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11.09.2019

Wie man mit Büchern Brücken in die Welt baut

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Bücher aus vielen Ländern der Welt standen in den Regalen der Internationalen Jugendbibliothek, als diese vor 70 Jahren in München eröffnete.
Bild: Löffler/IJB

In einer vom Krieg zerstörten Gesellschaft setzte Jella Lepman auf die Kinder und die Kraft der Literatur. Eine Vision, die in der Internationalen Jugendbibliothek fortlebt.

Über diese Idee mag auch heute noch mancher den Kopf schütteln und sich fragen: Ist das wirklich das Dringlichste, was Kinder nach verheerendem Krieg, in Trümmern und bei Lebensmittelmangel brauchen – Kinderbücher aus aller Welt? Für die Journalistin und Schriftstellerin Jella Lepman war es genau das, was in einer desorientierten, von der Nazi-Propaganda deformierten Gesellschaft fehlte, über der sich schon die Gefahr des Kalten Krieges aufbaute. „Lasst uns bei den Kindern anfangen, um diese gänzlich verwirrte Welt langsam wieder ins Lot zu bringen. Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg zeigen“, lautete ihre Vision.

Die jüdische Emigrantin, in Stuttgart geboren und 1936 nach England geflohen, kam nach dem Krieg als Beraterin der amerikanischen Armee für Frauen- und Jugendfragen nach Deutschland zurück. Und fand Kinder vor, die nicht nur nach Essen hungerten, sondern auch nach geistiger Nahrung, die dem Grauen der Nazidiktatur Toleranz, Respekt und Menschlichkeit entgegensetzte. „Die Geschichten, die sie erzählten, sachlich und unbewegt, die Erlebnisse, von denen sie berichteten: Erhängen, Erschießen, Mord, Raub, Verbrechen der niedrigsten Art, nichts war ihnen verborgen geblieben. Trotzdem“, erkannte Lepman, „waren ihre Augen Kinderaugen geblieben, das war das Wunderbare, kaum Fassende.“

Erich Kästner verfasste die Grußbotschaft

Ihre Idee: Eine Ausstellung internationaler Kinderbücher, mit denen die Kinder einen Blick in die Welt werfen sollten, in der Hoffnung, damit Brücken zu bauen, Bücher zu Boten des Friedens werden zu lassen, wie sie es in ihrer Autobiografie „Die Kinderbuchbrücke“ formulierte. Dafür warb sie bei den Besatzern, bei Verlagen und diversen Organisationen, dafür gewann sie Mitstreiter wie Erich Kästner und dafür erbettelte sie sich, weil das Geld knapp war, 4000 Bücher aus 14 Ländern, die ab Juli 1946 – ausgerechnet – im Münchner Haus der Kunst ausgestellt wurden. Wie richtig Lepman damit gelegen hatte, belegt der Ansturm auf die Ausstellung, die später auch in Stuttgart, Frankfurt, Berlin, Hannover, Braunschweig und Hamburg zu sehen war. Die Nachhaltigkeit der Idee zeigt sich auch darin, dass aus der Ausstellung die Internationale Jugendbibliothek (IJB) hervorging, die vor 70 Jahren, am 14. September 1949, in einer kleinen Villa unweit der großen Bayerischen Staatsbibliothek in München eröffnet wurde. „Ihr seid nun Hausbesitzer geworden“, schrieb Erich Kästner in einer Grußbotschaft an all die jungen Leserinnen und Leser, die von nun an einen Ort hatten, an dem ihre Leselust gestillt wurde. Für große Aufregung unter Bibliothekaren sorgte damals die Freihandaufstellung in der IJB – die Besucher konnten sich die Bücher also selbst aus den Regalen holen und darin schmökern. In Deutschland war das ein Novum, Lepman hatte dieses System in den USA abgeschaut.

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Jella Lepman

Die Räumlichkeiten in Schwabing reichen schon lange nicht mehr aus für die inzwischen weltweit größte Bibliothek für Kinder- und Jugendliteratur, die international auch als Forschungsstätte für Literaturwissenschaftler anerkannt ist. 1986 zog die Institution an den westlichen Stadtrand Münchens, ins Schloss Blutenburg. Unter dem Schlosshof lagert der Hauptteil des auf rund 650000 Bücher angewachsenen Bestandes. Wer dort in die eng gestellten Bibliotheksregale schaut, entdeckt Bücher aus 130 Ländern – mittlerweile auch aus Russland. Jella Lepman stieß nach dem Krieg bei russischen Verlagen noch auf wenig Gegenliebe für ihren Aufruf nach Bücherspenden.

Auf diese Spenden ist die IJB übrigens nach wie vor angewiesen, denn einen eigenen Ankaufsetat gibt es nicht. Dennoch wächst der Bestand jährlich um circa 10000 Bücher, erzählt Christiane Raabe, die Nach-Nach-Nachfolgerin Lepmans als Direktorin der IJB. Von ihrem Büro aus hat sie Aussicht auf den sogenannten James-Krüss-Turm, in dem sich ein Museum mit Erinnerungsstücken, Büchern und Skizzen des Dichters aus Helgoland befinden, sowie auf einen Teich und eine Wiese dahinter. „Das weitet den Blick“ sagt Raabe – bezogen auf ihre Arbeit ist das programmatisch.

Mit Büchern für den Zusammenhalt der Gesellschaft

Denn noch immer orientieren sich Profil und Arbeit der IJB daran, die Kinder- und Jugendliteratur in ihrer globalen Vielfalt zu vermitteln – in Schulveranstaltungen, Lesungen, Autorengesprächen, Leseklubs Workshops und Publikationen mit Buchempfehlungen. In einer Zeit, in der Kinder durch Reisen und durch Medien über eine andere Welterfahrung verfügen als vor 70 Jahren, geht es allerdings nicht mehr so sehr darum, was, sondern wie erzählt wird. „Wie eine Geschichte gebaut ist, welche überraschenden Wendungen sie hat, wie mit Sprache gespielt wird, das sind die Stärken der Literatur und dafür wollen wir sensibilisieren“, erklärt Christiane Raabe. Die unterschiedlichen Traditionen einzelner Länder kennenzulernen, das hat vor dem Hintergrund der großen Migrationsbewegungen ebensolche gesellschaftspolitische Relevanz wie zu Zeiten Jella Lepmans. „Sie hat die Fenster zur Welt geöffnet, um Anschluss an die freie Welt zu bekommen. Heute müssen wir mit den Mitteln der Kinderliteratur dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft nicht auseinanderbricht, weil der Zusammenhalt oft nicht mehr gegeben ist“, beschreibt die IJB-Direktorin die veränderten Herausforderungen.

Als erhobenen Zeigefinger will Raabe dies aber nicht verstanden wissen, denn in erster Linie geht es ihr um eines: „Wir wollen vermitteln, dass Lesen eine beglückende Tätigkeit ist.“

  • Die IJB feiert am 20. September von 15 bis 20 Uhr in Schloss Blutenburg in München-Obermenzing ein Internationales Familienfest mit Theater, Tanz- und Musikvorführungen, Lesungen und Workshops.
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