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Augsburg

05.10.2019

Zwischen Alltag und Anfällen: Wie Kinder das System sprengen

Eine Szene, die schockiert - aber nicht nur im Kinofilm auftritt: Benni flippt aus, als sie zurück in eine Einrichtung soll.
Bild: Dul Sab, dpa

Plus Ein Kind, mit dem keiner fertig wird – davon erzählt der Film "Systemsprenger". Das gibt es auch in der Region: Zu Besuch in einer Augsburger Wohngruppe.

Die Szenen sind schockierend. Da ist Benni, ein Mädchen, gerade mal neun Jahre alt, die Haare strohblond, die Augen strahlend blau, die Haut fast weiß, so blass. Sie kann lustig und liebevoll, fröhlich und vertrauensvoll sein. Aber wenn diese Wut in ihr aufsteigt, dann ist es, als würde ein Schalter in ihr umgelegt, dann sieht Benni rot. Dann greift sie nach dem nächsten harten Gegenstand im Wohnzimmer, der Lautsprecherstation für den iPod, und knallt ihn wie besessen schreiend ihrer Mutter mit voller Wucht ins Gesicht. Bamm! Der Mama, die sie doch so sehr liebt und von der sie doch auch nur geliebt werden will. Und noch mal: Bamm!

Dann stößt Benni auch ein anderes Kind beim Schlittschuhlaufen einfach um und hämmert schreiend dessen Kopf auf das Eis, immer wieder, bis Blut fließt. Rot auf weiß. Dann hämmert dieses doch so zart wirkende Mädchen auch die eigene Stirn im Auto von innen gegen die Scheibe, schreiend, weil sie nicht zurückwill ins Heim, den Schmerz, die Platzwunde, all das scheint sie einfach nicht mehr zu spüren …

Man hat Angst um dieses Mädchen – und man hat Angst vor diesem Mädchen

Es sind Szenen aus dem Film der Stunde, wohl dem Film des Jahres in Deutschland. Bei der Berlinale prämiert, inzwischen mit über 20 weiteren internationalen Preisen ausgezeichnet, nominiert als deutscher Bewerber für die Oscars. Er stammt von der in Hamburg lebenden Filmemacherin Nora Fingscheidt, die inzwischen nach Los Angeles umgezogen ist, weil ihr dieser Erfolg dort einen Regie-Auftrag eingebracht hat. Und auch die Darstellerin des Mädchens, Helena Zengel, dreht gerade in Hollywood einen Western an der Seite von Superstar Tom Hanks. Als Benni ist sie umwerfend. Man hat Angst um dieses Mädchen – und man hat Angst vor diesem Mädchen. „Systemsprenger“, so heißt der Film – denn so heißt auch das Phänomen, von dem er auf mitunter so schockierende Weise erzählt. Einem Phänomen, das es wirklich gibt. Aber ist es auch wie im Film?

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In der Wohngruppe Kompass des Frère-Roger-Kinderzentrums in Augsburg faltet ein 17-Jähriger die Hände zusammen und wippt mit den Turnschuhen. Seit er vor drei Jahren aus einem Heim geworfen wurde, wohnt er hier mit derzeit fünf anderen Kindern. „Ich war unruhig, habe schlechten Kontakt zu anderen gesucht, provoziert, solche Sachen.“ Aus seinem Mund blitzt eine Zahnspange. „Man wusste nicht mehr, wohin mit ihm“, erzählt sein Gruppenleiter Max Reiser, 33. Heute wirkt der Teenager sortiert. Er hat einen Schulabschluss, eine Freundin und eine Ambition: erst Schreinerlehre, dann zurück zu den Eltern, irgendwann einmal Familie. Eine Erfolgsgeschichte.

Das Frère-Roger ist so etwas wie das Auffangbecken der deutschen Jugendhilfe. 180 Kinder leben hier, fast alle waren schon einmal in einer psychiatrischen Einrichtung. Autisten, Traumatisierte, darunter auch sogenannte Systemsprenger, wie Benni im gleichnamigen Kinofilm.

Heimleiter Sebastian Rausch reibt sich an diesem Begriff. „Er impliziert, dass die Kinder Systeme bewusst sprengen und rebellieren.“ Als gäbe es ein Systemsprenger-Syndrom, ein klassifizierbares Krankheitsbild. Doch Systemsprenger sein ist ein Zustand. Er beschreibt schwer erziehbare Kinder, für die der Staat kein Mittel findet und sie konsequent von einer Einrichtung in die nächste schiebt. Die Hintergründe sind unterschiedlich. Gendefekte, eine drogenabhängige Mutter, Gewalt. Stoff für Titelgeschichten in der Bild.

4000 Systemsprenger gibt es in Deutschland, schätzt Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik, und einer von nur zwei Forschern, die sich hierzulande mit dem Phänomen beschäftigen. Drei davon leben im Augsburger Kinderzentrum. Einer heißt Marc.

Marc existiert in dieser Form nicht, er ist konstruiert. Einzelne Problemkinder sollen hier nicht identifizierbar sein, sie haben es schwer genug. Doch alle Aspekte von Marcs Leben sind so bereits im Kinderzentrum aufgetreten. Sie basieren auf den Erzählungen von Heimleiter Rausch, Betreuer Reiser und dem hauseigenen Psychologen Markus Bauer.

Er fliegt von der Schule und fällt dann durchs Raster

Zum klassischen Systemsprenger wurde Marc, da konnte er noch nicht einmal sprechen. Ein ungewolltes Kind, die Mutter psychisch angeknackst, der Vater gewalttätig. Schreit das Baby, schüttelt er es heftig. Die Sozialpädagogik spricht in diesem Fall von frühkindlichen Bindungsstörungen, Marc würde es wahrscheinlich „eine beschissene Kindheit ohne Liebe“ nennen.

Marc prügelt sich auf dem Pausenhof, verweigert die Hausaufgaben, fliegt von der Schule. Das Jugendamt schaltet sich ein – die erste Systemsprengung. Der Fall durch das Raster beginnt: Familienhilfe, heilpädagogische Tagesstätte, erste Wohngruppe, zweite Wohngruppe. Und schließlich, mit 13, die Kompass-Gruppe im Kinderzentrum.

Die Filmemacherin Nora Fingscheidt hat sieben Jahre lang für „Systemsprenger“ recherchiert, nachdem sie auf den Fall einer 14-Jährigen gestoßen war. Die war dort einfach in einem Obdachlosenheim für Frauen verwahrt, untergebracht, nicht mehr. Fingscheidt, heute 36, verheiratet und Mutter eines achtjährigen Sohnes, schaute sich daraufhin Fälle von Systemsprengern und den Umgang mit ihnen in ganz Deutschland an, lebte manchmal auch für eine Woche mit in den Einrichtungen. Und will ihren Film durchaus auch als Hommage an die Menschen verstanden wissen, die sie kennengelernt hat: Die Betreuer, die das Beste für die Kinder wollten und dabei nicht selten an die Grenzen stoßen – auch die ihrer Möglichkeiten, aber vor allem die ihrer Einrichtungen.

Stellvertretend gibt es zwei Heldenfiguren in ihrem Film. Die warmherzige Frau Befané vom Jugendamt, die immer neue Wege für Benni sucht – und nach dem x-ten Scheitern schließlich zusammenbricht. Und Micha, einen Betreuer mit kurz rasiertem Haar und Narbe am Kopf, harter Kerl, weicher Kern, der selbst eine heftige Jugend hinter sich hat. Er kommt Benni so nah, dass sie ihn sich als Papa wünscht, dass man sich wünschte, er würde sie tatsächlich adoptieren …

Reiser, der Gruppenleiter im Frère-Roger-Kinderzentrum in Augsburg, trägt schwarze Knopf-Ohrstecker, Vollbart, Hut und seinen Schlüsselbund lässig in der hinteren Hosentasche. In der offenen, blauen Küche sind die dreckigen Teller bereits weggeräumt. Für die Bewohner – alle zwischen zwölf und 17 – gibt es hier feste Essenszeiten, Spüldienst, einen Waschraum, ein lichtdurchflutetes Wohnzimmer mit TV und Spielkonsole – absoluter Konfliktherd. Struktur ist in Fällen wie dem von Marc wichtig, sagt Reiser. Aber auch Authentizität. „Bin kurz Blumen pflücken“, verabschiedet sich ein blondes Mädchen mit gezupften Augenbrauen und grinst. „Bring mir eine mit“, antwortet Reiser, der natürlich weiß, dass da gerade jemand flunkert. Das Mädchen legt den Kopf schief. Reiser: „Bei so ’nem blöden Spruch gibt’s ’ne blöde Antwort.“

Psychologe Bauer vergleicht die Betreuung hier mit Seilziehen: „Auf der einen Seite ist das Kind. Es zerrt und zerrt. Wenn die Jugendhilfe am anderen Strang noch fester zieht, fliegt irgendwer oder das Seil reißt. Manchmal muss man auch mitgehen, um über das Seil die Verbindung zu halten.“

Im WG-Flur hängen Fotocollagen: ein Grinse-Selfie vor dem Amphitheater im kroatischen Pula. Kinder beim Schlittenfahren. Zweimal jährlich fahren die Jugendlichen auf Freizeit. Bei einem Camping-Ausflug gesteht Marc seinem Betreuer: „Du bist das, was mir in meinem Leben gefehlt hat.“ An einem anderen Tag hält er derselben Person ein Messer an die Kehle, weil es keinen Nachtisch mehr gibt. Für solche „Krisen“ trägt Reiser immer ein Diensttelefon bei sich.

Da ist der Junge, der immer wieder abhaut

„Der größte Teil der Systemsprenger agiert zu 95 Prozent komplett normal“, sagt Professor Baumann. „Es sind die kleinen Momente, die Wutanfälle.“ Gibt der Lehrer viele Hausaufgaben, fliegen Möbel durch Marcs Zimmer. Bei einer Therapiestunde – fröhliches Brettspielen, Marc gewinnt – steht er auf und spuckt dem Betreuer ins Gesicht. Marc droht sich umzubringen. Immer wieder haut der Junge ab. Für ein paar Tage ist er dann bei flüchtigen Bekannten, ab und zu schreibt er: „Es geht mir gut.“ Phasenweise wird er in der Psychiatrie untergebracht. „Die ersten anderthalb Jahre sind ein Aushalten für alle Beteiligten“, sagt Heimleiter Rausch. Erst dann könne ein Kind mit Bindungsstörungen wirklich ankommen.

Die Filmemacherin Nora Fingscheidt hat am meisten mit dem Schluss ihres Films gerungen: Wie sollte die Geschichte ausgehen? Dass Betreuer Micha Benni nicht adoptieren kann, ist jedem spätestens klar, als das Mädchen, das zu ihm nach Hause geflüchtet ist, auch hier rot sieht – und Micha und seine Frau um ihr Baby fürchten, das die schreiende Benni in Händen hält. Ein Happy End schien Fingscheidt ohnehin zu glatt, zu unrealistisch – unmöglich, nachdem sie ihre Zuschauer ja mit diesem harten Thema packen, aber dann nicht einfach wieder beruhigt nach Hause gehen lassen wollte. Doch auch die erste Drehbuchversion wurde bald verworfen, nach der Benni einfach durch die Sicherheitsschleuse im Flughafen verschwand, auf dem Weg zu einer systemfremden Betreuung in Afrika – auch wenn es solche Modelle tatsächlich gibt.

Als sie dann aber das Mädchen dort wieder ausbrechen und auf die sonnige Flughafenterrasse fliehen und mit ausgebreiteten Armen und einem Lächeln auf den Lippen zum Sprung ansetzen ließ – da meinten 100 Prozent des ersten Testpublikums, das Mädchen springe in den Tod. Am liebsten hätte Regisseurin Fingscheidt ihre Benni dann tatsächlich abheben und davonfliegen lassen, ab ins Fantastische – aber „Systemsprenger“ blieb eben doch ein Low-Budget-Film, unmöglich umzusetzen also. Und so blieb es beim Sprung, aber mit einem kleinen, ergänzenden Kniff: In der letzten Einstellung zerspringt das Bild. Der Film wird gesprengt von dieser Benni. Ende also: offen.

Therapiestunde im Innenhof des Frère-Roger-Kinderzentrums in Augsburg. Während Psychologe Bauer lässig auf einer Baumgabel sitzt und in den Wipfeln über ihm ein Kind klettert, brüllt ein Mädchen nach oben ans Fenster: „Du Hurensohn! Ich hasse dich!“ Aus dem Handy einer Jungsgruppe ballert Rap von Capital Bra: „Ja, sie wollen, dass ich falle, sie könn’s nicht erwarten. Ich will fliegen und nie wieder landen.“

Was wird aus Marc, dem Systemsprenger? Wird er von hier aus hineingleiten können in ein normales Leben? Oder wird er weiter fallen? Mit 18 wird er selbst entscheiden können, ob er weiter Hilfe annimmt. „Die Spannweite“, sagt Forscher Baumann, „reicht von Schulabschluss bis Obdachlosigkeit.“ Im Frère-Roger-Kinderzentrum wissen sie das. Die, die bei den Klassentreffen fehlen, haben es nicht geschafft. Einer sitzt im Knast wegen Betrugs, heißt es. Ein anderer wegen Drogenhandels.

Und dann gibt es die Geschichte eines ganz besonderen Mädchens. Vier Jahre war sie in einer Wohngruppe untergebracht, ein schwieriges Kind. Ihr Betreuer damals: der heutige Heimleiter Rausch. Sie wohnt jetzt ganz in der Nähe. Bei Fragen zu Behördengängen simst sie Rausch manchmal noch an. Einen Job hat sie auch gefunden: als Betreuerin im Frère-Roger-Kindergarten. Von der Systemsprengerin zur Systemstütze.

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