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Interview
20.09.2022

Reinhold Messner: "Mein Weg war der Weg des Verzichts, und der war erfolgreich"

Der Bergsteiger Reinhold Messner ist auf Tour mit einem Vortrag über den Nanga Parbat.
Foto: Rolf Vennenbernd, dpa

Seine Taten als Bergsteiger sind Legende. Ein Gespräch mit Reinhold Messner über den Nanga Parbat, der sein Leben geprägt hat, den Klimawandel und die italienische Wahl.

Herr Messner, Sie haben im letzten Jahr zum dritten Mal geheiratet und sind am 17. September 78 Jahre alt geworden. Da wird das Privatleben immer wichtiger. Dürfen wir uns Reinhold Messner als glücklichen Menschen vorstellen?

Messner: Das muss man wohl. Obwohl ich angesichts des Todes immer mehr die Absurdität des Lebens erkenne. Umso mehr muss man sich ins Leben hineinstürzen. Man muss dem Tun im Hier und Jetzt Sinn geben. Das ist für mich gelingendes Leben. Ich habe es im Alpinismus gefunden. Für andere mag dieser Alpinismus die Eroberung des Nutzlosen sein, für einen Bergsteiger aber ist er trotz aller Strapazen das Sinnvollste.

Nun sind Sie ja wieder unterwegs mit einem Berg. Und das mit einem, der beinahe Ihr Leben zerstört hat. Der Nanga Parbat hat Ihnen Ihren Bruder Günther genommen. Sie selbst haben das Abenteuer nur knapp überlebt und mussten dann jahrelang gegen Vorwürfe angehen, Sie hätten das Leben Ihres Bruders Ihrem Ehrgeiz geopfert ...

Messner: Dazu ist kein Kommentar mehr nötig. Nach dem Fund von Günthers Überresten bringt es nichts mehr, darüber zu streiten.

Die Vorträge bringen auch für Sie die schmerzhafte Geschichte zurück. Warum tun Sie sich das an?

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Messner: Das würde ich nicht so sehen. Mein Bruder ist in meiner Erinnerung jung geblieben, er lebt in mir weiter. Außerdem geht mein Vortrag weit über die persönliche Geschichte hinaus. Er ist ein Narrativ über einen großen Berg. Ich spanne auch einen weiten Bogen von Mummery über Hermann Buhl und meinem erfolgreichen Alleingang 1978 bis in die Gegenwart. Es geht um einen Schlüsselberg des Alpinismus, nicht um meinen Schicksalsberg. Um die frühe Geschichte des Alpinismus. Anhand von noch nicht gesehenen Fotos können Interessierte nachempfinden, was Bergsteigen bedeutet. Darum geht es mir. Dieses Narrativ will ich um die Welt tragen. Meine Frau und ich planen unter dem Motto „Final expeditions“ Festivals, die dazu dienen sollen, den traditionellen Alpinismus zu verstehen – auch in Australien. Damit bereite ich mich auch darauf vor, die Bühne zu verlassen.

Der Nanga Parbat war ein Wendepunkt Ihrer Karriere. Weil Sie am Berg sieben Zehen verloren, mussten Sie Ihre Kletter-Karriere aufgeben. Sie wurden zum Höhenbergsteiger und haben alle Achttausender erstiegen. Inzwischen sind Karawanen auf dem Weg zum Everest. Wie sehen Sie die Belagerung? Und die Berge von Müll, die dieser Tourismus hinterlässt?

Messner: Also, das mit dem Müll würde ich nicht unterstreichen. Dagegen gibt es inzwischen Regeln. Und die Sherpas nehmen heute alle Sauerstoffflaschen mit ins Tal, um sie neu aufzufüllen. Daran verdienen sie auch. Was den Massenaufstieg angeht, so ist er nur möglich, weil man das Ganze immer mehr erleichtert. Da werden Millionen in Pisten investiert, die Sherpas bauen, und manche Basislager sind luxuriös wie Fünf-Sterne-Hotels. Inzwischen zahlen Gäste über eine Million Dollar und mehr, um zum Gipfel zu kommen. Dafür wollen sie Sicherheit und die besten Sherpas.

Der Klimawandel macht auch vor den Bergen nicht Halt. Das zeigt uns der Eisabbruch an der Marmolata in Südtirol. Die Gletscher schmelzen. Das macht das Bergsteigen gefährlicher. Was raten Sie Bergsteigern, die es trotzdem auf die Gipfel zieht?

Messner: Dass sie vorsichtiger sind als früher. Besonders das Gletschergehen ist gefährlicher geworden, auch weil der Klimawandel in den Bergen mehr greift als im Tal. Hätte man gewusst, dass sich auf der Marmolata unterhalb des Eises ein See gebildet hatte, hätte man die Tragödie verhindern können. Aber man wusste es nicht.

Wenn Sie zurückschauen auf das, was Sie erlebt und erreicht haben, würden Sie sich noch einmal für den Alpinismus entscheiden?

Messner: Das kann ich so nicht sagen. Ich bekomme ja keine zweite Chance. Ich habe mein Leben gelebt. Über den Alpinismus habe ich die Welt begriffen. Viele meiner Taten habe ich aus der Historie heraus entwickelt. Jetzt mache ich Aussagen zum Thema Berg – auch für die nächste Generation. Ich kann zwar verstehen, dass Hallenklettern inzwischen wahnsinnig populär ist. Aber mir liegt das traditionelle Bergsteigen am Herzen. Die Geschichte des Alpinismus ist 200 Jahre alt, ein großartiges Narrativ. Das darf nicht verloren gehen.

Sie haben gesagt, Ihr Erfolg beruhe auf Verzicht. In der Energiekrise ist viel von Verzicht die Rede. Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft fähig ist, zu verzichten?

Messner: Die Frage ist nur, ob dieser Verzicht freiwillig ist. Nur die Freiwilligkeit funktioniert. Dann kann man in den Verzicht positive Werte reinlegen. Ich bin nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen, da war der Verzicht selbstverständlich. Später habe ich erkennen müssen, dass ich mir eine Expedition mit acht Tonnen Ausrüstung und Kosten von einer halben Million Euro wie bei Herrligkoffer nicht leisten könnte. Mein Weg war der Weg des Verzichts und der war erfolgreich. So wie der Verzicht auf Sauerstoff am Everest, der mir neue Wege eröffnet hat.

Während der Hoch-Zeit der Pandemie hat auch der Tourismus gelitten. Es gab kaum Flüge. Inzwischen scheint alles beim Alten, es wird wieder geflogen – weltweit. Wo bleibt da die Nachhaltigkeit?

Messner: Man kann nach Amerika nicht zu Fuß gehen. Wenn man alles verbietet, erreicht man nichts. Ich muss auch fliegen, wenn ich nach Australien will, um dort das Festival zu organisieren. Ich lass’ mir doch das Leben generell nicht verbieten. Wir sind alle reicher geworden durch die Verschwendung von Ressourcen. Jetzt müssen wir gegensteuern, aber ohne Fundamentalismus. Nur mit Verboten werden sich die Leute, die hemmungslos Ressourcen verschwenden, nicht umstimmen lassen.

„Das ist das Fatale an der Heimat, dass man sie verlassen muss, um seinen Horizont zu erweitern. Und dass eine Rückkehr dann irgendwann nicht mehr möglich ist. Denn Heimkehrer sind das Ärgernis der Heimat.“ Das sagte Edgar Reitz in einem aktuellen Spiegel-Interview. Geht es Ihnen ähnlich mit Südtirol?

Messner: Nein, ich bin in Südtirol echt zufrieden. Südtirol ist Südtirol geblieben trotz mancher Konflikte mit der italienisch-sprachigen Bevölkerung. Wir haben uns in über 50 Jahren wichtige Rechte erarbeitet. Sollte Giorgia Meloni mit ihren rechtslastigen Vorstellungen an die Macht kommen, müssen wir diese Rechte verteidigen, damit Südtirol das bleibt, was es ist.

Das Bergsteigen war für Sie die Flucht aus der Enge des Tals. Mit Ihren Museen erinnern Sie an das Leben der Bergvölker, wie es einmal war, und feiern die „echte Wildnis“. Glauben Sie, dass es für künftige Generationen noch Wildnis geben wird?

Messner: Ja, das muss es geben. Das ist die zweite Hälfte meines Anliegens nach dem Erhalt des traditionellen Alpinismus, der die unmittelbare Begegnung mit der Natur ermöglicht. Die Wildnis ist in den letzten Jahren immer weiter zurückgedrängt worden. Das können wir nicht länger zulassen. Dagegen werde ich mich mit aller Kraft einsetzen.

Zur Person

Reinhold Messner ist eine Legende des Alpinismus. Gerade beginnt er seine Vortragstour „Nanga Parbat“. Am 22. September ist er in Fürstenfeldbruck, am 23. September in Augsburg und am 14. November in Memmingen. Tickets auf messner-live.de

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