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Interview
20.06.2022

Smudo von den Fanta4: "Diese politische Grobmotorik, das macht mir Sorgen"

Michael Schmidt, 54, alias Smudo von den Fantastischen Vier
Foto: Franz Schepers

Smudo ist mit den Fantastischen Vier auf Jubiläums-Tour. Das Gespräch in voller Länge: über "Die da!?!" und Luca-App, German Angst und Klimakrise – und das Karriere-Ende.

Werter Herr Schmidt, lieber Smudo, mit Corona-Verzögerung sind Sie nun mit den Fantastischen Vier auf Jubiläumstour. Die reine Rückkehrfreude?

Smudo: Wir machen das jetzt seit 30 Jahren, und natürlich schleicht sich da eine gediegene Routine ein, und dann so ein bisschen abgeschliffen ist, dass das eigentlich eine ganz schön geile Sache ist, die wir da haben. Aber als es jetzt mit den ersten Auftritten nach zwei Jahren Pause wieder losging, war das tatsächlich sehr elektrisierend, nicht nur weil das Publikum so aufgeladen wirkt, dass es einfach nur abgehen möchte – sondern auch innerhalb des Teams. Da nehmen sich schon mal Gitarrenrowdys und Gitarristen mit feuchten Augen in die Arme. Diese Freude trägt uns tatsächlich gerade alle.

Sind solche Jubiläen ein Anlass, um sich mal wieder darauf zu besinnen, wie unglaublich ist, was aus dem geworden, was vor 30 Jahren anfing?

Smudo: Eigentlich fühlen sich die vergangenen 15 Jahre so an, als wären sie komplett in einer Art Jubiläumsmodus vergangen: Album gemacht, Tour gemacht, eine Festivalsaison gespielt – zack die nächsten fünf Jahre vorbei, nächstes Jubiläum. Es war eher jetzt, als wir nach zwei Jahren Pandemie, in denen unsere Hauptjobs weggefallen sind, aus dem Stand wieder zweimal 10.000 Leute in die Hamburger Arena bekommen haben – da staunt man: Guck mal, wie konnte das denn passieren? Oder wenn ich überlege, was wir als junge Männer so alles machen wollten: Informatik studieren beispielsweise mit Schwerpunkt Wirtschaft wollte ich, haha! Andy wollte technische Informatik machen, Michi hat Industriekaufmann gelernt … Nichts davon hätte uns lange bei der Stange gehalten. Hingegen das, wovon alle gesagt haben: „Deutsche Hip-Hop-Musik, was ist das denn für’n Scheiß!“ – das ist das Verlässlichste geworden, was wir als Schwaben machen konnten. Jetzt stehe ich in meinem Haus mit meinen Kindern und sage: Das alles hat der deutsche Hip-Hop gemacht! Das ist schon ein Flash: Unfassbar, dass unser Wille, Musik zu machen, auf der Bühne zu stehen, gemocht zu werden, das ganze Zeug gekifft zu haben, hierhin gebracht hat!

Und die Freude an der Tour trübt auch keine Sorge wegen der Corona-Sommerwelle? Grönemeyer musste ja gleich mal seine ganze Tour abblasen. Bei euch ist das Risiko eher vierfach, oder? Ihr könntet ja wohl kaum als die Fantastischen Drei auftreten …

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Smudo: Dass Grönemeyer ausgerechnet kurz vor den zwei Wochen krank wird, in denen er alle Konzerte durchziehen wollte, das ist wirklich saublöd gelaufen. Bei uns liegen die Shows oft so weit auseinander, dass man eine Erkrankung dazwischen sogar auskurieren könnte. Vor allem aber haben fast alle schon Corona gehabt, insofern sind wir tatsächlich gut mit Antikörpern bestückt, das Risiko für das kleine Kernteam, das im Zweifelsfall nicht zu ersetzen wäre, ist also relativ gering. Aber natürlich haben wir auch unsere Maßnahmen, es gibt keine Backstage-Treffs, wir haben einen eigenen Hygienekreis hinter der Bühne, wir testen uns sehr viel … Klar, man weiß nie, aber ich bin zuversichtlich, dass wir ohne Konzertabsage durch den Sommer kommen.

Sie haben ja selbst am Krisenmanagement in Deutschland mitgewirkt durch Ihr Engagement an der Luca-App, die in der Veranstaltungs- und Gastronomiebranche die verlangte Registrierung von der Zettelwirtschaft ins Digitale verschoben hat. Insgesamt wirkt das digitale Management der Pandemie in Deutschland bis in die Gesundheitsämter hinein nicht gerade geglückt. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Smudo: Unterm Strich hat die Sache mit der Luca-App ganz gut hingehauen, es ist nie zu einem großen Datenabfluss gekommen, der ja immer befürchtet wurde. Ob im Gesamten das Konzept der Kontakt-Nachverfolgung allerdings das Gelbe vom Ei ist, da bin ich mir nicht sicher. Aber vor allem war für mich als linksversifftem Computerfreak die Schärfe, in der die Debatte um den Datenschutz geführt worden ist, erschütternd – weil gerade aus meiner Blase heraus auch stark gegen digitale Helferlein geschossen worden ist. Und eigentlich ausschließlich überwiegend aufgrund von Bedenken und pessimistischen Hypothesen und nicht, weil tatsächlich ein massiver Datenmissbrauch stattgefunden hätte.

Ein deutsches Problem?

Smudo: Ich würde sagen: Das ist eine Form von German Angst, die speziell in den vergangenen zehn Jahren, beobachtbar, ein bedenkliches Ausmaß annimmt. Wie hier bei allem, was versucht, auf digitaler Ebene innovativ nach vorne zu gehen, sofort verlangt wird, dass alles gleich richtig gemacht wird – was ich für unmöglich halte – und ansonsten alles sofort durch Bedenken kaputtlobbyisiert wird: Das ist wirklich ein deutsches Problem. Aus dem Stand konnte aber keiner Auto fahren und flog auch kein neues Flugzeug – alles ist ein Lernprozess. Ausgerechnet im digitalen Zeitalter, in dem wir zum Beispiel sicher nicht mehr ewig alle mit Papierausweisen rummachen werden, darf das so nicht sein? Immerhin haben wir jetzt in dieser Krise gezeigt, dass die heilige Kuh, von wegen man dürfe Daten nicht zentral speichern, das sei zu unsicher, durchaus vom Eis zu holen ist, dass das geht. Und das ist ja schon mal ein positiver Baustein zum Schritt in eine digitalere Welt.

Video: AFP

Durch die Corona-Verspätung sind es jetzt eigentlich 30 Jahre, dass euer bereits zweites Album erschien, das Durchbruchswerk „4 gewinnt“ – und darauf der erste deutsch gerappte Chart-Hit mit „Die da!?!“ Das hat Geschichte geschrieben. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Smudo: Ich weiß noch, wir waren bei irgendeiner krassen ZDF-Schlagershow, Bernd Clüver, der Junge mit der Mundharmonika, war auch da und hat zu uns gesagt: „Hey, ‚Die da!?!‘, tolle Nummer, Alter – was zwei ist, kann auch eins werden!“ Das ist bis heute unser Erinnerungsspruch an die Zeit. Aber von Platz zwei der Charts vorbei an dem Hit des Jahres, dem unvergesslichen „A lalalala long“, haben wir’s damals dann doch nicht mehr geschafft. Die erste Nummer eins war 1995 „Sie ist weg“. Dazwischen lag quasi die Emanzipationsphase mit vielfältiger Musik, viel Engagement, eigener Plattenfirma und einem adäquaten Hit, der dann musiktechnisch nicht so plump daherkam wie „Die da!?!“ – das war dann so die Mischung, die uns zu einer etablierten Band gemacht hat. Aber natürlich war „Die da!?!“ der Song, der unser Leben verändert hat, und die Demarkationslinie ist zwischen „Jetzt sind wir eine kleine Band“ und „Jetzt sind wir ein deutschlandweites Phänomen“.

Der Song hat Ihnen aber auch viel Häme eingebracht …

Smudo: Die Häme kam tatsächlich immer wieder in Wellen, ist uns auch schon zuvor entgegengeschlagen, erreichte bei „Die da!?!“ aber sicher den Höhepunkt. Auf dem Weg von den ersten deutschen Texten ab 1986 bis zur ersten Platte 1991 sind wir auf Hip-Hop-Jams ganz wenigen anderen begegnet, die auch mal vereinzelt deutsch gerappt haben, etwa Advanced Chemistry. Da wurden wir dann schon als exotische Mittelstandsrapper verstanden. Und das deckt sich lustigerweise mit dem, was ich mit der Luca-App nun erlebt habe: Es gibt hier überall sogenannte „Gate Keeper“, Torwächter, die eine Idee einhegt und dann schützt – also sagt, was geht und was nicht und wo oft auch dogmatische Linien gezogen werden. Hier also war es: Hip-Hop-Musik muss aus Amerika kommen und von sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen kommen, nur dann ist es richtig. Dagegen haben wir quasi verstoßen. Und dann haben wir auch noch einen Plattenvertrag bei einem der Major-Labels unterschrieben, das hat dann natürlich die nächsten Hater auf den Plan gerufen. Uns hat es ermöglicht, Geld in aufwendigere Live-Auftritte zu stecken. Aber was bis heute der Punkt ist, auf den wir auch stolz sind: Es ist ja nicht so, dass wir ein bekanntes Rezept genommen und es für uns vereinnahmt haben – es gab durchgehend deutschsprachige deutsche Hip-Hop-Musik bis dahin nicht. Wir waren halt auf der Pionierseite und hatten es eben mit den Skeptikern zu tun.

Inzwischen ist seit vielen Jahren Rap nicht nur die kommerziell erfolgreichste Musik weltweit, sondern auch deutscher Rap auf Spitzenplätze hierzulande abonniert. Aber können Sie mit den Trends zwischen Gangsta- und Emo-Rap noch was anfangen?

Smudo: Vor allem ist Rap ja immer noch eine sehr relevante Jugendkultur, in dem Raster meiner Jugend, zu dessen Entstehung wir als Steigbügelhalter des ganzen Genres in Deutschland mitgewirkt zu haben –das jetzt, mit 54, wo ich selbst langsam aus diesem Raster falle, zu sehen, ist schon toll. Aber wenn ich etwa die Songs des aktuell erfolgreichsten deutschen Rappers höre, der ja auch schon Songs für Helene Fischer geschrieben hat, Montez, da fällt mir schon auf: Das ist bei allem, wie fern mir das durch den Altersunterschied natürlich inhaltlich ist, auch rein musikalisch eine komplett andere Welt. Mich kickt das, ohne dem Künstler zu nahe treten zu wollen, überhaupt nicht. Das ist so soft und so songwriterig, ganz weit weg von der Sprache, die mir im Hip-Hop gefällt mit einer gewissen Sprachakrobatik, einer Kraft im Vortrag … Aber das Fach ist ja inzwischen so riesig, dass man nun wirklich nicht alles toll finden kann und muss.

Sind Ihnen die sogenannten Rüpel-Rapper also lieber, von denen Farid Bang und Kollegah ja gleich mal den Echo versenkt haben?

Smudo: Ich habe das immer mit Wohlwollen und väterlicher Milde betrachtet. Es passt ins Showgeschäft, in dem es wortgemäß ja ums Zeigen geht – eine gewisse Form von Drama ist dem also nicht abträglich. Natürlich bin ich gegen Gewalt und Frauenfeindlichkeit, das ist zu unterlassen. Aber einen gewissen Knalleffekt – das mag ich schon. Ich persönlich hatte jedenfalls an Kool Savas und seinen harten Texten samt seiner Wortakrobatik immer deutlich mehr Vergnügen als daran, wenn mir heute 23-jährige Rapper von ihren Gefühlen erzählen.

Gibt es einen Ihrer Texte, auf den Sie besonders stolz sind?

Smudo: Ich versuche zum Beispiel manchmal, für etwas aus dem Englischen, das mich beeindruckt hat, weil ich es so fürchterlich weise finde, eine deutsche Entsprechung zu finden. Der leider schon gestorbene Rapper Ty hatte zum Beispiel mal die Zeile „Everybody wants to be the best in the world, I just wanna have sex with my girl.“ Das ist ein männliches Mantra und scheinbar so einfach, aber man könnte so vieles da drunter schreiben, Kriege zum Beispiel, die geführt wurden, weil man einfach nicht zu Potte kam … Es ist mir leider nicht gelungen, das einzudeutschen, aber ich habe dann in „Gegen jede Vernunft“ die Reime reingeschrieben in die Szene eines ausgeflippten Künstlers, der im Absinth-Rausch seine Fans in seiner Wohnung empfängt: „Heut’ will jeder Schmock nach vorne, züchtet sich ’nen Koi, ich hab’ kein Bock auf Porno, ich will nur mit dir ins Heu.“ Das sind so Sachen, da grinse ich mir dann eines vor dem Einschlafen, freu mich, dass es lustig geworden ist, es aber keiner kennt, keiner sieht. Das ist mein persönlicher Spaß bei der Reimerei.

Schon vor 30 Jahren haben Sie neben „Die da!?!“ ja auch schon Gesellschaftskritisches geliefert, zum Beispiel den Song „Individuell aber schnell“, ein deutliche Medienkritik vor allem mit Hinblick auf die Auswirkung auf Jungs und Mädchen in der Pubertät. Heute haben Sie selber drei Töchter – und den Text könnte man in die Fragen von Social Media und Influencern wunderbar ins Heute übertragen?

Smudo: Man muss bei Gesellschaftskritischem halt nur immer aufpassen, das hat schnell ein bisschen etwas gymnasial Besserwisserisches, so einfach mal in die Tür zu treten und zu sagen, wie’s geht. Aber mit ein bisschen Gag und als Persiflage machen wir das ja auch heute noch immer wieder. Zum Beispiel im ersten Stück des letzten Albums „Captain Fantastic“ darüber, wie sich Menschen von Verschwörungstheorien und falschen Narrativen beeinflussen lassen: „Alle mosern nach oben, werden belogen / Von Posern und Doofen, die hetzen und drohen / Hass auf den Staat, Bürger mit Sorgen / Ha’m den Kontakt zu den Fakten verlor’n / Alle seh’n rot, niemand das Bremslicht / Feuer verlor’n und dann wird es brenzlich / Nur ein Idiot kommt zur Erkenntnis / Menschen sind irre und Irren ist menschlich.“

Da ist die Medienkritik eher indirekt.

Smudo: Ja, aber mit der direkten muss man als Mensch mit Mitte 50 halt auch ein bisschen aufpassen, das wirkt dann schnell wie ein „Früher war es besser“. Außerdem finde ich die ganze Youtuberei ja toll, das ist ja so etwas wie die Demokratisierung des Unterhaltungsangebots – auch wenn es da, wie überall, natürlich den ganzen Schwach- und Wahnsinn gibt. Aber ich sehe, wie meine Töchter das nutzen, die sind eben viel näher an den Themen der Zeit und sie sind weniger gefiltert. Wir hatten „nur“ die „Tagesschau“, und die haben nun verschiedene Medien, die das Geschehen verschieden interpretieren. Zudem sind nach meinem Eindruck Kinder heute auch viel offener in der Kommunikation mit ihren Eltern über ihre Gedanken und Gefühle. Es wird auch mehr Rücksicht genommen darauf, wie sie sich fühlen. Da ist also sogar einiges heute besser als früher.

Und wie blicken Sie auf die Zukunft Ihrer Töchter? Es gibt da ja zwischen Krieg und Klima aktuell reichlich Gründe, sich Sorgen zu machen.

Smudo: Als es etwa mit der Ukraine losging, war das natürlich nicht einfach. Denn wenn etwas, von dem alle denken, dass es nie passiert, dann doch passiert: Das signalisiert den Kindern, dass es eine unsichere Welt ist – was natürlich ein schlechtes Gefühl ist für sie und ihre Entfaltung. Aber ich versuche immer, Optimismus zu verbreiten, zumal wir ja in einer privilegierten Position sind, in der das Gefühl der Angst und der Bedrohung noch sehr theoretisch ist. Und da hatten die Kinder in den vergangenen zwei Jahren mit Corona ja ihren Stresstest. Und jetzt gilt es die Sache mit der Klimakatastrophe irgendwie zu realisieren. Aber vielleicht ist es ja gerade das, was diese Generation nun eben lernt: mit dieser Form der halbtheoretischen Bedrohung und den Ängsten klarzukommen. Das ist etwas, das sich sehr unterscheidet von meiner Kindheit und dem, was ich damals gelernt habe – davon ist heute nichts anwendbar. Aber es ist eben auch okay, den Kindern zu zeigen, dass diese Entwicklungen auch uns Erwachsene sehr fordern. Die Kinder werden dadurch heute wohl einfach ein bisschen früher erwachsen.

Aber können Sie wirklich zuversichtlich sein, wenn etwa die Lösung der Klimakrise ein weltweites Miteinander der Menschen nötig wäre, an das man erst mal glauben müsste?

Smudo: Es ist ein komplexes Thema, für das es eben keine einfache Lösung gibt. Der Drama-Reflex nach dem Motto „Es passiert etwas Schlimmes, aber man kann es lösen“ – dieses Thema ist in dieser Gleichung nun mal nicht aufzulösen. Und auch die Vorstellung, dass es hier nicht um ein Ergebnis geht, das sich einstellt, sondern um einen Wandel, in dem der Mensch als anpassungsfähiges Wesen viel falsch und viel richtig machen wird, bringt alles andere als Gewissheit. Das ist eine Art der Erzählung, mit der umzugehen wir alle neu erlernen müssen.

Aber geht etwa die Politik richtig damit um?

Smudo: Ich mache seit 20 Jahren grünen Motorsport, also mit Rennwagen mit nachhaltigen Material- und Brennstoff-Technologien – und ich finde es gut, dass jetzt das Ende der Verbrennermotoren beschlossen wurde. Andererseits verstehe ich nicht, warum in der Nutzung die ganzen E-Fuels und nachhaltigen Treibstoffe ausgeklammert wurden, die jetzt bereits einsatzfähig sind und mit denen mittelfristig bis zur vollständigen Verstromung die noch bestehenden Fahrzeuge betrieben werden könnten. Dass das so kategorisch entschieden wird, mit auch einseitigen politischen Debatten, das macht mir Angst. Ich habe manchmal das Gefühl, da bleiben gerade die Feinheiten, die man braucht, um eine klimaneutrale Zukunft hinzubekommen, auf der Strecke, weil man nur mit groben Schlagzeilen und harten Meinungen die Größe an Mehrheiten beschaffen kann, die es erst ermöglichen, dass man in Europa so etwas überhaupt beschließt. Diese politische Grobmotorik, das macht mir Sorgen.

Wie sieht es denn um Ihre persönliche Zukunft und die der Fantas aus? Solange es noch Spaß macht, erst mal weitermachen – oder auch schon mal nachdenken, wann der beste Zeitpunkt zum Aufhören ist?

Smudo: Beides. Denn solche Veränderungen kommen ja nicht von jetzt auf gleich, sondern man wächst so rein. Wie man sich ja auch selbst wandelt: Im 30-Jährigen steckt noch die Adoleszenz drin, aber wenn man so in die 40er hingeht, kommt es langsam schon angefünfzigt mit minimal gebeugterer Haltung und leichtem Bauchansatz; und zwischen 50 und 60 kommt eher die Vorstufe des Greisen, zum Teil auch in Schüben. Mit 48 sagt man noch: Ich mach das, bis ich 65 bin. Um dann mit 53 festzustellen, dass sich ganz schön viel schon geändert hat.

Konkret?

Smudo: Da entwickelt sich zum Beispiel vom Mikrofonhalten und Rumhüpfen auf der Bühne eine „Frozen Shoulder“, und man stellt fest, dass man halt doch eine 400er Ibu nehmen muss, bevor man abends auf die Bühne geht. Das schleicht sich also so an. Wir Fantas genießen gerade durch Corona wieder ein bisschen neu, was wir tun, wissen aber zugleich, dass es endlich ist. Einen konkreten Schluss haben wir noch nicht, aber unsere Pläne gehen nicht mehr so weit. Wir machen immer nur noch das Album und dann eine Tour und dann schauen wir mal. Wir mussten in den vergangenen zwei Jahren auch erfahren, wie schnell solche Gedanken eh überflüssig sein können: Klaus Scharff, der den Sound auf unseren Konzerten wie auf einigen unseren Alben abgemischt hat, ist überraschend gestorben, nicht an Corona, sondern einfach so. Aber sofern man es in der Hand hat, denkt man natürlich darüber nach.

Arbeiten Sie denn schon an einem neuen Album?

Smudo: Ja, wir versuchen, eine neue Platte zu machen, die ja für uns auch immer der Treibstoff ist für kommende Touren. Aber stellen wir uns gerade ein bisschen an, kriegen es nicht so richtig hin, experimentieren rum – das macht Spaß, ist interessant, aber ich kann nicht sagen, ob es zu einem Ergebnis führt.

Und was macht Smudo, was macht Herr Schmidt, wenn es die Fantastischen Vier mal nicht mehr gibt?

Smudo: Weiß ich nicht. Wie mein frommer Schwiegervater zu mir, einem Agnostiker, so schön sagt: „Arbeit ist ja nicht einfach nur Beschäftigung, ist nicht nur Einkommenssicherung, sondern es ist vor allem auch Sinnstiftung.“ Und das ist richtig. Das ist es nun mal, mein Sinn. Danach kann man vielleicht mal noch hier und da als Botschafter Kultur in einer Talkshow seinen Platz haben, aber auch das ist sicher endlich. Ich habe keine Ahnung. Theoretisch, wobei klimatechnisch natürlich gar nicht koscher, würde ich jetzt sagen: Ich nehme mir dann, wenn die Kinder groß und aus dem Haus sind, als Hobbypilot endlich mal die Zeit und fliege einfach alle Plätze in Europa ab, die ich immer mal noch angucken wollte, oder binge meinen Pile-Of-Shame ab, stapelweise ungesehen Filme und Serien – oder lerne endlich mal Klavier … Mal sehen, die Neugier wird’s zeigen.

Zur Person: Smudo wurde als Michael Schmidt vor gut 54 Jahren in Offenbach geboren und wuchs nahe Stuttgart auf. Sein Künstlername als Teil der erfolgreichsten deutschen HipHop-Band, Die Fantastischen Vier, kommt von „Schmuddel“, zuvor Spitznamen wegen seines Outfits. Er lebt seit 25 Jahren in Hamburg ist verheiratet und hat drei Töchter.

Konzerte: Verschoben von Sommer 2020 auf 2021, jetzt tritt Smudo am 24. und 25. Juni 2022 mit den Fantastischen Vier auf dem Münchner Königsplatz auf.

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