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Weltliteratur
25.04.2019

Warum Robinson Crusoe 300 Jahre nach Erscheinen immer noch fasziniert

Vor ziemlich genau 300 Jahren erschien in England der Roman "Robinson Crusoe" des Autors Daniel Defoe.
Foto: Mannaggia Adobe Stock

„Robinson Crusoe“ kennt die ganze Welt: Am 25. April vor 300 Jahren erschien Daniel Defoes legendäres Werk. Dessen Botschaft hat auch heute noch eine Bedeutung.

Ein junges Paar spaziert ins Meer hinaus. Mit Schnorchel und Schwimmflossen und chic dabei – so werben die beiden für eines dieser „paradiesischen“, also mit allem Komfort ausgestatteten Fernreiseziele. Wer den Klub-Urlaub „Super Last Minute“ bucht, spart ein paar hundert Euro, sagt die „Robinson“-Website. Also nichts wie weg.

Der eigentliche Robinson wollte dagegen nur eins: nach Hause. Aber so kann’s gehen, wenn man seit 300 Jahren Sehnsüchte nährt. Daniel Defoes berühmteste Titelfigur ist nicht nur zum Prototyp unfreiwilliger Inselhelden und ihrer künstlerischen Verarbeitung geworden, sondern auch zum Paten der Sonne-Wasser-Strand-Jetter.

Robinson Crusoe: Ein Monument der Literaturgeschichte

Die selbst gebastelte Tierhautausrüstung wurde von Bermudas, Bikinis und Neoprenanzügen ersetzt. Statt eines „großen, plumpen und hässlichen Schirms aus Ziegenfell“ trägt man angesagte Sonnenbrillen und setzt sich am besten gleich unter die Lichtschutzsegel der Klubterrasse. Und der Eskapismus, für den Crusoe letztlich bereits instrumentalisiert ist, ist zum flockigen „Raus aus dem Alltag“ geworden.

Daniel Defoes am 25. April 1719 in London erschienener Erfolgsroman ist dennoch ein Monument der Literaturgeschichte geblieben und gehört zu den weltweit am meisten gelesenen Büchern. Sein Originaltitel erzählt die Geschichte in kurz und ist selbst fast schon eine Kurzgeschichte: „Das Leben und die außergewöhnlich erstaunlichen Abenteuer des Seefahrers Robinson Crusoe aus York, Seemann, der acht und zwanzig Jahre lang allein auf einer unbewohnten Insel vor der Küste Amerikas unweit der Mündung des großen Flusses Oroonoque lebte, an deren Strand er nach einem Schiffbruch geworfen wurde, bei dem die ganze Besatzung außer ihm selbst zu Tode kam. Nebst einem Bericht, wie er wundersam durch Piraten gerettet wurde. Geschrieben von ihm selbst.“

Defoe trieben politische, ökonomische und religiöse Missstände um

Dieser vermeintliche Tatsachenbericht, den Defoe (1660–1731) in routiniertem Reportagestil schilderte, musste noch im Jahr der Erstveröffentlichung gleich dreimal nachgedruckt werden. 59 war der Autor da bereits und ein Vielschreiber, der mit zeitkritischen, aufklärerischen Pamphleten von sich Reden gemacht hatte. Politische, ökonomische und religiöse Missstände trieben ihn um, und unter bald 200 Pseudonymen verbreitete er Satiren oder Schmähschriften – darunter auch gegen die Intoleranz der anglikanischen Kirche.

Seine Kritik bezahlte er teuer. Als herauskam, wer „Das kürzeste Verfahren mit den Dissentern“ (mit den abtrünnigen Protestanten also) verfasst hatte, kam Defoe, selbst ein Dissenter, 1703 ins Gefängnis. Er hatte mit bitterer Ironie geraten, sie ohne großes Vertun totzuschlagen. Die Strafen trieben ihn dann schnell in den Ruin. Wieder mal.

Crusoe-Autor Defoe besaß kein Talent für die Buchhaltung

Der überaus zivilisierte Autor Daniel Defoe, porträtiert in einem Stich aus dem 19. Jahrhundert
Foto: Georgios Kollidas , adobe

Schon sein Handel mit Tabak und Wein samt vieler Auslandsreisen hatten nicht zum erhofften wirtschaftlichen Erfolg geführt. Der Kaufmann, der eigentlich dazu bestimmt war, Geistlicher zu werden, besaß kein Talent für die Buchhaltung. Er sei „dreizehnmal reich und wieder arm“ gewesen, wird Defoe am Ende seines Lebens resümieren. Man kann dem allerdings auch entnehmen, dass er sich nie entmutigen ließ.

Vor allem aber hatte er ständig neue Ideen und eine überschäumende Fantasie. Defoe konnte Erfundenes und Wahres perfekt miteinander verschmelzen. Und „Robinson Crusoe“ wurde sein Virtuosenstück. In einem schottischen Matrosen fand Defoe dafür den idealen Informanten: Alexander Selkirk verbrachte die Jahre zwischen 1704 und 1709 auf der einsamen Pazifikinsel „Isla Más a Tierra“ (seit 1966 „Isla Robinson Crusoe“ genannt), ausgesetzt von Piraten.

Die Geschichte von Robinson Crusoe war zu gut erzählt

Selkirk hatte eine Bibel dabei, baute sich ein Lager, und als seine Kleidung zerschlissen war, nähte er sich ein neues Gewand aus Ziegenfellen wie später Robinson. Defoe verlegte das Ganze nur auf eine Karibikinsel und erfand neben Kannibalen darauf auch Dattelpalmen, Kakaobäume und sogar Seehunde, die es im tropisch feuchtheißen Klima gar nicht gibt.

Was richtig oder falsch war, hat keinen interessiert, die Geschichte war zu gut erzählt. Und ein gottesfürchtiger Kerl, der in der Bibel liest, ein Kreuz aufstellt, in das er jeden Tag eine Kerbe schlägt, und dazu noch einen „guten“ Wilden namens Freitag rettet und missioniert, taugte zum Vorzeige-Christen. Ganz zu schweigen vom brennenden Interesse an fremden Ländern, an der Exotik und einem gewissen Grusel. Und wer sich in der größten Aussichtslosigkeit nicht hängen lässt, dem hilft auch Gott.

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