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Kunst
30.03.2022

Hermann Parzinger im Interview: "In der Ukraine wird Kulturerbe zur Zielscheibe"

"Mit der Ukraine sind wir gerade in permanentem Austausch, telefonisch, per Mail, per WhatsApp“, sagt Parzinger.
Foto: Christoph Soeder, dpa

Exklusiv Krieg bedroht in der Ukraine Kunst und Kultur. Wie deutsche Museen jetzt helfen, erklärt Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und als Wissenschaftler sind Sie seit Jahrzehnten eng mit Russland verbunden. Sie haben die deutsch-russische Zusammenarbeit der Stiftung derzeit auf Eis gelegt, betonen aber Austausch und Unterstützung auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Wie erfolgt das in der Praxis, unter den aktuellen politischen Ereignissen?

Hermann Parzinger: Hier gibt es einen wichtigen Unterschied. Wir haben die offiziellen Kontakte mit Russland – das folgt der Maßgabe der Bundesregierung – auf Eis gelegt, aber nicht abgebrochen. Wir müssen die Verbindung auf persönlicher Ebene aufrechterhalten. Mit unseren russischen Kolleginnen und Kollegen tauschen wir uns immer wieder aus. Vieles muss man zwischen den Zeilen lesen. Es sind ja drastische Strafen erlassen worden, wenn man nur das Wort Krieg verwendet. Intellektuelle, Kunstschaffende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine sehr kritisch. Das Land ist gespalten. Gleich zu Beginn der Invasion haben russische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen offenen Protestbrief gegen den Krieg verfasst. Innerhalb einer Woche haben über 8000 von ihnen unterzeichnet. Das sind bemerkenswerte Zeichen, auf die wir setzen müssen. Zum Glück haben Forschungsfördereinrichtungen und Stiftungen in Deutschland sofort die Unterstützung für geflüchtete ukrainische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler erweitert. Sie nehmen auch Fachleute aus Russland und Weißrussland auf. Das sind die Menschen, an die wir in Zukunft Anknüpfung suchen müssen. Aber die direkte, auch materielle Unterstützung muss jetzt zuallererst der Ukraine gelten.

In einem Interview von 2015 über den damaligen Krimkrieg sagten Sie, dass Kulturbeziehungen ein Hoffnungsanker sind. Wie kann die Stiftung Preußischer Kulturbesitz der Ukraine aktuell helfen, konkret auch beim Schutz von ukrainischen Kulturgütern?

Parzinger: Der Unterschied ist folgender: Nach der Okkupation der Krim waren wir mit unseren russischen Kolleginnen und Kollegen einig, dass wir gemeinsam weiterarbeiten. Jetzt, nach dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, ist die Eskalationsstufe eine andere. Angesichts von so vielen unschuldigen Opfern kann man nicht einfach weitermachen. Mit der Ukraine sind wir gerade in permanentem Austausch, telefonisch, per Mail, per WhatsApp. Die Menschen sind ja überhaupt nicht auf Krieg vorbereitet. Wir holen Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die aus der Ukraine fliehen wollen, aus ihrem Land heraus. Wir nehmen sie auf und integrieren sie in unsere Einrichtungen, solange sie hier sind. Ein großes Anliegen ist zum Beispiel digitaler Speicherplatz: Forschungsdaten, die nicht verloren gehen dürfen, werden auf unsere Speicher überspielt und dadurch gesichert. Und dann unterstützen wir die Ukraine vor Ort bei der Sicherung ihrer Kulturgüter, vor allem bei Museums-, Bibliotheks- und Archivbeständen. Da geht es um ganz einfache Dinge: Verpackungsmaterial und stabile Kisten. Für Evakuierungen ist es vielfach zu spät. Außerdem ist Evakuierung von Kulturgütern immer ein Risiko, denn Transporte können beschossen werden. Insofern müssen wir jetzt schnell und unbürokratisch helfen, Material bereitstellen und für Hilfe sammeln.

Sind Sie anderseits auch besorgt um die russischen Fachkollegen, deren Forschung und Kulturarbeit in Russland?

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Parzinger: Natürlich mache ich mir Sorgen. Kunst und Kultur brauchen Freiraum. Da darf es kein Denkverbot geben. Bei den Repressionen, die derzeit durch das russische Regime ausgeübt werden, ist das kein Klima, in dem sich Kultur und Wissenschaft entwickeln können. Russland hat ein unglaubliches intellektuelles Potenzial. Dieses Potenzials sind sich die Regierenden offenbar nicht ausreichend bewusst. Wissenschaft und Kultur lebt von Freiheit, Internationalität, Austausch. Wenn dieser Austausch nicht mehr möglich ist und wieder eine Art Eiserner Vorhang hochgezogen wird, wird das Land gewiss darunter leiden.

In Hinblick auf eine zukünftige Zusammenarbeit mit staatlichen russischen Institutionen: Kann denn wichtige Projektarbeit nach dem möglichen Abtauen einer Eiszeit ohne Weiteres wieder aufgenommen werden?

Parzinger: Das hängt davon ab, wie lange dieser Krieg dauert und wie tief die Entfremdung zwischen Russland und dem Westen sein wird, ob es wirklich zu einem längerfristigen Abbruch der Kontakte kommen wird. Was die fachlichen und persönlichen Beziehungen betrifft, bin ich optimistischer. Mit dem Puschkin-Museum und dem Staatlichen Historischen Museum in Moskau, mit der Eremitage in St. Petersburg haben wir gemeinsam Beutekunstbestände erforscht. Über 20 Jahre haben wir so ein enges Vertrauensverhältnis aufgebaut. Das trägt weiterhin.

2013 haben Sie den russischen Präsidenten und Angela Merkel durch die Bronzezeitausstellung in der Eremitage in St. Petersburg geführt. Es wurde Beutekunst aus Deutschland in Russland gezeigt. Ein starkes Zeichen, denn die Schau war das Ergebnis fünfjähriger Teamarbeit von Wissenschaftlern aus Berlin und Moskau. Wie haben Sie den russischen Präsidenten damals erlebt?

Parzinger: Ja, der Rundgang erfolgte gemeinsam mit meinem russischen Kollegen Michail Piotrowski, dem Direktor der Eremitage. Der russische Präsident ist der Ausstellung sehr interessiert gefolgt. Zum ersten Mal seit 1945 waren diese wichtigen Bestände in dieser Form zu sehen und zeichneten ein Bild der Bronzezeit vom Atlantik bis zum Ural. Danach haben die Bundeskanzlerin und der Präsident in ihren Ansprachen das Ergebnis dieser deutsch-russischen Kooperation gewürdigt und anerkannt, dass im Kulturbereich auch bei so schwierigen Themen fruchtbar zusammengearbeitet wird und so konstruktive Ergebnisse erzielt werden können. Beide haben betont, dass die Politik hier von der Kulturarbeit lernen könnte.

Eine ihrer jüngsten Publikationen „Verdammt und vernichtet“ über die Geschichte der Kulturzerstörungen seit der Antike ist von schmerzlicher Aktualität. Wie ordnet man die Vernichtung von Kulturgütern in der Ukraine in diesen großen historischen Kontext ein?

Parzinger: Die Geschichte der Kulturzerstörung beginnt im Altertum und verlässt uns seither nicht. Im 20. und frühen 21. Jahrhundert hat sie eine neue Dimension und Dynamik erreicht. Auch in der Ukraine wird kulturelles Erbe zur Zielscheibe. Historische Gebäude, die sogar den Zweiten Weltkrieg überstanden haben, sind komplett zerstört worden. Das Museum von Iwankiw und viele andere sind abgebrannt. Verheerend ist auch der Bombenangriff auf das Theater von Mariupol, in das sich Menschen geflüchtet haben. Die Kernfrage, die sich daran anschließt, lautet: Ist die Vernichtung von Kulturgütern der Kollateralschaden eines verbrecherischen, rücksichtslosen Angriffskrieges. Oder ist sie auch Teil der Strategie, gezielt die kulturelle Identität der Ukrainer zu zerstören. Der russische Präsident hat der Ukraine ja nicht nur deren Eigenstaatlichkeit abgesprochen, sondern auch die kulturelle Eigenständigkeit. Wenn eine Gedenkstätte wie Babyn Jar beschossen wird, ein Symbol für den Holocaust und die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, bekommt man ein Gefühl dafür, dass es in der Vernichtung offenbar keine Grenzen gibt.

Auch das Pergamonmuseum gehört zur Stiftung.
Foto: Maurizio Gambarini, dpa

Das Humboldt-Forum im wieder aufgebauten Berliner Stadtschloss haben Sie als neuen Ort für die außereuropäischen Sammlungen verwirklicht. In der Diskussion über die Restitution von kolonialen Objekten stehen Sie für kritische Reflexion der Vergangenheit. Welche Lösungen schlagen Sie vor?

Parzinger: Als Historiker plädiere ich für eine differenzierte Betrachtung. Schwarz-Weiß-Bilder bringen uns nicht weiter. Mir ist wichtig, dass man sich auch dunklen Kapiteln der Geschichte offen zuwendet. So wie dem schwierigen kolonialen Erbe Deutschlands, das auch von uns verdrängt worden ist. Und das hat Konsequenzen. Das Ziel muss doch sein, dass wir ein neues Verhältnis zum globalen Süden entwickeln. Das kann nur bedeuten: Zusammenarbeit und gemeinsame Erforschung der Bestände, auch gemeinsame Provenienzforschung. Bei vielen Projekten läuft das schon. Natürlich beinhaltet das auch die Rückgabe von Objekten, wie bei den Benin-Bronzen, den herausragendsten und wertvollsten Kunstwerken, die wir in Berlin aus Afrika haben. Dieses Jahr wird es noch eine Eigentumsrückübertragung geben. Aber die nigerianische Seite möchte parallel dazu trotzdem, dass im Humboldt Forum in Berlin wie auch in anderen deutschen Museen weiterhin Kunst aus Benin gezeigt wird. Das Schlimmste wäre, dass jede Kultur nur noch das zeigen darf, was aus ihrem Land, aus ihrem Gebiet stammt. Das wäre eine Renationalisierung der Museen, und das kann nicht die Zukunft sein. Im Gegenteil: Museen müssen mehr über andere Kulturen erzählen. Das wird wichtiger als jemals zuvor. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Die Menschen müssen auch hier einen Teil ihrer Kultur, ihrer Vergangenheit finden. Natürlich nicht um den Preis, dass wir hier gestohlene und geraubte Kulturgüter ausstellen.

Auch das Humboldt Forum in Berlin hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wesentlich mitgestaltet.
Foto: Jens Kalaene, dpa

Würden Sie Ihr Verständnis von „Shared Heritage“ erläutern?

Parzinger: Im Humboldt Forum praktizieren wir eine enge Zusammenarbeit mit Vertretern der Herkunftsländer und Ursprungsgesellschaften. Das steht zwar noch am Beginn, ist aber die eigentliche Mission des Humboldt Forums. Mein Verständnis von „Shared Heritage“ ist Zusammenarbeit auf Augenhöhe, gemeinsame Verantwortung über die Kulturgüter, Austausch von Wissen und Zirkulation von Objekten. Koloniale Objekte einfach nur zurückzugeben, damit ist das Thema nicht erledigt. „Shared“ verstehe ich nicht als „teilen“, sondern als „teilhaben“, das muss der Kern sein. Wie beim Thema Beutekunst. Auch da gibt es verschiedene Rechtspositionen. Und trotzdem konnten sich russische und deutsche Fachleute gemeinsam um diese Kunstwerke und Kulturgüter kümmern. Sie erforschen die Werke, stellen sie aus, tauschen sich ganz eng dazu aus. So kann Museumsarbeit etwas Verbindendes schaffen.

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