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29.07.2010

Zweigs Paartherapie - "Angst" in Salzburg

Zweigs Paartherapie - «Angst» in Salzburg
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Zweigs Paartherapie - «Angst» in Salzburg
Bild: DPA

Salzburg (dpa) - Das Leben ist ebenso sorgen- wie abenteuerfrei. Die Kinder nerven, der Mann könnte im Bett leidenschaftlicher sein und die Dienstboten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Da kommt der junge Musiker gerade recht und kann ganz andere Saiten der Frau zum Schwingen bringen. Wenn nicht die Angst vor Entdeckung wäre - denn die Fassade muss erhalten bleiben.

Deutlich gegenwärtiger als die stets ausverkaufte Reichen-Schelte "Jedermann" hat die Bühnenfassung der Stefan-Zweig-Novelle "Angst" bei den Salzburger Festspielen der bürgerlichen Gesellschaft den Spiegel vorgehalten. 90 Jahre lang schaffte es der Wahl-Salzburger Zweig nicht in das Programm der Festspiele, doch jetzt erhielt die tiefgründig-analytische Inszenierung Jossi Wielers bei der Premiere am Mittwochabend im Landestheater freundlichen Applaus. Wieler soll von der Spielzeit 2011/2012 an Intendant der Staatsoper Stuttgart werden.

Besonders Elsie de Brauw überzeugte in dem zweistündigen Stück als Anwalts-Gattin Irene Wagner mit vielschichtigem Seelenleben. Erstmals standen bei den Festspielen 2010 damit nicht nur die Befindlichkeiten alternder Männer ("Jedermann", Ödipus und Nietzsche im "Dionysos"), sondern die einer Frau im Mittelpunkt.

Eine hell ausgeleuchtete Bühne, weiße Wände mit Beobachtungs-Schlitzen und Schubladen für Geheimes lassen nur fragmentartig ein Zimmer entstehen. Wohl und geborgen fühlt man sich in so einem Umfeld nicht. Und genauso wenig offen und vertrauensvoll können die dort handelnden Personen mit sich und ihren Gefühlen umgehen.

Zweigs Paartherapie - "Angst" in Salzburg

Irene betrügt ihren Mann und verstrickt sich danach - von einer Erpresserin unter Druck gesetzt - immer mehr in ein Netz aus Lügen und Verzweiflung. Die Erpresserin ist eine von Irenes Mann engagierte Schauspielerin, mit der er seine Frau fast in den Selbstmord treibt.

Wieler hat die 1910 geschriebene Novelle ins Heute geholt und setzt ganz auf die großen Beziehungsfragen: Die Unfähigkeit, seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen, die Diskrepanz zwischen Leidenschaft und Geborgenheit, der Alltag als Vernichter echter Nähe. Mit der Konzentration auf das Seelenleben der Figuren wirkt das Drama auch im Hier und Jetzt noch glaubwürdig, hat aber mit seiner Grundaussage "Reden hilft" etwas Ratgeber-Charakter.

Es scheint etwas wie in einer Gruppentherapie, wenn Irene ins Publikum steigt und dort über die guten und schlechten Seiten ihrer Ehe nachdenkt. Auch in anderen Szenen wird es tiefenpsychologisch, wenn der Körper auf eigener Ebene etwas ganz anderes tut als gesprochen wird. Irene lässt sich von ihrem Liebhaber ausziehen und liebkosen, während sie ihre gute Ehe beteuert. Große Textpassagen erzählen die Figuren fast unbeteiligt in der Dritten Person, was gut zur großen Diskrepanz von Innen- und Außenleben passt.

De Brauw gibt facettenreich eine Dame aus gutem Hause auf der Suche nach ihrem wahren Selbst. So gelöst sie anfangs in den Armen ihres Liebhabers liegt, so panisch fürchtet sie sich später vor dem Verlust ihrer bürgerlichen Ordnung. In ihrer ständigen Selbstbespiegelung - der auch ihre Liebe zu den Kindern zum Opfer fällt - wirkt sie so übertrieben wie später in ihrer Verzweiflung erbarmungswürdig.

André Jung spielt den gemütlichen alternden Anwalt zwischen spröder Selbstherrlichkeit und hilfloser Suche nach Nähe zu seiner Frau. Fast gottgleich erscheint er nach seiner Bestrafungsaktion in einer Loge und wirft dem Apotheker das Geld für das Morphium hin, mit dem sich Irene das Leben nehmen wollte. Nach ihrem Zusammenbruch und der Anklage "Du hast mich ermordet" bricht er aber ebenso in Tränen aus. Katja Bürkle ist Dienstmädchen und Erpresserin zwischen auferlegter Härte und Skrupel.

Wie im echten Leben wird keine von Wielers Figuren klar durchschaubar, Fassade und Innenleben verschwimmen. Und wie in einer guten Psychologiepraxis wird am Ende nicht die Schuldfrage gestellt, es geht um das "was lernen wir jetzt daraus". Ehebruch als Aufbruch in ein wahrhaftigeres Leben. Zum Schluss erscheinen als Mahnung Junge im Anzug und Mädchen im Kleid als Abbild ihrer Eltern. Sie traktieren eine Puppe so emotionslos wie zuvor ihre Eltern sie.

www.salzburgerfestspiele.at

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