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Krisenmanager Biebl fordert Verhaltenskodex für die Münchner Pinakotheken

Interview

Pinakotheken-Chef Anton Biebl: „In der Restitution gibt es kaum Vergleichbares“

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    „Als Museen müssen wir gute Geschichten erzählen“, sagt Anton Biebl, Interims-Geschäftsführer und Krisenmanager der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen
    „Als Museen müssen wir gute Geschichten erzählen“, sagt Anton Biebl, Interims-Geschäftsführer und Krisenmanager der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Foto: Sven Hoppe, dpa

    Herr Biebl, Sie wurden engagiert, um im Freistaat die Museumsoffensive voranzubringen. Durch die Raubkunstaffäre sind Sie gleich noch zum Leiter der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen bestellt worden. Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal
    ANTON BIEBL: Sicher, aber mir war schnell klar, dass man eine Museumsoffensive nicht erfolgreich managen kann, wenn ein Tanker wie die Staatsgemäldesammlungen in schwere See geraten ist. Die Museumsoffensive beschäftigt sich mit den Themen „Profile schärfen“, „Neue Sichtbarkeit“ und vielem mehr. Das kann man nur vorantreiben, wenn das Haus im Inneren wie nach außen hin gut bestellt ist. Also bin ich jetzt dabei, die internen und externen Untersuchungen zu unterstützen und die anstehenden Aufgaben abzuarbeiten.

    Was konnten Sie bereits voranbringen?
    BIEBL: In einem großen Haus muss die Direktion immer ansprechbar sein, deshalb gibt es jetzt eine ständige Vertretung des Generaldirektors. Mir ist eine neue Gesprächskultur ganz wichtig, und dazu müssen wir mehr kommunizieren. Ich habe neue Besprechungsformate eingeführt, die Themen wie Service, Sicherheit oder Öffentlichkeitsarbeit betreffen.

    Wie begegnen Sie den Vorwürfen, es herrsche in den Pinakotheken ein „Klima der Angst“?
    BIEBL: Wir haben jetzt ein Forum, in dem Probleme oder Unzufriedenheit sofort auf den Tisch kommen. Es kann nicht sein, dass jemand die letzte Möglichkeit darin sieht, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil er intern nicht gehört wird. Wir brauchen auch einen klaren Verhaltenskodex. Bei der Stadt München gibt es diesen Kodex seit Jahren. Angestoßen wurde er durch die „MeToo“-Debatte an den Theatern.

    Dann stehen noch die Überwachung von Mitarbeitern, sexuelle Belästigung und die Vernachlässigung der Sicherheit in Raum. Was ist denn Ihr Eindruck?
    BIEBL: Die Beschäftigten, auf die sich die Vorwürfe beziehen, haben zu einem externen Wachdienst gehört und sind gleich nach Bekanntwerden der Vorfälle aus dem Museum ausgeschlossen worden. All diese Vorwürfe sind Teil der internen Untersuchung unter Leitung des Kunstministeriums. Auf alles wurde umgehend reagiert.

    Damit ist die Frage der Sicherheit der Kunstwerke noch nicht geklärt.
    BIEBL: Wir haben seit Juni die Abteilung Sicherheit in den Staatsgemäldesammlungen wieder fest besetzt und eine Strategie entwickelt, um hier besser zu werden. Ich habe mir das vor Ort angeschaut: Die Sicherheit der Werke und der Besucherinnen und Besucher war durchaus gewährleistet.

    Wie ist der Stand bei der Provenienzforschung?
    BIEBL: Die externen Untersuchungen werden durch Prof. Meike Hopp durchgeführt, die der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste vorsteht. Mitte September rechne ich mit ersten Ergebnissen.

    Im Zusammenhang mit der Raubkunstaffäre haben sich verschiedene Rechtsanwälte zu Wort gemeldet, die jüdische Erben vertreten. Immer gab es den Vorwurf, man bekomme an den Staatsgemäldesammlungen keine Antwort.
    BIEBL: Ich habe bereits mit den betreffenden Rechtsanwälten Kontakt aufgenommen, sie auch zu Gesprächen geladen und die eingeforderten Unterlagen übergeben. Es geht mir hier auch um eine neue Art der Kommunikation mit den Anspruchstellern. Ansonsten gilt es hier die Untersuchungsergebnisse von Frau Hopp abzuwarten.

    Wo hakt es, weshalb dauert es so lange, bis es zu einer Restitution kommt?
    BIEBL: Zum Beispiel hakt es an der Erbenstellung. Wer bekommt das Objekt? Die Restitutionen erfolgen in vier Schritten, die man nicht überspringen kann. Tiefenrecherche, Restitutionsentscheidung, Erbenermittlung, Erbenstellung.

    Man wird das Gefühl nicht los, dass sich da ein riesiger Berg an fragwürdigen Kunstwerken angesammelt hat, für deren Recherchen selbst ein vergrößertes Team Jahrzehnte und mehr bräuchte.
    BIEBL: An den Staatsgemäldesammlungen sind rund 6000 Gemälde geprüft und in ein Ampelsystem eingeordnet worden – aktuell 86 rot, also mit Handlungsbedarf, und 442 orange. Der internationale Standard für die sogenannte Tiefenrecherche liegt bei etwa 18 Monaten für ein Werk. National und international dürfte es kaum Vergleichbares geben. Was den Berg betrifft, braucht es noch weitere Strategien. Denn selbst bei der zusätzlichen Personalausstattung von drei Stellen können Sie nicht damit rechnen, dass das 2030 abgeschlossen ist. Da hoffe ich sehr auf Meike Hopp!

    Zu Ihren 23 Bereichen im Münchner Kulturreferat haben auch Museen gehört. Was ist an den Staatsgemäldesammlungen anders?
    BIEBL: Ich wusste in sämtlichen Bereichen verlässlich, was los ist und wo wir hinwollen. Um Ziele zu erreichen, habe ich Handlungsfelder formuliert, und wir hatten das Einvernehmen, dass die Einrichtungen darauf eingehen. Bei den GmbHs gab es eine Mehrjahresplanung, damit ist klar, was personell und finanziell umgesetzt werden soll. Es gibt an den Staatsgemäldesammlungen keinerlei vergleichbare Strategie. Das hat mich irritiert.

    Und die finanzielle Seite?
    BIEBL: Die hat mich auch irritiert. Die Museen unter dem Dach der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen verfügen über keinerlei eigenes Budget. Bisher war ich mehr Selbstständigkeit gewohnt.

    Nun sind Museen keine Konzerne, die man durchökonomisieren kann, aber was sollte sich unbedingt ändern?
    BIEBL: Ich wünsche mir trotzdem mehr ökonomische Fragestellungen. Schließlich müssen wir sorgfältig mit den Steuergeldern umgehen.

    Nun gibt es Häuser wie die Alte Pinakothek, die sich von selbst füllen, und andere wie die Schackgalerie und sicher auch einige Zweiggalerien, die sich schwertun. Könnten schlechter besuchte Häuser künftig das Nachsehen haben?
    BIEBL: Tatsächlich erreichen wir 1,5 Millionen Besucherinnen und Besucher im Verbund der gesamten Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Das heißt, an der Resonanz müssen sich die Museen messen lassen, und völlig am Interesse der Besucher vorbeizuplanen, macht keinen Sinn. Sicher müssen wir auch hier die Reformkommission dazu abwarten. Es ist allerdings zu bedenken, dass wir finanziell nicht aus dem Vollen schöpfen und uns nicht eins zu eins mit Einrichtungen wie dem New Yorker Museum of Modern Art vergleichen können. Dort gibt es ein ganz anderes Haushaltsvolumen.

    Wie kann es dann gehen?
    BIEBL: Uns muss es gelingen, durch Konzepte und Vermittlung weiterhin auf dieser hohen Ebene zu spielen. In die Alte Pinakothek strömen rund 400.000 Besucherinnen und Besucher. Wir haben im Verbund der Staatsgemäldesammlungen im Jahr rund 4600 Veranstaltungen und über 2000 Vermittlungsprogramme – bei einer schwierigen Finanzausstattung! Das funktioniert nur, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihre Sammlung brennen. Wir müssen gute Geschichten erzählen, das ist das A und O, und das kann man auch in der Schack-Galerie.

    Sind Kunsthistoriker als Generaldirektoren ein Auslaufmodell? Oder plädieren Sie für eine Doppelspitze aus einer künstlerischen und einer kaufmännischen Leitung?
    BIEBL: Ich glaube, eine Doppelstruktur wie bei der Oper oder am Haus der Kunst ist sehr hilfreich. Wenn ich sehe, was ich hier abzuarbeiten habe, hilft mir meine juristische Ausbildung und dass ich etwas Verwaltungserfahrung mitbringe. Ich werde mich aber sicher nicht in das künstlerische Programm einmischen.

    Anton Biebl, Interims-Geschäftsführer der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen
    Anton Biebl, Interims-Geschäftsführer der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Foto: Nicole Wilhelms/BSTGS

    Zur Person

    Anton Biebl, 63, ist Verwaltungsjurist und hat von 1991 an bei der Stadt München gearbeitet, 2019 übernahm er die Leitung des Kulturreferats. Seit April managt Biebl die Museumsoffenisve des Freistaats, parallel dazu wurde er zum Interims-Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen bestellt.

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