Herr Keune, Sie spielen in der aktuellen Hollywood-Produktion „Nürnberg“ den Nazi Robert Ley, der einer der mächtigsten Männer im Dritten Reich war. Welche Reaktion erhoffen Sie sich vom deutschen Publikum?
TOM KEUNE: Na ja, ich erhoffe mir natürlich, dass die Menschen Ley für seine Taten verurteilen. Auch dass sie ihn nicht davonkommen lassen, wie er es ja damals durch einen Suizid versucht hat. Ich wünsche mir, dass die Besucher keinesfalls Sympathien für ihn hegen.
Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet, den damaligen Leiter der Deutschen Arbeitsfront zu spielen, ohne in Klischees zu fallen?
KEUNE: Im Grunde ist Ley ja der klassische Klischee-Nazi. Für mich war es aber gar nicht so schwierig, die Rolle zu finden. Denn er ist keine fiktionale Figur, sondern eine historische. So konnte ich ihn mir wie ein Puzzle aus seiner Biografie zusammensetzen.
Welche Quellen oder historischen Dokumente waren für Ihre Rolle am wichtigsten, um die psychologische Tiefe von Ley zu verstehen?
KEUNE: Wir hatten das Glück, dass der Film auf der wahren Geschichte des US-amerikanischen Psychiaters Douglas M. Kelley (gespielt von Rami Malek/d. Red.) basiert, der nach dem Zweiten Weltkrieg die inhaftierten NS-Hauptkriegsverbrecher im Gefängnis von Nürnberg untersuchen musste. Da liegen viele Versatzstücke aus den Verhören vor, in denen Kelley seine Eindrücke über Ley niedergeschrieben hat. Das ist ein tolles Potpourri, aus dem man sich bedienen konnte. Und darum ist die Herangehensweise anders, als wenn man einen fiktionalen Nazi spielt.
Ley war ein fanatischer Antisemit, der sogar wörtlich „die Ausrottung der jüdischen Rasse“ in Europa forderte. Wie fühlt man sich nach einem Drehtag als Nazi, also wie kann man so eine hasserfüllte Rolle am Abend abstreifen?
KEUNE: Das war überhaupt kein Problem, weil ich ja nicht naiv an die Sache herangegangen bin. Schließlich bin ich mit der NS-Problematik aufgewachsen und habe dabei auch ein Bewusstsein dafür entwickelt. Schon als Gymnasiast habe ich im Leistungskurs Geschichte viel mitbekommen, wir besuchten damals auch das KZ Dachau, da haben wir alle die schrecklichen Originalaufnahmen gesehen. Das heißt, ich hatte mich bereits mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Als Vorbereitung für die Rolle habe ich mich dann aber noch mal sehr intensiv mit Ley beschäftigt und mir die Audiodatei einer seiner Reden angehört. Das empfand ich eher als belastend. Er selbst war stolz auf seine Taten und hatte Lust an der Gewalt. Unerträglich!
Ley hat sogar in seinem Testament hinterlassen, dass die Nazi-Zeit für ihn das Größte war und er das Richtige getan habe. Wie kaputt muss ein Mensch innerlich sein, dass er so eine Sicht haben kann?
KEUNE: Ich kann mir das auch nur so erklären, dass er sich ein Leben lang auf seine nationalsozialistischen Wahrheiten und Glaubenssätze, mit denen er groß geworden ist, eingeschworen hat. Sie waren tief in ihm verankert. Dazu kommt, dass er durch Frontalhirnschaden nach einem Flugzeugabsturz im Ersten Weltkrieg offensichtlich eine Persönlichkeitsveränderung erlebt hat. Solche Verletzungen können zu Impulskontrollverlust, vermindertem Urteilsvermögen und erhöhter Aggressivität führen – Eigenschaften, die Leys späteres, oft enthemmtes Verhalten und seine fanatische Sprache eines Hardliners prägten.
In Deutschland sind wir inzwischen ja auch wieder an einer Art Kipppunkt angelangt, wo sich das Machtgewicht ganz schnell wieder hin zu völkischen Ideen verschieben könnte. Haben die Menschen genug von der Demokratie?
KEUNE: Ich glaube, dass sich viele Leute nicht bewusst sind, in welcher wertvollen Gesellschaft wir leben. Klar kann ich verstehen, dass Menschen enttäuscht darüber sind, weil manche Dinge vielleicht gerade nicht so gut laufen. Aber ich würde dringend davon abraten, den persönlichen Frust dafür zu nutzen, um sozusagen als Denkzettel, aus Protest eine Partei zu wählen, die ein großes Risiko birgt. Vielen ist vielleicht gar nicht klar, was ein Systemwechsel bedeuten würde.
Sie haben erwähnt, nach den Dreharbeiten am liebsten an die Ostsee zu flüchten. Ist dieser Kontrast zwischen Hollywood-Glamour und der Ruhe im Strandkorb Ihr Geheimnis, um auf dem Boden zu bleiben?
KEUNE: Klar, es ist wichtig für mich, immer wieder den Horizont zu schärfen. In dieser Produktion hatten wir tatsächlich die besten Hotels und alle rund um uns waren sehr zuvorkommend. Das taten sie unter der Maßgabe, dass sie uns alles abnahmen, damit wir als Schauspieler unsere beste Leistung bringen konnten. Aber zur Entspannung sitze ich natürlich lieber mit meinen Kindern in einem Strandkorb, trinke ein Bier und guck‘ aufs Meer.
Wenn Ihr Leben ein Film wäre, welcher Schauspieler müsste Sie spielen?
KEUNE: Ooah! Ich liebe Ben Stiller. Denn ich bin ein großer Fan seines Timings in der Komödie. Und der Film müsste ein Roadtrip sein! Ich bin ja viel rumgekommen, Aachen, Ostsee, im Allgäu war ich auch drei Jahre …
... und?
KEUNE: Ich war am Landestheater Schwaben und bin das ganze Allgäu abgefahren. Ich kenne da quasi jede Milchkanne am Wegesrand. Das war mein allererstes Engagement. Ich kam von Kiel nach Memmingen und habe da von Babenhausen bis Lindau alles rauf und runter gespielt.
Da erhält man eine Erdung, die ein Leben lang hält, oder?
KEUNE: Ja, ich hatte sechs Premieren im Jahr und abgesehen von der Sommerpause stand ich immer auf der Bühne. Das war richtig anstrengend. In dieser Form wie damals würde ich das heute konditionell wohl gar nicht mehr schaffen. Aber es war tatsächlich auch prägend, und es gab mir als Berufseinsteiger die Möglichkeit, mich freizuspielen.
Zur Person
Tom Keune, geboren 1975 in Aachen, studierte an der Schauspielschule Kiel und arbeitete an Theatern in Kiel, Dresden, Plauen-Zwickau und am Landestheater Schwaben. Seit 2004 sieht man den in Berlin lebenden Schauspieler vor allem in Film und Fernsehen.
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