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Theater Augsburg

08.05.2017

Wettkampf der Religionen

Golden ausgeschlagen ist der Garten Eden in der Augsburger Brechtbühne. Das Heilige grenzt so nah ans Banale und Abstruse.
Bild: Nik Schölzel/Theater Augsburg

Schauspieler verkörpern, was Gläubige der Stadt ihnen anvertraut haben

Seelenfrieden sollte Religion stiften – je mehr, desto besser. Aber wenn etliche Religionen aufeinandertreffen, die allesamt inbrünstig ausgeübt werden, dann entsteht leicht „Unruhe im Paradies“. So heißt nun eine Inszenierung am Theater Augsburg, die aus Vor-Ort-Recherchen über Glaube und Religion hervorgegangen und am Samstag auf der Brechtbühne uraufgeführt worden ist.

Harry Fuhrmann und Christiane Wiegard hielten sich an Luthers Anregung: „Lasset die Geister aufeinanderprallen, aber die Fäuste stille halten.“ Was in einem fiktiven, interreligiösen Bürgerforum nicht einfach ist. Anfangs stellt sich jeder Teilnehmer tolerant und gesprächsoffen vor, doch sobald die Rede auf wunde Punkte kommt, ist es mit der Freundlichkeit vorbei. Der Alevit beklagt, vom sunnitischen Türken nicht anerkannt zu werden; der Jeside misstraut jeglichem muslimischen Imam; der Jude schildert antisemitische Aktionen der Flüchtlinge; der Humanist wettert gegen die Privilegien der Kirchen. Und deren Konfessionen sind sich eh noch immer nicht grün.

Aber dieses Pingpong der Vorbehalte und Vorwürfe alleine, abgehört aus Interviews mit mehr als 40 Alt- und Neu-Augsburgern unterschiedlicher Glaubensrichtungen, erschien dem Regieduo dramaturgisch denn doch zu dünn. Also richtet sich ihr Spot auch öfter auf einzelne Akteure in ihrer konkreten Situation. Statt simpler Schlagworte stehen vielschichtige Persönlichkeiten im Raum.

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Die überzeugte junge Kopftuchträgerin zeigt sich als hippe Discogängerin. Der alevitische Arzt, in Augsburg geboren, ist es leid, immer wieder gefragt zu werden, woher er denn komme. Der alte katholische Pfarrer hadert damit, dass ständig weniger Gläubige in seine Messe kommen, während die Holy Fascination im poppig lobpreisenden Gebetshaus die Leute in Scharen begeistert – obwohl auch seine Gebete zu Herzen gehen. „Glaube ist niemals Bühne“, korrigiert eine Nonne den Überschwang einer entbrannten Charismatikerin. Sie hat sich ihr Leben lang in den Dienst hilfsbedürftiger Menschen gestellt.

Diese gütige Schwester Amanda hat indessen nicht Fleisch und Bein, sie ist vielmehr eine lebensgroße Puppe und somit ein Idealtyp eines religiösen Menschen. Berliner Studierende der zeitgenössischen Puppenspielkunst haben sich hier eingebracht und Szenen mit poetischer Magie wesentlich angereichert. Ihr schneeweißer Kunstmensch bringt es sogar fertig, jegliche Form von Gottesverehrung zu praktizieren, ohne sich in den Streit um die Wahrheit zu verwickeln.

Gibt es womöglich einen gemeinsamen Garten Eden, wie der golden ausgeschlagene Theatersaal nahelegt? Braucht es vielleicht nur eine Prise Humor, um die Verbiesterung in entspanntes Lachen aufzulösen? Die Regisseure Harry Fuhrmann und Christiane Wiegand schaffen in ihrem unruhigen Paradies neue Perspektiven ins Heilige, das mitunter nah ans Banale und Abstruse grenzt. Ohne an Tiefe zu verlieren, darf hier gelacht werden. Einzig die unduldsame Fanatikerin zieht türenknallend ab.

am 12., 19., 20., 26. und 27. Mai; 1., 10., 13., 16. und 25. Juni.

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