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Die Frage zu Pfingsten: Brauchen wir noch Kirche?

Brauchen wir noch Kirche? Wir haben Menschen aus den Kirchen, der Gesellschaft und Politik gefragt, wie den ehemaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel.
Foto: Sven Hoppe/dpa
Kirche

Theo Waigel: „Kirche ist geistliche Heimat, die ich nicht missen möchte“

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    Alles nicht so einfach gerade. Auch nicht in der Kirche. Auch nicht mit Pfingsten. Das gilt als weithin unbekanntes Fest. Als eines, das den Menschen abstrakt bleibt. Kein Wunder: Weihnachten feiern gar Nicht-Christen und beschenken sich. Dass an Weihnachten der Geburt des Christ-Kindes, sprich Jesu, gedacht wird, weiß jedes Kind. Dass an Ostern nicht nur der Osterhase kommt, sondern dieser Jesus von den Toten auferstanden ist, kann schon nicht mehr bei allen vorausgesetzt werden. Und Pfingsten?

    Das gilt, immerhin, als „Geburtstag“ der Kirche. Oh Wunder! Denn, so liest man in der Bibel: Am Pfingstsonntag, dem 50. Tag der Osterzeit, trafen sich Jesu Jünger in Jerusalem. Plötzlich habe sich ein Brausen vom Himmel erhoben. Der Heilige Geist kam vom Himmel herab – und erfüllte sie mit der Gabe, Sprachen zu sprechen. Um allen von Jesus und Gott zu berichten. „Pfingsten“, vom griechischen „pentekoste“, bedeutet „der fünfzigste Tag“.

    Pfingsten also heißt Aufbruch. Blickt man auf die katholische und evangelische Kirche in Deutschland, denkt man seit Jahren eher an Abbruch. Skandale und Austritte beherrschen das Bild – und verdunkeln, was hell und leuchtend in dieser Institution ist. Was sich viele fragen: Brauchen wir die Kirche noch? Was gibt mir Kirche? Das haben wir Menschen aus den Kirchen, aber auch aus Politik und Gesellschaft gefragt.

    „Humanität ist nicht angeboren und der individuelle Glaube gerne flüchtig“: Pfarrer Rainer Maria Schießler
    „Humanität ist nicht angeboren und der individuelle Glaube gerne flüchtig“: Pfarrer Rainer Maria Schießler Foto: Sammlung Schießler

    Rainer Maria Schießler: „Unsere Kirchen entleeren sich. Aber es braucht Institutionen, die Werte lehren und leben.“

    Rainer Maria Schießler, katholischer Pfarrer von St. Maximilian München und Buchautor

    Ein nahezu dramatischer Ansehensverlust prägt die Kirchen in unserer Gesellschaft seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten. Unvorstellbar hohe Austrittszahlen zeugen von einem lautlosen Abschied aus der Kirche. Der Missbrauchsskandal wirkt dabei wie ein Brandbeschleuniger des Exodus. Doch diese Austritte reichen tiefer. Traditionen vergehen, Kraft und Orientierung schwinden, eine Wertegemeinschaft als moralische Instanz gerät ins Wanken, Zukunftsperspektiven verblassen. Alles, was gesellschaftliche Entwicklung in Westeuropa geprägt hat, was dem Gemeinwesen Halt und Maß verlieh, wird mehr und mehr marginalisiert: Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Solidarität und Aussöhnung. Exakt dafür aber ist die Seelsorge da: als Sorge um den Nächsten, geprägt von Barmherzigkeit, Seligkeit und Gnade. Selbst den letzten Fragen des Menschseins, nach dem Sinn des Lebens, Glück, Liebe, Leid und Tod verweigert sie sich nicht.

    Die Rede ist von Voraussetzungen und Werten, die wir uns weder selbst geben noch aus eigener Kraft hervorbringen können. Dafür braucht es Institutionen, die diese Werte lehren und auch glaubwürdig leben. Werden Werte jedoch nur verkündet, nicht aber verkörpert, entsteht unweigerlich Leere! In ebendieser Leere entleeren sich gegenwärtig auch unsere Kirchen. Zurück bleibt die blanke Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust und ein ständiges Um-sich-selbst-Kreisen ohne Visionen und Überzeugungen, die Menschen im Alltag tatsächlich tragen könnten.

    Kirche aber ist kein Selbstzweck. Sie ist „ekklesia“, eine Herausgerufene in jeder Zeit. Jede Epoche braucht dringend die Einsicht einer Religion, die die Sehnsucht des Menschen nach dem ganz Anderen bewahrt, die Hoffnung auf Gerechtigkeit stärkt und daran festhält, dass das Unrecht nicht das letzte Wort behält. Natürlich gibt es auch außerhalb der Kirche genügend gute Menschen. Doch Humanität ist nicht angeboren und der individuelle Glaube gerne flüchtig. Institutionen hingegen können Traditionen der Liebe, Gerechtigkeit und der Versöhnung einüben, neu formulieren und lebendig halten. Werte bedürfen des Glaubens, nicht zwingend der Konfession, wohl aber des Glaubens an etwas Bedingungsloses und Unverfügbares. Ohne einen solchen Glauben werden Werte kraftlos. Es braucht immer alles: Pflege, Aufführung, Zelebration, Diskussion, mithin auch die Kirchen.

    Die Kraft der Kirche liegt in der Vernetzung: Schwester Nirmalini Nazareth, Generaloberin der Apostolic Carmel Sisters.
    Die Kraft der Kirche liegt in der Vernetzung: Schwester Nirmalini Nazareth, Generaloberin der Apostolic Carmel Sisters. Foto: Deutscher Katholikentag/Weiss

    Schwester Nirmalini Nazareth: „Wer sonst soll Verantwortung übernehmen für so viele Menschen?“

    Sr. Nirmalini Nazareth, Generaloberin der Apostolic Carmel Sisters, Bangalore/Indien. Als Präsidentin der Organisation „Conference of Religious Women India“ vertritt sie mehr als 100.000 katholische Ordensschwestern.

    Wir brauchen die Kirche, zweifellos. Wer sonst soll Verantwortung übernehmen für so viele Menschen? Wer soll sie zusammenbringen? Dafür braucht es eine Struktur. Aber die Kirche als Institution kann nicht länger sagen: „Ich bin die Kirche – und daher tut Ihr dies oder das!“ Hier hat sich etwas geändert, hier verändert sich weiter etwas. Besonders nach der Weltsynode, jenem Bischofstreffen, bei dem es um mehr Teilhabe und Transparenz in der katholischen Kirche ging.

    In meiner Heimat Indien sind Katholiken eine Minderheit von weniger als zwei Prozent der Bevölkerung, ungefähr 18 Millionen Menschen. Ihre Lage wird im Moment täglich herausfordernder. Es wird zunehmend schwieriger für sie, ihren Glauben zu leben – und zwar wegen der Ideologie, die die hindu-nationalistische Regierung verbreitet. Christen gelten militanten Hindu-Nationalisten als Falsch-Gläubige und Fremde. Die Zahl der Attacken auf Ordensschwestern oder Priester steigt, erst vor ein paar Tagen wurden drei baptistische Pastoren im Bundesstaat Manipur im Nordosten in einen Hinterhalt gelockt und getötet.

    Ich persönlich habe keine Angst, weil ich glaube, dass mich Gott auf allen Wegen begleitet. Aber ich bin vorsichtiger geworden. Viele Ordensschwestern sind eingeschüchtert. Trotzdem sind sie überall im Land, um Armen zu helfen oder Kindern Schulbildung zu ermöglichen. Es sind gerade die Ordensschwestern, die Frauen, die einen wichtigen Beitrag für die indische Gesellschaft leisten. Sie sind wirklich einfach überall und nicht aus ihr wegzudenken! Sie sind immer in der vordersten Reihe, auch bei Katastrophen oder politischen Unruhen, um Menschen beizustehen. Ich selbst habe schon Straßenproteste angeführt, im Jahr 2023 beispielsweise, um indische Spitzen-Ringerinnen in ihrem Kampf gegen sexuelle Belästigung und Missbrauch zu unterstützen. Unsere Kraft, die Kraft der Kirche, liegt in der Vernetzung.

    Kirche als Ermutigung für das politische Leben: Theo Waigel, früherer Bundesfinanzminister.
    Kirche als Ermutigung für das politische Leben: Theo Waigel, früherer Bundesfinanzminister. Foto: Ralf Lienert

    Theo Waigel: „Wenn ich irgendwo in der Welt Zeit hatte, in einer Kirche zu verweilen, gab mir das Ermutigung für das politische Leben.“

    Dr. Theo Waigel, Bundesfinanzminister a.D. , CSU-Ehrenvorsitzender

    Der Glaube gibt Halt im Leben, schafft Sinn, überwindet Angst, gibt Orientierung, bietet Zuversicht und Hoffnung auf Transzendenz. Die Kirchen und das Christentum sind unverzichtbares Fundament unseres gesellschaftlichen und persönlichen Lebens, Spender und Bewahrer der Grundwerte, die aus dem christlichen Menschenbild hervorgehen. Die Kirchen und der christliche Glaube bilden lebendige Gemeinschaft, sie sind Begleiter in guten und schweren Tagen und Brücke für das Sein nach dem Tod. Zur Kirche gehören für mich im Sinne von Eugen Biser alle Gläubigen, auch die Nichtgläubigen, die Kirchenfernen und Agnostiker, denen Gott fehlt. Der christliche Glaube in den Kirchen vermittelt die unbedingte Liebe Gottes zu allen Menschen. Der Satz, niemand kann tiefer fallen als in Gottes Hand, ist Trost für uns alle. Kirche ist geistliche Heimat, die den Menschen Identität in einer globalen Welt bietet.

    Wir leben „Zwischen den Zeiten“, wie Karl Barth vor über 100 Jahren geschrieben hat, in einer neuen Unübersichtlichkeit. Es gilt die These von Ernst-Wolfgang Böckenförde, der freiheitliche Staat lebe von vorstaatlichen Voraussetzungen, die er selbst nicht zu schaffen in der Lage ist. Er gründet auf den Werten des Christentums und ein kritischer Philosoph wie der jüngst verstorbene Jürgen Habermas hat dies in seinen letzten Jahren immer deutlicher zum Ausdruck gebracht. Für diese Werte einzutreten, ist die Aufgabe der Christen in unserer Demokratie.

    Der persönliche Glaube und das Verhältnis zur Kirche durchlebt gegensätzliche Stationen. In der Kindheit war es bei mir die volle Hingabe an den Katechismus. Heute empfinde ich es als theologische Zumutung, was ich in meiner ersten Beichte bekennen sollte. Ich erinnere mich widerstrebend an die Theologie der Angst, vor Fegefeuer und Hölle. In der Zeit lehrte man noch, es gebe einen Ort „Limbus“ für die verstorbenen, ungetauften Kinder. Erst vor Jahren wurde dieser theologische Missgriff getilgt.

    Gerne denke ich an meine Zeit als Ministrant, von 1948 bis 1952. Schon damals war ich aufmüpfig, ließ mich vom Messner nicht mehr ohrfeigen und widersprach dem Kaplan. Das führte zum Abschied aus der Ministrantenschar, was mir sehr weh tat. Eine herrliche Zeit war die Gemeinschaft in der katholischen Jugend in Ursberg. Der damalige Superior gewährte uns jede Freiheit, das Jugendheim war zur zweiten Heimat geworden. Später entwickelte sich mein kritischer Glaube, auch im Widerspruch zu manchen Lehren der Kirche. Die Freiheit des Christenmenschen, die Luther postulierte, imponierte mir. Theologen wie Eugen Biser, Hans Küng, Kardinal Lehmann und mein Jugendfreund, Konrad Schreiegg, waren mir in schwierigen Zeiten theologische und menschliche Stützen. Joseph Bernhart, der große Theologe und Philosoph des letzten Jahrhunderts, im gleichen Taufbecken in Ursberg getauft, war mir Mentor und Vorbild. Oft habe ich an seine Aussage gedacht: Jedes Leben ist ein tragisches Leben. Ich hätte mir gewünscht, dass Papst Benedikt XVI. das beherzigt hätte, was er als Theologieprofessor 1972 zum Ausdruck brachte. Wenn ich irgendwo in der Welt Zeit hatte, einen Gottesdienst zu besuchen oder in einer Kirche zu verweilen, gab mir das Ermutigung für das politische Leben. Die Prämonstratenser-Klosterkirche in Ursberg, die Rokokokirche von „heiterer Frömmigkeit“ wie Theodor Heuss sie nannte, in Seeg, die Bürgersaalkirche in München, wo Pater Rupert Mayer begraben ist, die Wies, der „Fingerabdruck des Himmels“, wie sie Reiner Kunze beschreibt, die Basilika in Ottobeuren, die nach einem großen Kirchenkonzert mit Glockengeläut den Weg vom Diesseits ins Jenseits als schwerelos erscheinen lässt, das ist christliche Heimat, meine Kirche, die ich nicht missen möchte.

    „Die Kirche sind wir, nicht der Apparat“: Ludwig Prinz von Bayern.
    „Die Kirche sind wir, nicht der Apparat“: Ludwig Prinz von Bayern. Foto: Julian Leitenstorfer

    Ludwig Prinz von Bayern: „Was wir oft vergessen: Der Apparat ist nicht die Kirche, die Kirche sind wir.“

    Ludwig Prinz von Bayern, Mitgründer der gemeinnützigen Organisation „Learning Lions“, die in Kenia jungen Erwachsenen als Maßnahme gegen Armut unter anderem eine IT-Ausbildung ermöglicht. Auf dem Bildungscampus in Loropio entsteht gerade eine Kirche mit Pfarrhaus und Schwesternkonvent, gefördert vom katholischen Hilfswerk missio München.

    An Pfingsten ist es mir wichtig zu sagen: Ich bin Christ! Meine persönliche innere Heimat liegt in der katholischen Kirche. Sie verbindet mich weltweit auf Augenhöhe mit Menschen, auch wenn Kultur und Lebensumstände verschieden sind. In Bayern und in Kenia, wo ich zehn Jahre leben durfte, habe ich erlebt, wie unterschiedlich Christentum aussehen kann: hier barock, zeremoniell, aber geprägt von der „Liberalitas Bavariae“; dort fröhlicher, direkter, gemeinschaftlicher – aber in einer Gesellschaft, in der Freiheit noch einen langen Weg vor sich hat.

    Wenn heute von „der Kirche“ gesprochen wird, meinen viele zuerst den Apparat. An ihm hängen wir uns auf, ärgern uns, kritisieren manchmal mit Recht. Aber oft vergessen wir dabei seine positiven Leistungen. Vor allem vergessen wir, dass der Apparat nicht die Kirche ist. Die Kirche sind wir: Christen aller Konfessionen, geeint durch die Frohe Botschaft!

    Darin liegt auch die Herausforderung: Diese Kirche muss Kontinente, Kulturen und völlig verschiedene Lebenswirklichkeiten zusammenhalten. Für Katholiken besonders schwer, denn unser „Apparat“ ist einer der ältesten, größten und strapaziertesten der Welt. Gott sei Dank wurde uns für diese Quadratur des Kreises ein Papst geschenkt, der Mathematik studiert hat.

    Unsere Aufgabe als Weltkirche ist nicht, alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu kürzen. Sie besteht darin, Brücken zu bauen, damit Verschiedenheit nicht zur Spaltung wird. Pfingsten bedeutet für mich: Gottes Geist schafft keine Uniformität, sondern Verständigung.

    „Kirche ist für mich kein Gegenüber, sondern ein Begegnungsraum“: Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der EKD.
    „Kirche ist für mich kein Gegenüber, sondern ein Begegnungsraum“: Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der EKD. Foto: Stefan Puchner, dpa

    Anna-Nicole Heinrich: „Kirche inspiriert mich, irritiert mich – und erinnert mich daran, dass ich nicht alles allein schaffen muss.“

    Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

    Pfingsten, das war mal sowas wie ein Startschuss für Kirche. Und jetzt? Braucht es Kirche noch? Ja, nein, vielleicht – was würdest Du sagen? Ehrlich: Für mich ist das die falsche Frage. Welche Kirche brauchen wir heute? Und hier fänd ich Deine Antwort eigentlich viel spannender! Ich versuche mich mal an einer Antwort – ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Pfingsten erinnert mich daran, dass Kirche nie als fertige Institution gedacht war. Sie beginnt mit einem Aufbruch, mit Menschen, die plötzlich verstehen, was sie wirklich trägt – und es weitersagen, in vielen Sprachen, an vielen Orten. Genau das brauchen wir auch heute: eine Kirche, die Sprache findet für das, was Menschen umtreibt. Die in Krisen Halt gibt, ohne einfache Antworten zu verkaufen. Die Verständigungsorte schafft, in denen wir miteinander streiten und beieinander bleiben können. Und die in einer polarisierten Zeit daran festhält: im Anderen immer auch Jesus zu sehen.

    In meiner Kindheit hat Kirche erstmal keine Rolle gespielt, die typischen Tischgebete und Kindergottesdienste kannte ich nicht. Erst später bin ich über den Religionsunterricht in der Grundschule dazu gekommen und war neugierig. Dort und in der Jugendarbeit habe ich erlebt, was ich bis heute liebe: einen Raum, in dem ich angenommen war, ohne mich beweisen zu müssen. Eine Gemeinschaft, in der ich mich ausprobieren konnte. Menschen, die zuhörten, mitstritten, mittrugen. Kirche ist für mich kein Gegenüber, sondern Begegnungsraum. Sie inspiriert mich, irritiert mich – und erinnert mich daran, dass ich nicht alles allein wissen, schaffen, tragen muss.

    In aller Unsicherheit gibt mir der Glaube Halt. Kirche gibt diesem Glauben Gemeinschaft, Sprache und Gestalt. Eine „caring community“, die mich trägt und die ich mittrage. So eine Kirche braucht es. Auch über Pfingsten hinaus. Ohne Kirche würde mir was fehlen.

    „Es braucht die Kirche als Gefäß für die biblische Botschaft“: Publizist Christian Nürnberger.
    „Es braucht die Kirche als Gefäß für die biblische Botschaft“: Publizist Christian Nürnberger. Foto: Thienemann Verlag

    Christian Nürnberger: „Die Kirche ist das Gefäß für die biblische Botschaft: Vor Gott zählt jeder und jede gleich viel. Gerechtigkeit soll herrschen.“

    Christian Nürnberger, Publizist und Autor von Büchern wie „Keine Bibel“ oder „Das Christentum: Für Einsteiger und Insider“

    Brauchen wir die Kirche noch? Aber ja. Wir brauchen sie, damit der Papst, wie jüngst geschehen, in wohlgesetzten Worten, aber dafür umso stärker wirkend, der Welt mitteilt, was von dem durchgeknallten US-Präsidenten im Weißen Haus und dem russischen Despoten im Kreml zu halten ist. Wenn der Papst jedoch sagt, Frauen taugten nicht als Priester und Homosexuelle hätten vor einem kirchlichen Traualtar nichts verloren, dann widersprechen die Evangelischen. Und sprechen damit auch vielen Katholiken aus den Herzen. Deshalb brauchen wir beide, mal den katholischen, mal den evangelischen Teil der Kirche.

    Nun sagen viele: Um mir selbst ein Urteil über Trump oder Putin zu bilden, brauche ich keinen Papst, schon gar nicht eine Institution, die in jüngerer Vergangenheit durch Kinderschänder und Kinderschläger aus den eigenen Reihen aufgefallen ist und in der etwas älteren Vergangenheit durch Kooperation mit Nazis, Faschisten und Mafiosi. Außerdem hat sie Kriege, Folter, Mord, Hexenverbrennungen, die Inquisition und Ausbeutung der Bauern und Leibeigenen auf dem Kerbholz. Stimmt alles, nur: Dass wir das heute alles wissen und straflos kritisieren können, verdankt sich einem Buch, aus dem Sonntag für Sonntag in der Kirche vorgelesen wurde und wird. Wer Ohren hat zu hören, hört daraus die für alle Zeiten notwendige Botschaft: Wahrheit soll gelten. Mächtige dürfen kritisiert werden. Vor Gott zählt jeder und jede gleich viel. Es darf keine Armen geben. Gerechtigkeit soll herrschen. Hungernde sind zu sättigen, Nackte zu kleiden, Flüchtlingen muss geholfen werden. Die Herrschaft von Menschen über Menschen muss aufhören.

    Mag der, der vorn am Altar Gottes Wort vorliest, auch ein gottverdammter Lügner und Zyniker sein – er liest immerhin. Die Gemeinde hört es. Einige trifft es, und die sorgen in unregelmäßigen Abständen dafür, dass das Verlesene wahr wird. Deshalb braucht es die Kirche. Sie ist das Gefäß für diese Botschaft. Ihre Anhänger tragen sie durch die Jahrhunderte und Jahrtausende.

    Was gibt mir Kirche? In meiner Kindheit und Jugend war die Kirche in meinem Bauerndorf der einzige Ort von Kultur für mich. Dafür bin ich ihr bis heute dankbar. Und dafür gebe ich jetzt ihr etwas: mein Geld in Form der Kirchensteuer. Hin und wieder meine öffentliche Fürsprache. Oder ich bringe den Menschen, die für die Kirche längst verloren sind, die Bibel näher.

    Erlebt ein Wachsen einer Kirche, der er sich zugehörig fühlt: Hochschulpfarrer Burkhard Hose.
    Erlebt ein Wachsen einer Kirche, der er sich zugehörig fühlt: Hochschulpfarrer Burkhard Hose. Foto: Sammlung Burkhard Hose privat

    Burkhard Hose: „Die Kirche kann eine wichtige Stimme sein, wenn sie nicht mit den Mächtigen paktiert.“

    Burkhard Hose, katholischer Hochschulpfarrer aus Würzburg und Vorstandsmitglied des Vereins OutInChurch, der sich für eine diskriminierungsfreie katholische Kirche und eine Reform der kirchlichen Sexualmoral einsetzt

    Brauchen wir die Kirche noch? Dazu fällt mir spontan der Konflikt zwischen US-Präsident Donald Trump und dem Papst ein, den Trump immer wieder befeuert. Er hatte Leo XIV. ja unter anderem vorgeworfen, dieser sei „schwach bei der Kriminalitätsbekämpfung“ und „politisch sehr links“ – nachdem der Papst den Irankrieg, den die USA und Israel starteten, „inakzeptabel“ genannt hatte. Und nachdem der Papst ein Ende der „Selbstvergötterung“ und der „Vergötzung des Geldes“ gefordert hatte. Damit will ich sagen: Wir brauchen die katholische Kirche noch, weil sie eine wichtige Stimme sein kann – zum Beispiel, wenn es darum geht, sich inmitten der Inszenierung unverschämter Macht auf die Seite der Benachteiligten zu stellen und den Gedanken des Friedens in der Welt gegen die gerade sehr bestimmende Kriegslogik wachzuhalten. Die Kirche kann diese wichtige Stimme sein, wenn sie sich nicht mit den Mächtigen verbündet und mit ihnen paktiert.

    Bei der Frage, ob wir die Kirche noch brauchen, bemesse ich diese vor allem auch nach ihrem gesellschaftlichen Nutzen: Schafft sie es, die Botschaft Jesu in ihrer gesellschaftlichen Relevanz sichtbar zu machen? Wo sie zu einem frommen Verein der vermeintlich letzten aufrechten Gläubigen verkommt, ist sie für mich überflüssig. Mir gibt sie weiterhin ein Gefühl der Zugehörigkeit, das sich noch aus den volkskirchlichen Erfahrungen meiner Kindheit speist. Das verbinde ich aber mit einer paradoxen Kirchenerfahrung: Einerseits erlebe ich den Zusammenbruch einer Institution, und die Zahl der Austritte ist dafür nur ein Indiz. Andererseits erlebe ich ein Wachsen einer Kirche, der ich mich zugehörig fühle. Damit meine ich Menschen in der Kirche und über die Kirche hinaus, die sich für die Frohe Botschaft einsetzen. Und das ist eine befreiende Botschaft, das ist Empowerment. Mir persönlich gibt das viel.

    Für sie ist die Kirche eine reich gefasste Kraftquelle: Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes.
    Für sie ist die Kirche eine reich gefasste Kraftquelle: Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes. Foto: Philipp von Ditfurth, dpa

    Eva Maria Welskop-Deffaa: „Unsere Gesellschaft kann auf die kirchlichen Angebote nicht schadlos verzichten“

    Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin Deutscher Caritasverband e.V.

    Wir leben in einer Zeit, in der sich viele Menschen offenkundig schwertun, mit der Fülle der Krisen zurechtzukommen. Sie fühlen sich verlassen, es mangelt an Orientierung – im unmittelbaren Umfeld ebenso wie mit Blick auf die Politik. Die Kirche kann in dieser Situation den Menschen Mut machen. Ihr Zuspruch an jeden und jede Einzelne lautet: Du kannst dazu beitragen, dass es besser wird! Du hast viele Begabungen und kannst dich mit anderen zusammentun! Das sind Überzeugungen des Glaubens, die durch die Kirche weitergetragen werden. Unsere Kirche ist eine reich gefasste Kraftquelle, die in Zeiten voller Ängste und Ohnmachtserfahrungen besonders wertvoll und hilfreich ist. Konkret verdanken wir ihr eine große Zahl gemeinschaftsstiftender Angebote und sozialer Dienste, nicht zuletzt die Dienste und Einrichtungen des Deutschen Caritasverbandes, der die Gestalt der katholischen Kirche in Deutschland wesentlich mitprägt. Mit unseren 750.000 Beschäftigten und 500.000 ehrenamtlich Tätigen leisten wir als Caritas konkrete Hilfe bei Lebensproblemen aller Art – von der Sucht über die Wohnungslosigkeit bis zur Pflegebedürftigkeit. Unsere Gesellschaft kann auf diese Angebote schadlos nicht verzichten.

    Ich bin mit den christlichen Traditionen, Texten, Überzeugungen groß geworden: Mir würde schlicht der Boden unter den Füßen weggezogen, wenn ich all das nicht hätte. Meine Motivation zu arbeiten, die Art, wie ich Familie lebe, meine Ansichten, auch meine politischen, fußen auf diesen Glaubensüberzeugungen. Religion stiftet Heimat in Gemeinschaft. Früher war das für mich erfahrbar in meiner Pfarrgemeinde, insbesondere als meine Kinder klein waren und ich dort eine katholische öffentliche Bücherei leitete. Heute sind es die Begegnungen im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, in Katholischen Akademien oder eben im Caritasverband. Das sind Begegnungen, aus denen Freundschaften entstehen und die anstiften zu Hoffnung und Zukunftsmut.

    „Wer soll sonst Werte wie Nächstenliebe aufrechterhalten?“ Franz Maget, Vizepräsident des Bayerischen Landtags a.D.
    „Wer soll sonst Werte wie Nächstenliebe aufrechterhalten?“ Franz Maget, Vizepräsident des Bayerischen Landtags a.D. Foto: Sammlung Franz Maget

    Franz Maget: „Wer soll Werte wie Nächstenliebe, Gewaltfreiheit, Mitmenschlichkeit noch aufrechterhalten, wenn nicht die Kirchen.“

    Franz Maget, Vizepräsident des Bayerischen Landtags a.D., Autor des Buches „Kirche und SPD: Von Gegnerschaft zu Gemeinsamkeiten“

    Große Institutionen verlieren heutzutage Mitglieder. Das ist bedauerlich, aber manchmal sind die Institutionen auch selber schuld daran. Ich glaube daran, dass wir die großen verbindenden Institutionen wie die Gewerkschaften, wie die Volksparteien und eben auch die Kirchen, die christlichen Kirchen, dringend benötigen, weil sie Halt und Orientierung geben können und weil sie das Gefühl der Gemeinsamkeit vermitteln können. In einer Zeit, die so viel Neues bringt, so viel noch nie Dagewesenes, so viel, was die Menschen verunsichert, kann eine Institution diesen Halt liefern und für das Gemeinwesen stabilisierend wirken. Deswegen bin ich ein Anhänger der großen Organisationen, auch wenn sie alle ihre Defizite haben.

    Was mir die Kirche gibt? Ich lese und beschäftige mich viel mit der politischen Entwicklung in Europa und in den Vereinigten Staaten und sehe mit großer Sorge das Erstarken autoritären Gedankenguts und rechtspopulistischer Strömungen. Und gerade in dieser Situation finde ich an meiner katholischen Kirche, der ich angehöre, großartig, dass sie sich dem entgegenstellt. Der Eindruck, dass der Papst mittlerweile der Einzige auf der ganzen Welt ist, der sich Donald Trump entgegenstellt, der beruhigt mich ein Stück weit, weil ich darin sehe, dass die Kirchen ihren Glaubensgrundsätzen und ihrem Werte-Gerüst treu bleiben. Und dazu gehört eben Gewaltfreiheit, dazu gehört Nächstenliebe, dazu gehört Mitmenschlichkeit und das Achten von Menschenwürde. Wer soll diese Werte, die doch wichtig sind, noch aufrechterhalten, wenn es die Kirchen nicht täten?

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