Im Kleinen und Konkreten offenbart sich oft das Große und Grundsätzliche. Da ist ja zum Beispiel die Kommunalwahl in Bayern an diesem Wochenende – an sich schon große Sache bis in die kleinste Kommune hinein freilich. Aber dann begegnen sich da etwa in Augsburg auch noch: die Christsozialen mit dem Slogan „Wir. Du. CSU.“ und die Sozialdemokraten mit dem Motto „SPDu & wir“. Und als kleines Apperçu plakatieren schließlich noch die Grünen: „Die anderen machen nur ihre Politik, wir machen deine.“ Überall wird in der Manier der Möbelhauswerbung – jetzt auch schwäbisch, statt schwedisch – dutzend der Einzelne angesprochen, um für ein je Besonderes zu gewinnen: dieses Wir nämlich. Lustige Laune des Zufalls im Meer der Wahlkampfwortwogen?
Von wegen! Schon eher: Ich bin nur zufällig, feixte die Notwendigkeit. Denn dieses öffentliche Reden vom Wir ist etwas, das seit Jahren zunimmt. Psychologen und Soziologen weisen darauf hin, dass es in Zeiten von Unsicherheit und Ungewissheit, in denen alles von Krisen und Zeitenwenden überall dröhnt, leichter wird, wenn sich der Einzelne dem nicht mehr ganz so vereinzelt ausgesetzt fühlt – sich weniger ausgeliefert, sondern mehr aufgehoben fühlt durch das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft, einem Wir. Weil da auch die eigenen Sichtweisen und Bedürfnisse wahrgenommen und verstärkt werden.
Der vorherige Kanzler hat – ganz Genosse – mit diesem Wir zum Unterhaken aufgerufen. Der jetzige fordert – ganz Vermögensverwalter – mit diesem Wir zu mehr Leistung und Einsatz auf. Das ganz große verallgemeinernde Wir. Auf das auch Medien sich kommentierend zunehmend beziehen. Worauf sich dieses Wir gefasst machen muss, worüber es sich verständigen sollte. Auf das Gerhard Polt, so legendär, dass es sogar auf T-Shirts gedruckt ist, geantwortet hat: „Wer ist wir? Ich nicht!“ Denn wo ist dieses Wir, wo soll es herkommen? Plattitüden und Alibis.
Philosoph Wilhelm Schmid versucht zu vereinen und wurde von beiden Seiten angefeindet
Wie problematisch dieses Wir tatsächlich ist, hat einer erfahren, der es gerade zu fördern, zu retten versucht hat. Bestsellerphilosoph Wilhelm Schmid veröffentlichte nämlich ein Buch mit dem Titel: „Die Suche nach Zusammenhalt – Ich und Wir: Vom schönen und schwierigen Leben in Gesellschaft“. Und hat damit Konflikte erlebt wie mit keinem seiner sehr vielen Werke zuvor auch nur annähernd.
Denn Schmid wollte vermitteln, wollte verbinden, wo heute das wohl meist besprochene Problem in der Konstruktion des großen gesellschaftlichen Wir aus vielen kleinen gemeinschaftlichen liegt: in der Frage des Verhältnisses zur Partei AfD, die sich selbst als ein Wir in Opposition zu allen anderen stilisiert. Und der gegenüber sich alle anderen wiederum gern der Einigkeit versichern – und auch schon mit dem Slogan „Wir sind mehr“ in Massen demonstriert haben. (Die bange Frage im Gepäck: Noch? Denn die Entwicklung schreitet ja voran: Diese Wir-Gruppen sind mitunter nur noch zusammengenommen mehr und können dadurch die Unterschiede untereinander weniger kenntlich machen.)
Dabei erklären die Analysen der Psychologen und Soziologen den Erfolg der AfD bei Wählerinnen und Wählern damit, dass jene Partei ein solches Wir-Gefühl sehr zuverlässig erzeugt, ein betont partielles Wir mit starker Abgrenzung und betontem Markenkern. Nicht von ungefähr sagen auch die Vordenker jener Rechten, die Sellners und Kubitscheks, dass gerade eine oft schon herbeigeredete Spaltung im vermeintlich großen Wir deren Anziehungskraft nur noch weiter befördert. Und genau dagegen wollte der Philosoph anschreiben. Klar in der Ablehnung der Partei selbst, aber doch offen dafür, ins ganz simple Gespräch mit den an die 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Deutschland zu kommen, diese nicht per se aufzugeben und damit selbst die Spaltung zu vollziehen.
Und was passierte? Der beseelte Brückenbauer wurde von beiden Seiten angefeindet. Die eingeschworenen Rechten, denen er begegnete, merken sofort, dass Schmid mit seinem offenen Begriff des Zusammenhalts gerade gegen deren geschlossenen argumentierte – und brachten ihm nichts als Hass entgegen. Von Einzelnen der doch so betont offenen Gesellschaft andererseits wurde er schon mal wütend zur Rede gestellt und vor allem im Internet bereits verurteilt, die Abgrenzung zur AfD aufzuweichen und damit deren Handwerk zu betreiben. Zeitweise reichte das sogar bis in die doch so objektiv daherkommenden Beschreibungen des Philosophen im offenen Online-Lexikon Wikipedia. So also kann es dem ergehen, der verbinden will in einer Zeit, in der die kleinen und teils gegeneinander gerichteten Wir in Social-Media- und Lebenswelt-Blasen mitunter identitätsstiftend sind.
Mal wird gegen die Klimakrise demonstriert, mal im Eigeninteresse gegen die Wehrpflicht
Willkommen im deutschen Wir? In dem jedenfalls auch junge Menschen in Massen als Fridays for Future durch die Straßen ziehen, um der Gesellschaft zu sagen: Kümmert euch um das Klima, kämpft mit uns gegen den Wandel, fühlt euch auch für unsere Zukunft mitverantwortlich – das sei doch Aufgabe und Verantwortung des umfassenden Wir. Dann aber demonstrieren junge Menschen beim nächsten Schulstreik gerade auch freitags gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht, wie sie bis zur Generation ihrer Eltern noch normal war mit Transparenten wie „Nicht mein Kampf!“ und „Wir sterben nicht in euren Kriegen“ – hier pochend also auf ihr eigenes, ihr Partikularinteresse.
Ist Demokratie nicht ohnehin die Frage, welchem Unter-Wir als Wertegemeinschaft oder auch nur Interessensvertretung man sich zugehörig fühlen mag? In Augsburg als: Kreuzt du, ja du Wählerin und Wähler das CSU-, das SPD- oder das Grünen-Wir an? Gerade bei Kommunalwahlen fanden das ja die ansonsten eher demokratiekritischen alten Griechen schon richtig – weil man hier noch persönlich kennt, mit wem man sich gemein macht, von dem man sich vertreten fühlen will. Polts „Ich nicht!“ gälte da lieber den nicht-gewählten Parteien jedenfalls als der Sache an sich, andernfalls ist er als Nicht-Wähler einfach unrepräsentiert. Und wäre damit die ganze Konstruktion der repräsentativen Demokratie als Prinzip unterlaufen? Die ja doch irgendwie, zumindest dem Ideal nach auf ein allgemeines Wir ausgerichtet sein sollte?
Also noch mal: Wo soll das herkommen, wie kann das gelingen? Der grassierende Politverdruss, oftmals durch den Unmut in den kleinen Wir-Gruppen wegen nicht berücksichtigten Partikularinteressen gespeist, würde wohl sagen: Na, von einem endlich mal guten Regieren! Angesichts der Krisen und Unsicherheiten nicht nur ein Unterhaken oder Leistung fordern, sondern Gründe liefern, an ein Gelingen zu glauben! Vertrauen schaffen! Wie früher?
Früher war alles besser? Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hielt davon wenig
Gut 60 Jahre alt ist inzwischen das sogenannte „Böckenförde-Diktum“, benannt nach dem Staats- und Verwaltungsrechtler sowie Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde (1930–2019). Der nämlich schrieb – und das lohnt es, in Gänze zitiert zu werden:
„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“
Manche wollten daraus eine Sehnsucht lesen, Glauben und Kirche sollten wieder Bindewirkung entfalten, die sie vor der Säkularisierung hatten. Aber auch Böckenförde wusste schon, dass es dorthin kein Zurück geben würde (auch wenn das Zurückwünschen gerade heute wieder verbreitet ist, etwa zu einer eben doch von der Politik durchgesetzten „Homogenität der Gesellschaft“). Vielleicht klingt es deshalb auch immer pastoral, wenn Politiker oder Leitartikler das Wir bemühen.
Weg und Zeit aber führen nur nach vorne. „Das große Wagnis“ der freiheitlichen Gesellschaft bleibt. Sie kann nicht einfach eingefordert und nur in den lange gewohnten Wohlstandszeiten offenbar relativ problemlos werden. Ein bisschen kann sie wohl mitgewählt werden, immer wieder, so auch an diesem Wochenende – in der Wahl einer Zugehörigkeit, eines Wir. Aber vor allem bleibt nichts übrig, als halt an ihr mitzuarbeiten und mitzugestalten für alle, die darin einen Wert erkennen. Die Alternative ist bei Böckenförde klar benannt: Totalitätsanspruch – die Perversion des Wir. Und auch das beginnt im Kleinen und Konkreten.
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