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Holocaust-Gedenken
26.01.2022

Neue App des NS-Dokuzentrums München: Die Erinnerungskultur wird digital

In einer Baracke des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers München-Neuaubing.
Foto: Amelie Geiger, dpa

Geschichtsvermittlung geschieht zunehmend im Netz, auch das Gedenken an die Opfer des Holocaust am 27. Januar. Gerade hat das NS-Dokuzentrum München eine neue App gestartet.

Francesco di Nuzzo war 23 Jahre alt, als er nach Neuaubing kam. Ein italienischer Kriegsgefangener, zur Zwangsarbeit in das Lager bei München verschleppt, dort mit Internierten aus der Sowjetunion, Polen, den Niederlanden zur Sklavenarbeit für deutsche Betriebe gezwungen, in Baracken notdürftig untergebracht, schlecht ernährt, misshandelt. Francesco wog im Frühling 1945, als er befreit wurde, nur noch 37 Kilo, der Hunger hatte dazu geführt, dass ihm alle Zähne ausfielen.

Der Italiener war einer von 7000 Arbeitssklaven, die im Lager Neuaubing, einem ehemaligen Reichsbahn-Werk, kaserniert waren, einer von 13 Millionen Zwangsarbeitern im Deutschen Reich während des Zweiten Weltkriegs. Deren Geschichte erzählt jetzt das Münchner NS-Dokumentationszentrum in seinem digitalen Projekt „Departure Neuaubing“. Keine traditionelle Ausstellung mehr, sondern eine Web-App, in der IT-Designer, Medienpädagogen und Künstler Zugänge zur Geschichte der Zwangsarbeit am Beispiel Neuaubing schaffen, noch bevor der Erinnerungs- und Lernort im Jahr 2025 fertiggestellt und betretbar sein wird.

Die Jugendlichen sollen die Themen erkunden und Empathie entwickeln

„Eintreten“ kann man unter der Adresse departure-neuaubing.nsdoku.de aber jetzt schon in digitale Räume, die dokumentarisch und künstlerisch darstellen, wie das damals war in Neuaubing – mit Fotos einer ukrainischen Zwangsarbeiterin, mit Interviews, einer filmischen Stadterkundung oder fiktiven Dialogen zum heutigen Umgang mit dem ehemaligen Lager, auch mit einer „visual novel“ als interaktivem „game“, das auf dem Tagebuch eines jungen niederländischen Zwangsarbeiters beruht, und mit „tools“, die Jugendliche zum Erkunden des Themas anregen, dabei Identifikation und Empathie erzeugen sollen. In Workshops können Schülerinnen und Schüler selbst Comics entwerfen, werden zu „young guides“ ausgebildet, die mal – nicht mehr digital, sondern ganz analog – durch Neuaubing führen können.

Auch in anderen europäischen Ländern, aus denen damals die Menschen verschleppt wurden, ist das digitale Geschichtsprojekt anwendbar; die einschlägigen Begriffe sind ja schon, wie man sieht, in der englischen Lingua franca gehalten. Das Projekt soll aber auch, wie Mirjam Zadoff, Leiterin des NS-Dokuzentrums, Kuratorin Juliane Bischoff und Projektleiter Paul-Moritz Rabe betonen, Plattform für regionale Projekte sein – etwa für das Augsburger Vorhaben „Halle 116“, das aus einem Zwangsarbeiterlager ebenfalls einen Lernort machen will, allerdings noch weit von digitaler Präsentation entfernt ist.

Die Einladungen zu virtuellen Veranstaltungen häufen sich

Um die kommt man heute nicht mehr herum, auch in der Erinnerungskultur und der Geschichtsvermittlung, und die Corona-Pandemie hat das noch forciert. In diesen Tagen vor dem internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar häufen sich die Einladungen zu virtuellen Veranstaltungen des Gedenkens – entweder man „streamt“ Feiern mit wenigen Beteiligten oder man geht am 27. Januar gleich ins Netz, wie etwa der Zentralrat der Sinti und Roma, die Augsburger Erinnerungs-Initiativen oder die Universität Tübingen, die eine unter der Leitung von Prof. Benigna Schönhagen erforschte Datenbank mit den Namen von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen am Gedenktag online stellt – „launcht“, wie es in der Digitalsprache heißt.

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Die Arolsen Archives (früher: internationaler Suchdienst in Bad Arolsen) bauen schon seit geraumer Zeit an einem „digitalen Denkmal“ für die Opfer der Nazi-Diktatur. Unter dem Hashtag #everynamecounts (jeder Name zählt) rufen sie dazu auf, Namen und Lebensgeschichten von Nazi-Opfern zu sammeln und Zeichen zu setzen gegen Rassismus. Auch Arolsen Archives hat dabei die Jugend im Blick – offenbar erfolgreich, wie eine Studie zeigt, die Leiterin Floriane Azoulay zum diesjährigen Gedenktag online stellt. Deren Ergebnis: Die Generation Z, also die heute 16- bis 24-Jährigen, haben ein größeres Interesse an der NS-Geschichte als ihre Eltern, und es geht ihnen dabei nicht nur um die Vergangenheit, sondern um die Gesellschaft, in der sie selbst leben.

Die alte und bange Frage der Erinnerungskultur, ob man junge Menschen überhaupt erreichen könne, scheint also überraschend positiv beantwortet, und zwar nicht zuletzt durch den Einsatz digitaler Medien. „Digital memory“ ist das Schlüsselwort, dem Geschichtsvermittler allenthalben folgen. Das Online-Gedenkbuch der ErinnerungsWerkstatt Augsburg liegt ebenso auf dieser Linie wie das Berliner Projekt „Mapping the lives“.

Für die Erinnerung sollen möglichst viele Menschen gewonnen werden

In München beginnt gerade –ebenfalls zum Holocaust-Gedenktag – eine Kampagne („Crowdsourcing“ sagt man heute), die unter dem Titel „last seen“ (zuletzt gesehen) Menschen dazu aufruft, nach Fotos von NS-Deportationen zu suchen und daraus einen digitalen Bildatlas der Verfolgung zu formen. 80 Jahre ist es her, dass auch jüdische Menschen aus Augsburg und Bayerisch Schwaben über München in die Todesorte Kaunas oder Piaski deportiert wurden, und die Initiatoren der Kampagne (darunter wiederum Arolsen Archives, die Stadt München und die Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft, neben dem Bund eine potente Zuschussgeberin für digitale Geschichtsprojekte) wollen für die Erinnerung daran möglichst viele Menschen gewinnen.

„Gedenken muss heute partizipativ, vernetzt und digital sein“, sagt Maximilian Strnad vom Münchner Institut für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur. Unter anderem erarbeitet er Tools (Werkzeuge) speziell für junge Nutzer des geplanten Bildatlasses. Am 27. Januar wird Strnad map.erinnerungszeichen.de online stellen, den digitalen Überblick über die Gedenkzeichen in der Landeshauptstadt. Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass der schnelle Zugang und die gigantischen Sammlungsmöglichkeiten, die das Internet bietet, nicht die Beschäftigung mit den Opfer-Schicksalen und mit den Täter-Strategien überlagern dürfen.

Die Geschichten der Menschen zu erzählen, bleibt auch unter Internet-Bedingungen eine Aufgabe. Francesco di Nuzzo zum Beispiel, der junge italienische Zwangsarbeiter aus Neuaubing, hat eine bis heute betroffen machende Geschichte. Befreit aus der Zwangsarbeit, abgemagert und krank, galt er daheim in Italien wie so viele Zwangsarbeiter als Verräter oder Kollaborateur, da er ja für den Feind gearbeitet hatte. Di Nuzzo kam als Gastarbeiter ausgerechnet wieder nach München und kellnerte tagsüber im feinen Restaurant Roma an der Maximilianstraße. Nachts hingegen suchten ihn die Albträume aus Neuaubing heim.

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