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Welt im Umbruch

24.08.2018

Wie der Mensch die Natur bewahren - und nutzen will

Hier, im Global Seed Vault auf Spitzbergen, wird bislang unterirdisch leibhaftige Natur eingelagert: ein Inventar der Pflanzenvielfalt in Form von Millionen Samen aus aller Welt. 
Bild: Imago

Der Mensch bedroht die Natur und will sie dennoch bewahren. Forscher planen deshalb, alle Gene der Erde zu entschlüsseln, zu speichern – und zu nutzen.

Bislang lief die Bewahrung des großen Ganzen unweigerlich über das Kleine. Und sie war ein Rennen gegen die Zeit: Während täglich die Zahl der durch den Klimawandel und durch direkte menschliche Einflüsse gefährdeten und sterbenden Pflanzenarten steigt, werden möglichst viele Puzzleteile der natürlichen Vielfalt gesichert – in einer ehemaligen Kohlegrube auf Spitzbergen. Seit zehn Jahren werden hier, wegen der stabilen Minusgrade auf der Insel im arktischen Norden, Pflanzensamen aus aller Welt eingelagert. Auch, damit im Fall von Naturkatastrophen und Kriegen ein Grundbestand des Lebens und der natürlichen Ernährung gesichert ist.

Der Klimawandel bedroht auch den sichersten Tresor

Der Speicher ist der größte von rund 1400 solcher Anlagen weltweit. 2,5 Milliarden Samen können hier, in einem Berg nahe der Stadt Longyearbyen, aufbewahrt werden. Anfang dieses Jahres waren nach Schätzungen der Welternährungsorganisation bereits Exemplare von 40 Prozent aller Samenarten der Welt gelagert.

Aber der „weltweite Saatgut-Tresor“ hat selbst ein Klimaproblem. Wegen starker Regenfälle und wegen Schneeschmelze wurde bereits im Hitzesommer 2016 Wasser in einem Zugangstunnel gefunden. Der Klimawandel bedroht also auch den sichersten Tresor. Darum wird in Spitzbergen nun bis Mai 2019 an der Sicherheit gearbeitet. Vollkommen aber kann sie für den Informationsspeicher wie die Samen nie werden. So klein sie sind, sie bleiben Materie …

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In zehn Jahren soll das Erbgut aller Pflanzen nutzbar gemacht werden

Nun löst die globale Revolution auch diese letzte Bindung ans Stoffliche auf. Dafür steht das Kürzel EBP, das Earth Bio-Genome Project, ein Projekt zum natürlichen Erbgut der Erde. Im EBP vereint sind renommierte Evolutionsbiologen, Ökologen und Molekulargenetiker, die meisten aus den USA, aber auch aus Europa und China. Der Plan der Wissenschaftler: Sie wollen im Lauf der nächsten zehn Jahre das Erbgut aller Pflanzen, aller Tiere und Pilze entschlüsseln, katalogisieren und nutzbar machen. Man werde, so heißt es, „das Leben sequenzieren, damit das Leben Zukunft hat“. Und eine Webseite des EBP spricht vom „wohl ehrgeizigsten Vorschlag in der Geschichte der Biologie“.

Ihre Pläne stellten die Forscher in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Science vor. 1,5 Millionen Lebewesen wollen sie demnach erfassen, im Amazonas beginnend, und sie hoffen dabei auch auf die Entdeckung bislang unbekannter Spezies, die geschätzt noch mal in die Millionen gehen. Kosten soll das rund 4,7 Milliarden Dollar. Sollte es das nicht wert sein? Wenn die Genome offen liegen, dürften durch sie die Evolution und das Leben besser zu verstehen sein.

Das Sammeln und Auswerten verspricht auch irrsinnig hohen Profit

Aber die hehren Ziele müssen das Geld gar nicht wert sein. Weil sich die Macher nämlich Billionen Dollar an Profiten versprechen, also tausende Milliarden. Durch Biotechnik. Aus einem Katalog des Lebens ließen sich Informationen über das Bestehende hinaus auch neu kombinieren, ließen sich etwa neue Inhaltsstoffe für Medikamente kreieren, neue Organismen schaffen, ausgestorbene wiederbeleben …

Und wenn dieses Vorgehen, natürliches Genmaterial zu bearbeiten und daraus Profit zu schlagen, an Firmen wie Monsanto erinnern mag, die ja zum Besitzer gezüchteter Pflanzensorten wurden und monopolhaft über deren Saat verfügen: Dass so etwas weiterhin nur mit eigens Geschaffenem und nicht schon mit analysierter Natur geschieht, dafür kommt zu EBP noch das Schwesterprojekt EBC, die Earth Bank Codes.

Hier soll dafür gesorgt werden, dass alle Gendaten des Lebens auf der Erde frei zugänglich bleiben, dass sich auf offenen Plattformen Regierungen mit privaten Unternehmen austauschen und Forscher mit Ureinwohnern, etwa aus dem Amazonasgebiet. Das Zusammenspiel von EBP mit EBC ist jedenfalls Anfang des Jahres beim Weltwirtschaftsforum in Davos beschlossen worden. Das sollte bei so zahlungskräftiger Kulisse sicher auch mögliche Sponsoren locken und moralisch beruhigen.

Wird das Wissen über das Leben tatsächlich dem Wohl aller Menschen dienen?

Fragen bleiben trotzdem. Weniger um die technische Möglichkeit des Projekts, denn die Gen-Sequenzierung ist bereits in den vergangenen Jahren rasend schneller und billiger geworden. Sondern Zweifel, ob es denn tatsächlich zu gewährleisten sei, dass das Wissen über das Leben dem Wohl aller Menschen diene. War es nicht zu Beginn des Internet-Zeitalters ähnlich gewesen: Dass sich die Visionäre eine offene, demokratische, hierarchiefreie Plattform für Wissensaustausch und Kommunikation vorgestellt hatten? Dass sich dann aber die großen Unternehmen diese Plattform mit einer solchen Macht zunutze machten, dass sie sie faktisch kaperten und Monopole darauf gründeten? Einen Missbrauch mit den Daten des Lebens auf der Erde – das will sich wohl keiner wirklich vorstellen.

Und dann sind da jene Umweltaktivisten von der ETC Group, die für den Erhalt der Vielfalt kämpfen. Sie fürchten: Wenn erst mal Lebensinformationen erfasst seien, würde man sich um den Erhalt des konkreten, natürlichen Lebens viel weniger kümmern. Es erschiene ja schlicht alles vom Kleinsten auf synthetisierbar – aber die Auswirkungen auf das große Ganze, die Systeme von Natur und Staaten, seien unabsehbar …

Bislang Unvorstellbares scheint nun technisch möglich

So ist es hier wie bei Vielem zu Beginn eines neuen Zeitalters: Bislang Unvorstellbares scheint nun technisch möglich, Fantastisches in absehbarer Zeit umsetzbar. Aber mit den Möglichkeiten wachsen die Gefahren. Und wer sollte den auf Sinn und Vernunft reduzierten Gebrauch des neuen Wissens, der neuen Macht noch kontrollieren können? Und bald schon ist der Einsatz womöglich: Katalog des Lebens!

Andererseits: Die Zeichen stehen immer schlechter, dass der Mensch die Verheerungen, die er durch die technische Entwicklung auf der Erde angerichtet hat, durch eine moralische Bekehrung zur Verantwortung rechtzeitig in den Griff bekommt. Womöglich rettet ihn nur noch die Technik selbst, der Weg weiter, immer weiter voran.

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