Tanzen. Welt.“ und eine Persiflage von Rammstein-Deutschland bis zum Polizei-Battle-Rap. Das Orchester sorgt für Stimmung, Böhmermann singt ordentlich, ein netter, eigentlich völlig unspektakulärer Abend unter Freunden.

Neue Provokationen also keine? Nun ja, natürlich lässt sich Böhmermann den Verweis auf die am gleichen Tag in München stattgefundenen Demonstrationen gegen das neue Polizeigesetz nicht entgehen, die ständig von einem Polizeihelikopter begleitet worden seien, einem „Demokratiehelikopter“. Und natürlich nimmt er auch die bayerische Kreuzdebatte gerne auf, in der Frage, ob nun nicht auch hier im Zenith ein Kreuz hängen müsse, aber dann auch im Polizei-Rap mit ein paar Extra-Reimen: „Du bist Markus Söder – isch hab Polizei! / Fick dein Kruzifix – isch hab Polizei!“ Des Klangs wegen sei über die Unschärfe, dass es ums Kreuz und nicht ums Kruzifix geht, mal hinweggesehen – aber ein bisschen blöd bleibt das trotzdem.

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Jan Böhmermann in München: Zwischen Konzert und Comedy

Dafür sind aber auch zwei hübsche Glatteismomente zu erleben an diesem Abend. Der eine ist schon relativ früh sein Rainer-Wendt-Song, der ja passend volkstümlich wuchtig als krachige Bierzelt-Schunkel-Polka daherkommt. Aber bei der ironischen Konstruktion des Ganzen: Darf man nun im Spaß der Musik mitschunkeln oder nicht? Durch die Saalordnung des Abends ist ja immerhin schon mal ausgeschlossen, dass die Leute tanzen. Es ist ein Sitzkonzert – und wer es wissen wollte, konnte es dann auch noch den Ordnern erfahren: „Der Herr Böhmermann will nicht, dass hier aufgestanden wird.“ Ein bisschen Geschunkel aber gab’s. Da stößt das Konzert an die Comedy-Grenze.

Und nicht nur da. Denn später singt Böhmermann eben auch seine Pop-Hymnen-Verarschung, die live natürlich selbst noch viel mehr wirkt wie eine Pop-Hymne und tatsächlich für popseliges Mitsingen und Armeschwenken im Publikum sorgt – oder ist das nun ironisches Mitsingen? Noch doppelbödiger wird das, als sein Stargast dazu auf die Bühne tritt, der hier in München Max Giesinger heißt und der dann auch das Publikum auffordert, endlich mal aufzustehen, das sei doch schließlich ein Konzert hier. Schließlich singt Giesinger auch noch seinen eigenen, echten Pop-Trallalla Hit „80 Millionen“ und Böhmermann singt mit – ein herrlicher Moment, den der Comedian dann auch kommentiert: „Hier wächst endlich zusammen, was nicht zusammengehört!“

Tatsächlich aber gehören zu Böhmermann ja Florentin Will und Giulia Becker, beide treten wie in der Show auch an diesem Abend auf: Er mit einem Marder-Hass-Song, sie mit ihrem hinreißenden Hit über, nun ja, die Scheide. Das alles ergäbe also einen netten, runden Abend – wäre da nicht ein Desaster, das Böhmermann dann zwar ironisch kommentieren, aber eben auch nicht wegwitzeln kann: die Halle. Das Zenith ist bei Pop-Konzerten ja schon schwierig, weil die Akkustik in der sehr länglichen, ehemaligen Industriehalle arg diffus wird.

Bei einem solchen Abend aber, zu dem eigentlich die Bestuhlung genauso passt wie der Verzicht auf irgendwelche starartig vergrößernde Leinwände, wird das zum Graus. Große Teile des Publikums sitzen gefühlte Kilometer von der lediglich mit einem roten Vorhang und ein paar Lichteffekten geschmückten Bühne entfernt. Zu verstehen ist da hinten längst nicht mehr alles und das unmittelbare Erleben eines „Jan Böhmermann live“ ist bloß noch eine alberne Chimäre. Schon schade.   

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